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StartseiteHintergrundAuf dem Weg zum Gottesstaat?14.02.2005

Auf dem Weg zum Gottesstaat?

Der Irak nach dem Wahlsieg der Schiiten

Die irakische Wahlkommission hat gesprochen: 48 Prozent, fast jede zweite Stimme also für die Schiitenliste. Der Irak des Saddam Hussein ist endgültig untergegangen. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass der nächste Premierminister ein Schiit aus einer religiös orientierten Partei sein wird. Für den Sunnitenpolitiker Hakim Muchliss, den Vorsitzenden des 'National Democratic Movement’, ist damit der größte anzunehmende Unfall eingetreten. Nach diesem überragenden Wahlergebnis für die Schiiten, prophezeit Muchliss, dürften die Teheraner Mullahs nichts unversucht lassen, den Irak zu einer islamischen Republik à la Khomeini umzumodeln.

Eine Sendung von Marc Thörner

Anhänger des irakischen Wahlsiegers Grossayatollah Ali al-Sistani (AP Archiv)
Anhänger des irakischen Wahlsiegers Grossayatollah Ali al-Sistani (AP Archiv)
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Teheran macht daraus kein Geheimnis, dass es in der irakischen Innenpolitik mitmischen will. Was mich betrifft: Ich will gerne in Frieden mit unseren Nachbarländern leben. Aber was soll diese Einmischung in die irakische Politik? Der Irak sollte ein Land für die Iraker sein.

Viele Schiiten reagieren auf solche Befürchtungen mit einem nachsichtigen, wenn auch verständnisvollen Lächeln. Scheich Hamma Hammoudi, von SCIRI, der einflussreichsten schiitischen Partei, zum Beispiel: So etwas höre er nicht zum ersten Mal. Kein Grund zur Panik, wiegelt er ab.

Die Tore der Interpretation sind weit geöffnet. Unsere Gelehrten haben die verschiedensten Staatstheorien entwickelt. Khomeinis Theorie ist wirklich nur eine von vielen, sie unterscheidet sich grundlegend von den Auffassungen des Ayatollah Bakr al Sadr, und dessen Ideen unterscheiden sich wiederum von denen Scheich Shams-ed-Dins und diese wiederum von denen unseres ermordeten Parteigründers Ayatollah Bakr al Hakim. Mein Mardscha oder Lehrmeister zum Beispiel ist Ayatollah Shams-ed-Din. Und Shams ed-Din ist gegen eine Regierung durch die Religionsgelehrten. Er spricht von einer Regierung durch eine Verfassung. Aber in der derzeitigen Situationen spielen theoretische Konzepte ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Wir müssen in erster Linie praktisch denken und realistische Lösungen suchen.

Weder Scheich Hammoudi noch irgendein anderer Politiker von SCIRI streitet ab, dass die größte Schiitenpartei massiv aus Teheran unterstützt wird. Schließlich ist Sciri, der 'Hohe Rat für eine islamische Revolution’, Anfang der 80er Jahre in der iranischen Hauptstadt gegründet worden. Ebenso wichtig aber ist ein anderer Aspekt: Nicht Teheran ist das Weltzentrum des schiitischen Islam. Nicht einmal die iranische Universitätsstadt Ghom. Das Weltzentrum der Schia ist Najaf, im Irak. In den unzähligen theologischen Seminaren rund um die Grabmoschee Imam Alis, in den Cafés, selbst an den Straßenecken wird hier diskutiert. Hunderte von Geistlichen scharen ihre Studenten um sich; und alle warten sie mit unterschiedlichen Antworten auf. Eine islamische Republik à la Khomeini? Das reißt hier niemanden vom Stuhl. Längst hat sich die Diskussion über Khomeinis kuriosen Mischmasch aus Kommunismus, Antikolonialismus und Schia-Ritualen erledigt. Populär ist dieses Gebräu hier ohnehin niemals gewesen. Wenn es so etwas wie einen "mainstream" gäbe in Najaf, dann entspräche er der folgenden Idee: Irdische Gerechtigkeit kann es ohnehin erst dann geben, wenn der entschwundene 12. Imam, auf dessen Rückkehr die Schiiten warten, wiederkehrt. Denker wie Großayatollah Sistani, der spirituelle Führer der Schiiten im Irak, sehen im Hier und Heute deshalb bloß ein Provisorium. Und dieses Provisorium, so meinen sie, erfordere pragmatische Lösungen. Auch auf sunnitischer Seite gibt es durchaus Pragmatiker. Die Iraqi Islamic Party, die größte Sunnitenpartei, hat sich an den Wahlen nicht beteiligt. Aber, so stellt Ayad Samaray, ihr stellvertretender Generalsekretär, klar:

