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StartseiteKultur heute''Auf dem Weg zur Hochzeit''27.10.2003

''Auf dem Weg zur Hochzeit''

John Berger in München

Die Bühne ist schwarz, Die Wände, die Decke, der Boden – das ganze Theater ist ein schwarzer Kasten, in dem nur mitten am Horizont eine überdimensionale Kugel mal als Sonne, Mond oder einfach pastellfarbenes Himmelslicht die todtraurige Geschichte aufhellen wird. Die Braut hat Aids, sie wird sterben. Aber in dem Stück geht es ums Leben, um die Liebe in all ihren Facetten, und um das, was man dafür hält:

Coverausschnitt der Buchausgabe (Fischer Verlag)
Coverausschnitt der Buchausgabe (Fischer Verlag)

"Ich habe eine Freundin in Teplice ...
... ein Glücksfall unter Tausend!"

Zdena, die Mutter der Braut, sitzt hier noch im Friseursalon in Prag, ehe auch sie sich " auf den Weg zur Hochzeit" macht. Der Titel von Buchvorlage und Aufführung ist schließlich Programm. Und wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde man sagen: Der Weg ist das Ziel. Alle machen sich "auf den Weg", aus allen Himmelsrichtungen, aus verschiedenen sozialen Schichten und Milieus, aus unterschiedlichen politischen Systemen und mit dementsprechend verschiedenen Lebensbewältigungsstrategien. Und der blinde Straßenverkäufer mit seinen "Tamas", Wunschplaketten aus Metall, der als "Erzähler" durch das vielschichtige und personell weitverzweigte Stück führt.

Nur acht Schauspieler stehen auf der Bühne des vormaligen Vorstadtkinos, das seit geraumer Zeit zum inzwischen etablierten Theaterwunder aufgestiegen ist. Sie erfüllen durch äußerst sparsame Requisiten und wenige Kostümaccessoires das Spektrum der vielen Typen, sind also wahre Verwandlungskünstler, differenziert im Ausdruck, sparsam in der Gestik. Das Liebespaar hingegen bleibt einzigartig, Zentrifugalkraft in den auseinanderbrechenden Widersprüchen des Lebens. Die zarte, blonde Konny Schmidt, und der gebürtige Türke Tim Seyfi, ein Eros Ramazotti-Typ, spielen ihre reine, ganz und gar romantische Liebe anrührend und trotzdem modern. Gegen den Trend zur entpolitisierenden Beliebigkeit geht es in dieser Inszenierung um die Zentrierung von Gefühlen und die – auch gesellschaftspolitische – Kraft, die sich daraus entwickelt. Es geht – wie altmodisch – um eine Haltung ,die man im Leben einnimmt. Und auch das ist symbolisch für das Verhältnis von Mann und Frau, beide in einem Boot, das Gino lenkt:

"Siehst du die Insel dort? ...
... ich sage Nein."

Der Regisseur Jochen Schölch hat den weitschweifigen Prosatext von John Berger auf Paare focussiert, die sich, zufällig oder nicht, beiläufig oder ausschließlich, zusammengefunden und/ oder wieder auseinandergegangen sind. Selbst die Requisiten sind paarweise angeordnet: zwei Stühle, zwei Telefone, zwei Festtagstische, zwei Tafeln, die mal als Sandwich-Werbung, zweimal als Bootsrumpf dienen. Überhaupt: die minimalistische Ausstattung beflügelt die Fantasie, und das wiederum erzeugt im Publikum auch Heiterkeit. Wenn der Brautvater zum Beispiel als alter Motorradrocker sich auf einen hölzernen Küchenstuhl setzt, die Lehne mit beiden Händen umfasst, und der Erzähler schildert, dass der nun an einer Ampel darauf wartet, dass sie auf Grün" schaltet – und man im Publikum nicht nur das ungeduldige Motorbrummen im Ohr, sondern auch noch die Auspuffabgase in der Nase spürt, dann wird klar, was Theater sein kann. Genial – und pointiert bis zur Persiflage - ist die Idee des Regisseurs, räumliche Masse wie Straßenbahn, Zugfahrt oder die Museumsführung durch choreografische Einlagen darstellen zu lassen. Ideal ist die eingespielte Musik, die Stimmungen verstärkt und den bittersüßen Grundton angibt. Großes Theater im kleinen Haus.

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