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StartseiteBüchermarktAuf der Suche nach der Einfachheit. Eine Poetik20.02.2001

Auf der Suche nach der Einfachheit. Eine Poetik

Merve, 110 S., DM 18,.-

In einer Umgebung, die immer kompliziertere Technologien und Systeme hervorbringt, wirkt ein Buch mir dem Titel "Auf der Suche nach Einfachheit" wie der Kiesel, der ins Flussbett geworfen wird, um die Strömung aufzuhalten, Vermutlich ist Philosophie auch nichts anderes als ein Versuch, gegen die Zeit zu schwimmen, um auf der Höhe, zumindest des Bewußtseins darober, zu sein.

Cornelia Jentzsch

Der Berliner Philosoph Hannes Böhringer begibt sich in diesem bei Merve erschienenen Band auf die komplizierte Suche nach dem Einfachen, der Titel trägt den Zusatz "Eine Poetik". Poetiken haben eigentlich in der Dichtkunst ihren Platz. Aber zum einen liegen Dichtung und Philosophie grundsätzlich nicht sehr weit voneinander entfernt, beschäftigen sie sich doch - vor allem - über und mit der Sprache - im gewissen Sinne mit Utopien und Imaginationen, die den Menschen antreiben. Zum anderen versteht man bereits von der griechischen Antike an Poetik als Nachdenten über das Werk uod Selbstreflexion des Künstlers, es ist also ein der Philosophie nicht gerade fremder Vorgang,

Hannes Böhringers Texte lagen oder liegen immer ein wenig gegen das allgemeine Fließen. Er verbindet Philosophie eng mit der Kunst, schreibt eher literarisch als wissenschaftlich, was seine Bücher leicht lesbar, aber keinesfalls leichtgewichtig macht. Denn sie sind subtil, das Eigentliche findet man bei ihm im Nichtsbesondere» verborgen, einem Begriff; mit dem er sich in diesem Band unter anderem auseinandersetzt. Böhringer lehrt an der Hochschule für Bildende Künste in Brannschweig, was einer Herausforderung gleichkommt, denn er muss das Interesse an philosophischen Fragen bei vorrangig auf Kunst fixierten Studenten wecken und wachhalten Der deutsche Philosoph Bernhard Groethuysen [Groothäusen] behauptet, dass im zwanzigsten Jahrhundert die Kunst die Philosophie überflügelt hat. Ein provokariv gegen Hegel gerichteter Satz, welcher seinerzeit noch feststellte dass der Gedanke und die Reflexion die Kunst überflügelt haben. Dazu Böhringer:

"Die Philosophie hat jetzt das Schicksal, daß sie natürlich auch unter dem Zusammenbruch des Sowjetreiches leidet. Der Marxismus ist zusammengebrochen, das war noch eine starke Form der Philosophie, natürlich auf den Hund gekommen, irgendwie missbraucht, aber da. spürte man weh noch die Kraft, die die Philosophie hat, was Philosophie bedeuten kann. Und zur gleichen Zeit war auch in Westdeutschland oder in Amerika die Philosophie sehr viel wichtiger als heute. Gehirnphysiologen im Grunde genommen haben heute eine größere Bederutung als ein Philosoph. Man glaubt, dass jemand, der mit dem Mikroskop ins Gehirn guckt, einem mehr über den Geist erzählen kann als die Philosophie.".

In sechs Kapiteln, denen Vorlesungen in Deutschland und den USA zugrunde liegen, konfrontiert Hannes Böhringer jeweils einen für ihn wesentlichen philosophischen Begriff mit den Arbeiten bestimmter Künstler und mit Kunstrichtungen: den Begriff Nichts Besonderes mit George Brecht, John Cage, Robert Filliou und Fluxus.; Fast Nichts mit Gordon Matta-Clark und Minimal Art; Wirbel mit Kunst und Technologie; Witz mit Thomas Kapielski; Gefühl mit Andy Warhol und Facetten der in sich komplexen Einfachheit mit Eva Maria Schön. Böhringer:

"Ich mag das Einfache. Ich mag gern einfaches Kssen, ich mag gern einfach einfach eingerichtete Wohnungen Auf der anderen Seite ist das Einfache weitgehend in der Kunst ein Schlagwort des Klassischen gewesen. Ich wollte diesen Begriff aus diesem Klassischen herausholen und wollte sagen, das ist etwas, was noch mit der modernen Kunst direkt zu tun hat."

