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StartseiteTag für TagAuf dem Weg zum Gottesstaat04.01.2012

Auf dem Weg zum Gottesstaat

Teil 3 der Serie über Johannes Calvin

Während seiner Zeit in Straßburg entwickelte Calvin seine eigene evangelische Lehre, mit der er sich von Martin Luther und anderen Reformatoren abgrenzte. Als er dann 1541 wieder nach Genf kam, setzte er dort sehr strenge Moralvorstellungen durch. Das Tanzen, das Singen weltlicher Lieder und Glückspiele wurden jetzt unter Strafe gestellt.

Von Rüdiger Achenbach

Eine Calvin-Statue in Genf (AP)
Eine Calvin-Statue in Genf (AP)
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"Dieser Mann ist - wie du weißt - von tiefer Bildung und reicher Kenntnis verschiedener Wissenszweige, von durchdringendem Geist, großer Belesenheit und er hat viele Tugenden."

Der Mann, den Johannes Calvin hier in einem Brief an einen Freund über alle Maßen lobt, ist Martin Bucer in Straßburg. Der ehemalige Dominikaner war nach Luther und Melanchthon der bedeutendste Reformator im deutschen Sprachraum. Neben Wittenberg und Zürich hatte er Straßburg, das mit etwa 25.000 Einwohnern zu den größten Städten im Römischen Reich Deutscher Nation gehörte, zum dritten Zentrum der Reformation gemacht.

Nachdem Calvin Genf verlassen musste, hatte Bucer ihn nach Straßburg geholt. Dort betreute Calvin die französischsprachige Gemeinde. Hier konnte er zum Teil seine Genfer Pläne der Gemeindeordnung umsetzen, denn die Franzosen, die aus religiösen Gründen nach Straßburg geflohen waren, zeigten eine große Bereitschaft ihr Leben streng nach der Bibel auszurichten. In der Flüchtlingsgemeinde ließen sich daher auch seine Vorstellungen von der Kirchenzucht problemlos umsetzen. Was in dieser Form in der gesamten Straßburger Kirche nicht möglich gewesen wäre.

Christoph Strohm, Professor für Kirchengeschichte an der evangelischen Fakultät der Universität Heidelberg: "Calvin hatte also nicht die gleichen Konflikte wie in Genf zu erwarten. Aber auch in Straßburg hatte der Rat nicht die Absicht, seine Kompetenzen in Fragen der Sittenzucht an die Pfarrer abzugeben."

Ab Januar 1539 konnte Calvin dann auch an der neu gegründeten Hochschule der Stadt Vorlesungen über das Neue Testament halten, was ihm ein regelmäßiges Jahresgehalt einbrachte. In dieser verbesserten ökonomischen Situation, dachte er nun auch daran zu heiraten. Er hatte ziemlich klare Vorstellungen davon, wie seine künftige Frau sein sollte.

"Die einzige Schönheit - die mich anlockt - ist, wenn sie züchtig ist, gehorsam, nicht hochmütig, sparsam, geduldig, wenn ich auch hoffen darf, das sie zu meiner Gesundheit Sorge trägt."

Freunde vermittelten ihm Idelette de Bure, die Witwe des ehemaligen Täufers Jean Stordeur aus Lüttich, der an der Pest gestorben war. Calvin heiratet sie im August 1541. Sie brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Ein Sohn aus der Ehe mit Calvin ist kurz nach der Geburt gestorben.
Straßburg eröffnet Calvin nun auch zum ersten Mal die Möglichkeit, an den Reichsreligionsgesprächen teilzunehmen, bei denen sich auf Anregung des Kaisers katholische und evangelische Theologen bemühten, die religiöse Einheit wiederherzustellen.

Willem Nijenhuis, Theologieprofessor an der Universität Groningen: "Obwohl Calvin, allen Kompromissformeln abhold, den Nutzen der Gespräche skeptisch beurteilte, ließ er sich zur Teilnahme bewegen, um keine Möglichkeit zu versäumen, durch Fühlungnahme mit Vertretern der deutschen Fürsten deren Interesse für eine Allianz mit Franz I. zu wecken und so den französischen Glaubensgenossen Hilfe zu verschaffen. Die Sorge für die Reformierten in seinem Vaterland ist ständig eine wichtige Komponente in Calvins internationalem Auftreten gewesen."

Eine der großen theologischen Streitfragen bei diesen Gesprächen entzündete sich immer wieder an der Abendmahlslehre. Um wenigsten eine innerprotestantische Einigung zu erreichen, hatte Melanchthon eine revidierte Fassung des Augsburger Bekenntnisses vorgelegt, in dem er die Gegenwart Christi im Abendmahl so offen formulierte, dass verschiedene Interpretationen möglich waren.

Aber diese Bemühungen konnten auf die Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in dieser Frage nicht nur zum Katholizismus Differenzen gab, sondern auch innerhalb des Protestantismus. Während die Anhänger Luthers eine Realpräsenz von Leib und Blut Christi als räumliche Gegenwart in den Elementen betonten, sahen die Zwinglianer im Abendmahl eher ein Zeichen der frommen Erinnerung an den Opfertod Christi.

