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StartseiteUmwelt und VerbraucherAuch Nationalparks und Schutzgebiete müssen sich rechnen24.08.2004

Auch Nationalparks und Schutzgebiete müssen sich rechnen

Gegenwind für Naturschützer in der Slowakei

<strong>Wer in die osteuropäischen Länder in den Urlaub fährt, der macht das - abgesehen von den oft günstigen Preisen - meist wegen der Natur. Endlose Wälder, unberührte Seen und überwiegend kleinstrukturierte Landwirtschaftsbetriebe - in Sachen Natur sind viele osteuropäische Länder einfach Spitze. So auch die Slowakei, ein noch recht junger Staat. Doch wie so oft gilt auch hier der Spruch vom Sein und vom Schein: über die slowakische Idylle wird hinter den Kulissen heftig gestritten. So sollen beispielsweise die Nationalpark-Verwaltungen in Zukunft einen Teil ihres Budgets selbst verdienen, obwohl dafür noch jegliche Voraussetzung fehlt. </strong>

Vn Michael Netzhammer

In der Slowakei zu Hause: der Wolf  (AP)
In der Slowakei zu Hause: der Wolf (AP)

Für die 45 Pferde von Martin Spisiak ist die Bergwiese im Slovensky Raj-Nationalpark im Norden der Slowakei nur ein Platz zum Fressen. Für Pflanzenfreunde ist sie ein Hort der Freude. Denn hier wachsen neben Klappertopf, Kartäusernelke und Zittergras noch weitere 70 Pflanzenarten pro Quadratmeter- so viel wie nirgendwo sonst in Europa. Ohnehin ist die Slowakei in Sachen Natur ein Land der Superlative. Mit seinen neun Nationalparks, 38 Vogelschutzzonen und 382 ausgewiesenen Natura 2000-Gebieten hat der junge Staat fast ein Drittel seines Landes unter Schutz gestellt. Auf den extensiv bewirtschafteten Feldern stelzen Störche, in den Wäldern leben zahlreiche Bären, Wölfe und Luchse. Was wildromantisch klingt, kann auch gefährlich sein, weiß der 20-jährige Pferdehüter Spisiak:

Als die Pferde heute Morgen weideten, spazierte plötzlich ein Bär aus dem Wald und hielt direkt auf mich zu. Erst 30 Meter vor mir bemerkte er meine Gesellschaft. Glücklicherweise schlugen die Hunde an und er trollte sich.

Viele Landwirte und Jäger empfinden die wilden Tiere nicht als Gabe, sondern als Bedrohung. In der Vielzahl der ausgewiesenen Schutzgebiete und in der seit dem EU-Beitritt strengeren Umweltgesetzgebung wiederum erkennen Unternehmer, Politiker, Stadt- und Gemeinderäte Hemmschuhe für künftige Investitionen. Keine Frage, Umweltschützern bläst derzeit der Wind ins Gesicht. Auch auf die Nationalparks stehen vor stürmischen Zeiten. Nach dem Willen der Regierung sollen diese ab Januar 2005 Teile ihres Budgets selbst erwirtschaften. Eine gute Idee mit vielen Haken, so Lucia Bobáková, Landschaftsökologin im Nationalpark Muranska Planina:

Eine solche Entscheidung würde durchaus Sinn machen, aber unsere Organisation ist auf diese bedeutende Veränderung gar nicht vorbereitet. Es gäbe sehr viele Möglichkeiten, aber bisher verbieten uns die rechtlichen Normen, selbst Geld zu verdienen.

So dürfen die Nationalparkverwaltungen weder Eintrittsgebühren erheben, noch können sie das Gelände des Nationalparks ordentlich bewirtschaften, kritisiert die 26-Jährige. Während in Polen, Ungarn oder den westlichen Ländern Parkverwaltungen ihre Wälder und landwirtschaftlichen Flächen eigenständig managen...,

...hängen die slowakischen Nationalparkverwaltungen in der Luft, weil sie weder das Land besitzen, noch es verwalten dürfen.

Aufgrund dieser rechtlichen Konstruktion sind die Parkverwaltungen dem Wohlwollen der Landbesitzer ausgeliefert, weiß auch Heinz Marschalek. Der deutsche Landschaftsarchitekt berät das slowakische Amt für Naturschutz bei der Umsetzung europäischen Rechts beim Management von Natura 2000-Gebieten, weshalb er die miserable Ausgangssituation der Parkranger genau kennt:

Wenn sie irgendwo ein Schild aufstellen wollen, müssen sie die Kommune fragen, wenn sie irgendeinen Weg verändern wollen, müssen sie die Forstverwaltung fragen, sie müssen sich mit allen möglichen Leuten abstimmen, und wenn sie einen Kiosk eröffnen oder egal was, so können sie kein Geld machen im Nationalpark.

Damit die Nationalparks künftig ihr eigenes Budget erwirtschaften können, sollten diese aus der bisherigen Struktur herausgelöst und mit einem eigenen Budget ausgestattet werden. Vor allem müssten sie die Verfügungsgewalt über das Land erhalten, sagt Marschalek. Pläne in diese Richtung aber sieht er nicht. Im Gegenteil. Mit der geplanten Privatisierung der Forstbehörde könnten die Parks noch weiter unter Druck geraten. Schließlich besitzt die staatliche Forstbehörde riesige Flächen in den Nationalparks. Eine private Forstgesellschaft werde noch mehr dem Profit verpflichtet sein, fürchtet Ján Šmidt. Der Forstingenieur im Muránska Planina-Nationalpark setzt deshalb auf die Europäische Union:

Weil unsere Nationalparks auch gleichzeitig Natura 2000-Gebiete sind, hoffen wir auf den Schutz durch die europäischen Gesetze. Werden die Wälder nicht nachhaltig bewirtschaftet, kann die EU die Slowakei mit Sanktionen belegen und dann, vielleicht nur dann, wird unsere Regierung merken, dass etwas falsch beim Naturschutz läuft.

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