Wir werden jetzt nicht anfangen, alles kaputtzumachen. Uns geht es um das Wohl des Landes. Wir wollen, dass es einen Ausgleich zwischen allen Teilen der irakischen Bevölkerung gibt. Und in diesem Sinne werden wir weiterarbeiten, auch wenn die Regierung ausnahmslos von den Schiiten gestellt wird.

Dem Dialog zwischen schiitischen und sunnitischen Politikern stellt sich ein Hindernis entgegen: Der sunnitische Extremismus. Anhänger des bewaffneten Kampfes lehnen jede Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung ab. Nada al Ruba’i von der United Patriotic Alliance, vertritt ein Widerstandsbündnis aus Islamisten und Baathisten.

Nicht nur unter den Schiiten-, auch unter den Sunnitengruppen gibt es Kollaborateure, die im Interesse der Invasoren handeln. Aber der Widerstand ist gut vorbereitet. Und dabei handelt es sich nicht etwa um eine kleine Gruppe, sondern um einen Volksaufstand, der die ganze irakische Gesellschaft erfasst. Es ist die Spitze eines Eisberges. Wenn wir von mehr als 100 000 Kämpfern sprechen, dann sprechen wir gleichzeitig über Millionen von Irakern, die ihnen Schutz geben, die sie verstecken, mit Informationen versorgen und ihnen den Rücken freihalten.

Gerade mal zwei Prozent Wahlbeteiligung in der sunnitischen al Anbar-Provinz – die Zahlen der unabhängigen Wahlkommission sprechen Bände. Anschläge auf eine schiitische Moschee oder auf eine von Schiiten besuchte Bäckerei in Bagdad mit mehr als einem Dutzend Toten signalisieren, dass die Extremisten alles versuchen, um nach den Wahlen eine neue Stufe der Gewalt zu erreichen. Seit Ende 2003 haben Terroristen schiitische Geistliche und Politiker umgebracht. Die US-Soldaten haben sie im Visier, irakische Polizisten, Soldaten und Regierungsmitglieder. Ausländische Kontraktarbeiter und Journalisten. Den Tod unschuldiger Iraker nehmen sie bei solchen Aktionen billigend in Kauf. Erklärtes Ziel waren Zivilisten bisher nicht. Wird sich das ändern? Steht der Irak nun an der Schwelle eines rücksichtslosen Bürgerkriegs? Eine Antwort auf diese Fragen findet sich dort, wo der Widerstand begonnen hat: In der al Anbar-Provinz, besser bekannt als das "sunnitische Todesdreieck".

No visa is better. It’s better. Sure, it’s better…

Damit nicht länger Terroristen in den Irak einsickern, gilt seit Juni 2004 eine strenge Visumvorschrift. Geschäftsleute, die etwa von Jordanien aus in den Irak wollen, müssen die Referenzen ihrer Arbeitgeber vorlegen, Privatbesucher brauchen eine Einladung. Nur leider sind die Terroristen schon längst da, meint Achmed, ein Fuhrunternehmer aus Amman: auch einige der Posten am irakisch-jordanischen Grenzbergang gehörten dazu, sagt er. Die Daten interessanter Ausländer meldeten sie umgehend an ihre Freunde weiter. Um nicht entführt zu werden, sei es angeraten, sich auf die Hinterbank zu legen und sich schlafend zu stellen. Den Rest erledige dann er.