Calvin versuchte nun seinerseits zwischen diesen beiden protestantischen Parteien eine Vermittlerrolle zu übernehmen. Volker Reinhardt, Professor für die Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg:

"Für Calvin sind Brot und Wein nicht Leib und Blut des Herrn im physischen, sondern in einem übertragenen Sinn. Die heilsame Gegenwart Christi ist für Calvin nicht an die Materie gebunden. Und so empfängt der Gläubige in einem höheren, spirituellen Sinne eben doch Leib und Blut des Herrn, das heißt, er erfährt bei der Austeilung des Sakraments Christi Präsenz rein geistlich."

Als theologischer Schriftsteller bewies Calvin jetzt eine enorme Schaffenskraft. Er bereitete zum Beispiel die zweite Auflage seiner "Institutio" in lateinischer Sprache vor, außerdem schrieb er jetzt auch in französischer Sprache und konnte dadurch ein größeres Publikum als mit seinen lateinischen Werken erreichen. Eine ganz besondere Wirkung ging von einer Schrift aus, der Calvin den Titel "Antwortschrift an Kardinal Sardolet" gegeben hatte.

Dazu der Kirchenhistoriker Christoph Strohm: "Bis heute gilt sie zu Recht als eine der brillanten Verteidigungsschriften der Reformation überhaupt. Knapp und präzise werden die Missstände, die sie notwendig gemacht haben, und die reformatorische Lehre dargelegt."

Es handelte sich um ein Antwortschreiben auf einen Brief, den Kardinal Jacques Sardolet an den Magistrat und die Bürgerschaft von Genf geschickt hatte. Darin hatte er die Genfer aufgefordert, wieder zur katholischen Kirche zurückzukommen. Sardolet, der als humanistisch gesinnter Gelehrter galt, hatte seinen Brief sehr diplomatisch und höflich abgefasst. Da man aber in Genf den neu angestellten Pfarrern nicht zutraute, eine theologisch fundierte Antwort zu formulieren, wendete man sich an Calvin in Straßburg. Der hatte sich dann nach einigem Zögern auch dazu bereit erklärt.

Calvin setzt sich Punkt für Punkt mit der Argumentation Sardolets auseinander. Er zeigt auf, wo er Fehlentwicklungen in der katholischen Kirche sieht und wirft der Papstkirche vor, dass sie an die Stelle der Autorität der Heiligen Schrift die Autorität der kirchlichen Hierarchie gesetzt habe. Deshalb sei sie zunehmend auf die falsche Bahn geraten.

"Sardolet, habt ihr nicht alle Einrichtungen der Kirche zum Gespött werden lassen'
Habt ihr nicht alle alten Leitsätze mit Füßen getreten' Und daran wie bei euch böswillig die Sakramente entweiht sind, mag ich nur mit Schaudern denken. Zeremonien habt ihr zwar mehr als genug. Aber was kann sie schon die Kirche stärken helfen, wenn sie größtenteils durch zahllose Formen von Aberglauben verdorben sind."


In Genf hat man das Antwortschreiben Calvins an Kardinal Sardolet mit Begeisterung gelesen. Da sich dort inzwischen die politische Situation wieder zugunsten der Anhänger Calvins und Farels verändert hatte, forderte man Calvin nun auf, nach Genf zurückzukommen. Doch der schreibt an Farel, der jetzt in Neuchatel als Reformator wirkt.

"Nach Genf soll ich also gehen, um besser zu leben' Worum nicht lieber gleich ans Kreuz' Besser wäre es, sofort zu sterben, als auf der Folterbank endlos gequält zu werden."

Als die Genfer ihn dann aber immer dringender ersuchen, doch wenigsten für eine gewisse Zeit zurückzukommen, vermutet Calvin, dass es sich auch um einen Auftrag Gottes handeln könne. Im September 1541 kehrte er also nach Genf zurück, allerdings mit der Absicht, dort nur solange zu bleiben, bis die Ordnung in der Genfer Kirche wiederhergestellt war.

Christoph Strohm: "Der Genfer Magistrat empfing Calvin mit ausgesuchter Höflichkeit. Man stellte ihm ein Wohnhaus zur Verfügung und bewilligte ihm ein Gehalt, das doppelt so hoch wie das der anderen Pfarrer war."

Calvin setzte mit dem Erstellen einer Kirchenordnung genau dort an, wo er drei Jahre zuvor unterbrochen worden war.
"Als ich dem Rat der Stadt meine Dienste anbot, legte ich dar, dass die Kirche ohne Einführung einer entschiedenen Disziplin, wie sie Gottes Wort vorschreibt und in der Urkirche in Kraft war, nicht bestehen könne."

