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StartseiteKommentare und Themen der WocheIn der Krise steckt die Chance23.06.2018

Audi-Chef Stadler in U-HaftIn der Krise steckt die Chance

Moralisch sei die Branche der Autoindustrie bankrott, kommentiert Silke Hahne. Vorstände und Aufsichtsräte hätten sich weggeduckt und gehofft, der Abgas-Skandal möge vorbeiziehen. Rupert Stadlers Festnahme habe diese Illusion endgültig zerstört. Darin liege aber auch eine Chance.

Von Silke Hahne

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Audi-Chef Rupert Stadler hält eine Rede, über ihm an der Wand die vier silbernen Ringe des Audi-Logos (dpa/Andreas Gebert)
In Ingolstadt und Wolfsburg dürften in dieser Woche ganze Weltbilder zusammengekracht sein, kommentiert Silke Hahne. Auch das des Rupert Stadler (dpa/Andreas Gebert)
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In Ingolstadt und Wolfsburg dürften in dieser Woche ganze Weltbilder zusammengekracht sein. Das des Rupert Stadlers, zum einen. Der Weg von der Führungsetage eines internationalen Konzerns in eine Gefängniszelle in Augsburg-Gablingen ist weit – und er geht steil bergab. Ein Chef kann schalten und walten, über Ressourcen, Geldströme, Personal verfügen. Ein Häftling muss jedes Telefonat beantragen. Zudem hat Untersuchungshaft für Top-Manager Seltenheitswert. Nicht nur für die Öffentlichkeit dürfte das Durchgreifen der Staatsanwaltschaft überraschend gewesen sein. Rupert Stadler dürfte in dieser Woche erkannt haben, dass er angreifbar ist. Dass die Ermittler nicht nur die Kleinen hängen. Für einen wie Stadler, der viele andere in der Dieselkrise hat gehen sehen, hat das Schock-Potenzial.

Schwere Zeiten für die Branche

Bitter dürfte die Festnahme ihres Chefs auch für die Audi-Belegschaft gewesen sein. Einer von ihnen, aufgewachsen auf einem Bauernhof in der Nähe von Ingolstadt. Und jetzt – statt "Vorsprung durch Technik" alles "Vorteilsnahme durch Betrug"? Ein noch so dringender Tatverdacht ist kein Beweis, eine Festnahme kein Schuldspruch. Aber das alles dürfte bei den Audi-Mitarbeitern Zweifel sähen an der Integrität und dem Urteilsvermögen der Audi- und VW-Führungskräfte. Dazu die negativen Schlagzeilen. Und das mitten in der größten Umbruchphase, die die Industrie seit langem gesehen hat.

Kopfzerbrechen hat Stadlers Festnahme mit Sicherheit auch Volkswagen-Chef Herbert Diess bereitet – der Stadler erst kürzlich eine zentrale Rolle in einem neu sortierten VW-Vorstand zugewiesen hat. Ein Neustart für die Firmenkultur, wie von Diess kurz nach seinem Antritt ausgerufen – O-Ton: "Volkswagen muss anständiger werden" – während ein wichtiges Vorstandsmitglied in U-Haft sitzt? Undenkbar.

Feste Familienbande

Nur die Familien Porsche und Piëch scheint der Gedanke nicht beschlichen zu haben, dass sie zu lange an ihrem Intimus Stadler festgehalten haben, dem ehemaligen Büroleiter des langjährigen Familien- und VW-Oberhauptes Ferdinand Piëch. Links und rechts von Stadler wurden Audi-Vorstände von ihren Posten katapultiert. Auch den Rückzug zweier VW-Chefs überstand er. Und selbst seine Festnahme änderte für ganze 24 Stunden erst einmal nichts daran, dass Rupert Stadler wie mit Sekundenkleber an seinem Posten fest zu kleben schien. Erst auf sein eigenes Bitten hin wurde er – vorübergehend – beurlaubt. Als ob ernsthaft die Option bestanden hätte, er könnte seine Aufgaben aus dem Gefängnis heraus wahrnehmen. Oder nach der U-Haft an seinen Schreibtisch zurückkehren, als sei nichts gewesen. Für Außenstehende mutet das absurd an, beinahe schon komisch, würde es hier nicht um den größten Arbeitgeber des Landes gehen.

Aufsichtsgremium hat versagt

Die Porsche-Piëchs haben Stadler gehalten, bis es nicht mehr ging und noch darüber hinaus. Ob aus menschlicher Verbundenheit allein – das wissen nur die Beteiligten. Und obwohl die Familie nicht die Mehrheit der Mandate im VW-Aufsichtsrat stellt: Es hat sie auch niemand daran gehindert. Das komplette Aufsichtsgremium hat damit versagt. Vielleicht erschien es den Kontrolleuren zu riskant, reinen Tisch zu machen. Vielleicht hatten sie Angst davor, was eine ernsthafte Aufklärung zutage fördern würde? Darauf deutet zumindest hin, was diese Woche bekannt wurde: Laut Medienberichten zahlt Audi einem wegen des Skandals geschassten, früheren Abteilungsleiter eine Abfindung und vermeidet damit einen öffentlichen Streit vor dem Arbeitsgericht. Der Mitarbeiter hatte umfangreich bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Jetzt hat einer eine Schweigeklausel unterschrieben. Mit der offensiven Vermeidung von Transparenz steht der VW-Konzern aber nicht alleine da:  Auch Daimler und Bosch haben bisher immer nur das zugegeben, was sich nicht mehr leugnen ließ. Tabula rasa – die geht anders.

In der Krise steckt die Chance

Man kann von Glück sagen, dass dieser Skandal die Autoindustrie ökonomisch nicht ruiniert hat, Glück im Sinne der Arbeitnehmer. Moralisch aber ist die Branche bankrott. Vorstände und Aufsichtsräte haben sich weggeduckt und gehofft, der Skandal möge vorbei ziehen. Rupert Stadlers Festnahme hat diese Illusion endgültig zerstört.

Und hierin liegt eine Chance. Was Appelle an Anstand und Verantwortungsgefühl bisher nicht vermocht haben, könnte die Angst vor einer öffentlichkeitswirksamen Amts-Demontage bewirken: dass der Clan im Volkswagen-Reich den Generationenwechsel beherzt angeht. Und damit einem modernen Verständnis von Compliance und guter Unternehmensführung Platz macht. Dass Führungskräfte in der ganzen Industrie tief in sich gehen, bevor sie nach der Verlängerung ihrer Verträge greifen. Und dass die Aufsichtsräte eines gelernt haben: Wenn sie nicht aufklären, tun es andere.

Silke Hahne (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Silke Hahne (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Silke Hahne, Jahrgang 1987, hat in Münster und Leipzig Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus studiert, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Sie war Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, anschließend Volontariat beim Deutschlandradio. Sie arbeitet in der Deutschlandfunk-Redaktion "Wirtschaft und Gesellschaft".

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