Wenn wir zur Grenze kommen, kriegt der erste Beamte, der uns anhält, fünf Dinar. Dann kommt der Zöllner. Ich drücke ihm fünf Dinar in die Hand. Wenn wir diese Kontrollen hinter uns haben, bekommt der letzte Posten auch noch mal fünf Dinar. Das ist besser. So guckt niemand. Sobald die Grenzer einen Ausländer sehen, greifen sie zum Telefon und geben unsere Autonummer den Mujaheddin durch. -- Mit unserer Methode wird es klappen. So Gott will.

Fünf Minuten später ist der Grenzposten passiert. Ohne Passkontrolle. Ohne Visum. Ohne dass jemand auch nur einen Blick ins Auto geworfen hätte. Es ist so unglaublich wie einfach: Während in den US-Geheimdiensten hochbezahlte Sicherheitsexperten darüber grübeln, mit welchen Methoden man dem verschlungenen Netzwerk des Terrors beikommen könnte, sind die Grenzen ungeschützt und teilweise in der Hand des Widerstandes. Wer immer aus Jordanien illegal in das sunnitische Dreieck gelangen will, kann also getrost die offiziellen Übergänge nutzen. Seit sie den Irak besetzt hätten, kümmerten sich die Amerikaner überhaupt nicht um die Grenzen, schimpft Achmed, der die Strecke etwa dreimal pro Woche fährt.

Die Einzigen, die hier aufpassten, seien die Mujaheddin, die Widerständler aus dem sunnitischen Dreieck. Die Amerikaner? Die ließen sich erst zwei Stunden vor Bagdad blicken, führen in Konvois herum, verschanzten sich in ihren Checkpoints und gebärdeten sich Trigger-happy – immer mit dem Finger am Abzug.

Vor zwei Tagen haben US-Soldaten zwei irakische Lastwagenfahrer erschossen, weil die nicht rechtzeitig gehalten haben, als ein US-Konvoi vorbeifuhr. Die Familie der Fahrer stammt aus Rutba und ist in dieser Gegend sehr mächtig. Die ganze Familie rast jetzt vor Wut. Ihr Scheich hat allen Mitgliedern des Stamms befohlen, für jeden der zwei Lastwagenfahrer hundert Amerikaner umzubringen. Die Amerikaner werden diese Woche noch Probleme kriegen. Sie haben sich mit einem der mächtigsten Stämme angelegt, den K’bejsat aus Rutba. Jeder in Rutba ist ein K’bejsat. Und die sind sehr sehr wütend...

K’bejsat, Duleimi, Zubeidi, Shammari – Stammesnamen, die hier viel bedeuten. Für die Osmanen, die jahrhundertelang hier herrschten, waren die Stammesführer wichtige Multiplikatoren ihrer Herrschaft. Ehe die Briten den Osmanen im Jahr 1919 folgten, hatten sie ausgiebige Forschungen über die wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen, ihre Scheichs und die Geschichte wichtiger Familien angestellt. Für die US-Administration hingegen wog offenbar die eigene Geschichte schwerer, in erster Linie die historische Erfahrung mit der Demokratisierung Nazideutschlands. Vor diesem Hintergrund musste die Baath-Partei wie eine Art NSDAP erscheinen, während die irakische Armee sich ausnahm wie ein orientalisches Pendant des preußisch-deutschen Militarismus. Hätte das Pentagon oder das State Department vor dem Irak-Einmarsch ähnlich umfangreiche Studien angestellt wie die Briten vor 1919, dann wäre den Verantwortlichen wohl aufgefallen, dass sich das Saddam-Regime weniger auf die Baath-Ideologie gründete und mehr auf Stammesallianzen und Stammestraditionen. Schade, dass die Amerikaner das nicht gemerkt haben, meint Nader Raoui. Der Designer stammt aus einer alteingesessenen Familie in Falludscha und hat die ersten Konflikte mit der US-Armee aus nächster Nähe miterlebt.