Dazu Willem Nijenhuis, Theologieprofessor an der Universität Groningen: "Es bleibt verwunderlich, wie sehr Calvin seine eigenen Ansichten von der Ordnung der Gesellschaft mit dem Willen Gottes identifizierte. Es gab für ihn kein Zögern über die Art, wie sein Ziel zu verwirklichen sei: eine Reformation sowohl der Kirche als auch der Gesellschaft nach der Norm der Schrift, die Errichtung einer Bibliokratie."

Entsprechend fiel dann auch seine Kirchenordnung aus, die sich allein an der Heiligen Schrift ausrichtete. Wolf–Dieter Hauschild, Professor für Kirchengeschichte an der evangelischen Fakultät der Universität Münster:

"Die Einheit der Heilsgeschichte und damit der Bibel, die Kontinuität von Altem und Neuem Testamen, betont Calvin anders als Luther. Da er nicht wie die Tradition vor ihm das Alte Testament als bloße Verheißung versteht, die erst in Christus und damit im Neuen Testament zur Erfüllung kommt, gewinnt das Alte Testamen für ihn stärkere dogmatische Bedeutung. Es gibt demgemäß nur einen einzigen Bund, der von vornherein auf das in Christus zugeeignete Heil sich bezieht. Aus dieser heilsgeschichtlichen Konzeption ergibt sich, dass Calvin im Unterschied zu Luther das Verhältnis von Gesetz und Evangelium nicht als Gegensatz sieht."

In diesem Ansatz Calvins wurzelt die stärkere gesetzliche Schriftauffassung, die für den reformierten Protestantismus kennzeichnend geworden ist.

Der Kirchenhistoriker Kurt Dietrich Schmidt: "Da die Schrift aber auch Aussagen über astronomische, physikalische und ähnliche Bereiche macht, müssen auch diese "fundamentalistisch" als inspiriert gelten. Die Folge dieser Auffassung ist überraschenderweise zunächst ein universaler Zug der reformierten Theologie; es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, dem sie nicht ihre Aufmerksamkeit zuwenden könnte. Darin liegt zugleich aber auch die Gefahr einer Verengung, wie die fundamentalistischen Streitigkeiten der nordamerikanischen Kirchen zum Beispiel deutlich zeigen."

Auch Calvins Vorstellung von den vier Ämtern in der Kirche, die sich an der Konzeption Martin Bucers in Straßburg orientiert, richtete sich streng nach biblischen Vorgaben. Die Pastoren haben die Aufgabe der Verkündigung und Sakramentsverwaltung, die Doktoren sind die Lehrer, die die Gläubigen in der evangelischen Lehre unterrichten, die Kirchenältesten haben für die Disziplin in der Kirche zu sorgen und die Diakone sollen sich um die Armen und Kranken kümmern.
Für die Kirchenzucht wurde ein Konsistorium eingesetzt, dem neben den Pastoren auch Kirchenälteste angehörten. Diese kirchlichen Sittlichkeitswächter konnten verhören und ermahnen. Das Recht zu bestrafen, blieb allerdings dem Rat der Stadt vorbehalten.

Das Leben jedes einzelnen wurde jetzt streng kontrolliert. Ehebruch, Prostitution und jede Art von Unzucht wurden mit drakonischen Strafen belegt. Ebenso wurden jetzt das Tanzen, das Singen von weltlichen Liedern, Glücksspiele und das Fluchen und Spotten unter Strafe gestellt. Mit diesem rigorosen Kurs verabschiedete Calvin sich allerdings von den Vorstellungen vieler Humanisten.

Volker Reinhardt: "Unter dem Einfluss humanistischer Lehren von der Selbstvervollkommnung und sittlichen Eigenverantwortung des Individuums waren städtische Oberschichten Europas ganz überwiegend zu der Einschätzung gelangt, dass es sich hier um Lebensbereiche handelte, die vor den Argusaugen der Nachbarschaftskontrolle genauso geschützt sein sollten wie vor der öffentlichen Aufsicht selbsternannter Moralapostel."

Das Konsistorium als kirchliche Kontrollinstanz hat auch in Genf heftige Emotionen ausgelöst, weil schon bald auch der Denunziation Tür und Tor geöffnet war. Die Sittenwächter und ihre Helfershelfer kontrollierten das gesamte Leben.´

Als zum Beispiel auf einer Hochzeit im Hause eines angesehen Bürgers der Stadt getanzt worden war, führte dies sofort zu zahlreichen Verhaftungen. Auch der Reformator schaltete sich persönlich während einer Predigt in diese Affäre ein.

Christoph Strohm: "Daraufhin griff Calvin die Genfer in einer Predigt heftig an, beschimpfte sie als Tiere und nannte die Tänzer Strolche und Gauner. Die Zuhörer reagierten mit Protestkundgebungen, der Gottesdienst endete im Tumult."

Weitere Teile der 5-teiligen Serie über Johannes Calvin:
Ein Scheiterhaufen für einen theologischen Gegner (Teil 5)
Protest gegen die religiösen Sittenwächter in Genf - (Teil 4)
Gottesfurcht und Kirchenzucht (Teil 2)
Geistiger Vater des reformierten Protestantismus (Teil 1)

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