Ursprünglich waren die Beziehungen zwischen der US-Armee und den Bewohnern von Falludscha ziemlich gut. Als die Amerikaner im Frühjahr 2003 auf ihrem Vormarsch in die Stadt eingedrungen sind, sind unsere Kinder auf die Straßen gelaufen, um mit ihnen zu spielen. Und wir haben sie als Gäste begrüßt. Wie es die Stammestradition vorschreibt, haben wir ihnen zu essen und zu trinken gegeben. Aber am 28. April 2003 sind einige Sympathisanten Saddam Husseins auf die Idee gekommen, wie jedes Jahr den Präsidentengeburtstag zu feiern. Sie sind durch die Straßen gezogen und haben Freudenschüsse in die Luft abgefeuert. Damit haben die Probleme begonnen. Die Amerikaner haben das als eine Bedrohung verstanden und mit ihrer ganzen Feuerkraft in die Menge geschossen. Es gab zahlreiche Opfer. Am Tag danach, haben sich die Stammesführer von Falludscha an die US-Armee gewandt und gesagt: Wir sehen jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder zahlt ihr für die Erschossenen ein Blutgeld, um ihre Familien zu entschädigen. So schreibt es die Tradition vor. Oder wir müssen annehmen, dass ihr die Opfer nicht aus Versehen, sondern mit Absicht getötet habt. Dann werden wir an den Soldaten, die geschossen haben, Rache nehmen. Die Amerikaner haben nicht zugehört. Sie haben sowohl die Zahlung abgelehnt, als auch die Rache an den verantwortlichen GI’s.

Während der Konflikt im sunnitischen Dreieck sich immer weiter hochschaukelte, wickelte US-Statthalter Bremer die irakische Armee ab und verteilte an alle Stellen der Verwaltung "Entbaathifizierungsbögen". Papiere, die bis ins Detail den Entnazifizierungsformularen der deutschen Nachkriegszeit glichen. Hakim Muchliss, Chef des sunnitischen 'National Democratic Movement’, kann darüber nur den Kopf schütteln.

Ich war einer von drei Exilpolitikern, die sich am 7. Januar 2003 mit Präsident Bush im Weißen Haus getroffen haben, zwei Monate vor dem Angriff. 'Wir werden als Befreier kommen’, hat uns Präsident Bush versichert. Worauf ich ihm entgegnet habe: Der entscheidende Unterschied zwischen Befreiung und Besatzung liegt darin, wie die irakische Armee eingebunden wird. Ich habe ihn vor der Auflösung der irakischen Armee gewarnt. Aber genau das hat er getan, die Armee wurde aufgelöst. Eines der gefährlichsten Szenarios ist dadurch Wirklichkeit geworden. Der zweite Fehler war die Art, wie die "Entbaathifizierung" der Gesellschaft durchgeführt wurde. Man hätte die Gesellschaft wirklich "entbaathifizieren", aber nicht entwurzeln sollen. Gegen Ende der Saddam-Herrschaft war es eine reine Karriereangelegenheit, Mitglied der Baath-Partei zu sein. Durch die Art, wie wir die "Entbaathifizierung" erlebt haben, sind dem neuen Irak unnötigerweise viele Feinde herangewachsen.

Die Stämme von Falludscha mochten mit der US-Armee um Ehre und Kompensation ringen - von Syrien, Saudi Arabien oder Nordafrika aus betrachtet, sah all das aus, als streite hier eine heroische Bevölkerung noch immer für ihren Präsidenten, für die arabischen Sache, ja für die Religion. Internationale arabische Satellitensender trugen ihren Teil dazu bei, die altvertrauten Klischees gebetsmühlenartig zu wiederholen. Der Jihad-Tourismus blühte. Angezogen von den Auseinandersetzungen zwischen der US-Armee und den Stämmen von Falludscha, strömten durch die geöffneten Grenzen internationale Jihad-Kämpfer ins sunnitische Dreieck. Im Winter 2004 setzte die US-Armee mithilfe der neuen irakischen Armee zu einer Offensive gegen Falludscha an. Ergebnis waren rund 2000 Tote auf irakischer Seite. Große Teile der Stadt wurden zerstört. Beim ersten Angriff auf Falludscha, im Frühjahr 2004, waren irakische Soldaten noch reihenweise desertiert oder zu den Mujaheddin übergelaufen. Was motivierte die neue irakische Armee an der Seite der US-Marines diesmal zu ihrer gnadenlosen Winteroffensive?

Die Antwort ist überraschend einfach: Das neue Offizierskorps setzt sich vor allem aus Kurden zusammen. Auch Armeechef General Zibari ist ein ehemaliger kurdischer Peschmerga. Die Kurden haben Saddams Massaker an ihrer Zivilbevölkerung in frischer Erinnerung. Für den Kampf gegen Islamisten und die Anhänger des alten Baath-Regimes ist also kaum jemand besser geeignet als sie. Hier, bei den Kurden liegt ein Schlüssel zur Zukunft des Irak. Mit 25 Prozent der Stimmen hat das kurdische Bündnis das zweithöchste Wahlergebnis erzielt. Dadurch könnten die Kurden ein Gegengewicht in die Waagschale legen, wenn um die Scharia-Anteile in der neuen irakischen Gesetzgebung verhandelt wird. Die Schiiten hingegen dürften in der Frage der Autonomie der kurdischen Nordprovinz Druck ausüben. Sie werden darauf dringen, dass die Öleinnahmen aus Kirkuk nicht der Region allein, sondern dem irakischen Staat zugute kommen. Beide Fragen: Scharia-Recht und Autonomie dürften zu Fixpunkten werden, wenn das neugewählte Parlament den Verfassungsentwurf vorbereitet, über den die Bevölkerung am 15. Oktober abstimmen soll. In der Zwischenzeit wird der Terror sunnitischer Extremisten höchstwahrscheinlich weitergehen. Schiiten wie Kurden müssen deshalb alles daran setzen, sunnitische Partner in die neue Regierung zu integrieren – mit soviel symbolischen Zugeständnissen wie nötig. Ayad Samaray von der IIP, der größten Partei der irakischen Sunniten, macht die Zukunft vom Patriotismus der neuen Regierung abhängig.

Sollten sich die Schiiten nach dem Wahlsieg wie echte Iraker verhalten, dann werden wir sie unterstützen – obwohl wir überzeugt sind, dass eine rein schiitische Regierung nicht gut wäre und wir Schwierigkeiten hätten, unserer Klientel so etwas zu vermitteln. Aber unsere Position wird davon abhängen, wie sich die neue Regierung verhält, wie sich die Nationalversammlung verhält. Schließlich wird es Ende 2005 ja noch einmal Wahlen geben. Wenn unsere Mitglieder jetzt nicht vom Sinn der Wahlen überzeugt gewesen sind – vielleicht sind sie es Ende des Jahres. Sollte die neue Regierung jedoch damit beginnen, Politik in einem sektiererischen Sinne zu betreiben, dann wird sich die Lage noch einmal verschlimmern. Dann werden wir hier, wenn nicht einen Bürgerkrieg, so doch bürgerkriegsähnliche Zustände bekommen.

Einen Bürgerkrieg fürchtet Nader Raoui aus Falludscha nicht. Wenigstens dann nicht, wenn sich die neue Regierung und die US-Armee geschickt verhalten.

Die meisten Einwohner Falludschas haben mit den Amerikanern keine Probleme, so lange die US-Armee die Stadt nicht betritt.

Und dann sagt Nader Raoui etwas, das angesichts der Quotendiskussion fast in Vergessenheit gerät:

Dieser ganze angebliche Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten erscheint mir künstlich.
Ich bin Sunnit. Zwei meiner Brüder sind mit schiitischen Frauen verheiratet. Wie soll ich Angst vor Schiiten haben? Wir sind verwandt, wie sind Freunde. So lange ich lebe, habe ich nichts von Schwierigkeiten zwischen Schiiten und Sunniten gehört. In meiner Erziehung hat das Thema Schiiten oder Sunniten niemals eine Rolle gespielt. Als Sunnit interessiere ich mich für eins zuallererst: Für eine stabile Regierung. Wenn die Wahlen eine stabile Regierung ins Amt bringen, ist es aus meiner Sicht völlig egal, welchen konfessionellen Hintergrund sie hat.

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