Die Suche nach dem Einfachen ist schon allein deshalb so schwierig geworden, weit wir inmitten von leichten Verführungen leben. Noch nie fielen die Früchte des Geistes so rasch vom Baum der Erkenntnis, Wissen lag noch nie so essbar bereit wie heute. Jeder halbwegs vernetzte Computer garantiert ein gutgefülltes Archiv, bietet eine Gratisreise rund um den Globus. Man sieht das Einfache vor lauter Einfachem nicht mehr, dieses Wort, in die Philosophie überführt, scheint deshalb wie der Griff in die Mottenkiste des Ketzertums zu funktionieren. Der klarsichtige Blick geht verloren, weil es zu viele orientierungsmäßige Unwägbarkeiten gibt. Wir sind, wie Böhringer schreibt, auf auf der Höhe dessen, was passiert. Sogar wenn wir Ereignisse selbst mitbestimmen, könnten wir ihre Tragweite erst später ermessen. Immer existieret eine Differenz, eine Verzögerung zwischen Ereignis und Erkenntnis. Wir leben nicht wirklich in der Gegenwart, sondern immer in einer imaginären Zukunft oder Vergangenheit. Klingelt das Telefon, klingelt es nicht nur einfach, sondern in uns klingelt die Frage mit: Wer wird dransein - also bereits die Zukunft. Dieser Jemand wiederum gibt uns aber womöglich Nachricht von einer Vergangenheit, die bereits passiert ist und uns betrifft, ohne dass wir bis jetzt davon wissen, wie es der amerikanische Künstler George Brecht in einer Installation "Three Telephone Events" andeutet. Es sind also der Alltag und die Dinge, die das philosophische Denken in Gang setzen. Böhringer.

"Die Philosophie hat ja keinen festen Ort, die ist ja nicht an eine Institution wie eine Universität gebunden, die großen Philosophen, die sind alle irgendwo gewesen, aber meistens nicht an dar Universität. Zum Beispiel Spinoza, der hat irgendwo Linsen geschliffen in Holland. Ich glaube, dass die Philosophie davon immer profitiert hat Die Universitätsphilosophie verarbeitet eigentlich nur das, was außerhalb entsteht."

Eng mit dem Begriff des Einfachen ist das philosophische Fastnichts oder "presque rien" verbunden. Der Versuch einer Bezeichnung für etwas, was der Verstand eigentlich nicht zu fassen vermag. Man bemerkt es zwar, kann es bestenfalls noch in einem Wort fixieren, aber es lässt sich im Grunde nicht .klären. Pascal hatte dieses unscheinbare, aber ausschlaggebende Moment so umschrieben: "die Nase der Kleopatra kürzer, das Gesicht der Erde wäre anders".

"Der Begriff des Fastnichts ist ja ein traditioneller Begriff, der im Barock eine große Rolle gespielt hat. Der ist meines Erachtens in Paralleität zur Infinitesimalrechnung zu sehen, in der Zeit, wo Leibmlz und Newton ddiese.^is Mathematik der unendlichen Annäherungen am Null erfunden haben. Es gibt auf der anderen Seite ein Gespür in der Kunst dafür, und nicht nur in der Kunst, sondern auch m der Politik, daß dieses presque rien, dieses Fastnichts das entscheidende ist. Zum Beispiel das, was einen ganz großen Politiker ausmacht, seine Ausstrahlung, seine Aura und so weiter, das wird als Fastnichts bezeichnet oder eben auch, was den großen Mater von irgendeinem Durchschnittsmaler unterscheidet, hinter dem sich letzten Endes ein theologischer Begriff verbirgt, nämlich Grazie, Gnade,

Hannes Böhringer versucht, unter philosophischen Gesichtspunkten Verhärtetes wieder ins Fließen zu bringen. Er schießt Löcher in eingefahrene Auffassungen, wie der amerikanische Künstler Gordon Matta-Clark Löcher in Häuser schießt oder sägt, um eine erstarrte Architektur, vor allem des Denkens, aufzubrechen. Die Kunst ist mittlerweile zum zementierten Gehäuse geworden. In den "white cubes" der Galerien und Museen eingesperrt, sozial anerkannt, modisch und teuer geworden, schreibt Böhringer, hat sie ihren politischen Anspruch aufgegeben:

"In der Kunst laufen ja zur Zeit ganz andere Sachen ab, das ist ja eigentlich alles sehr groß und sehr kompliziert und mit einem sehr elaborierten Diskurs. Ich bin eigentlich immer leicht allergisch, versuche immer das Gegenteil zu machen. Und komm deswegen wieder auf Fluxus zurück, etwas, was ja auch wieder ein bisschen altmodisch geworden ist, das ist ja im Grunde genommen. sechziger, siebziger Jahre, könnte man sagen. Aber es ist eben auch das. womit ich großgeworden bin, oder was für mich auch einen Einstieg in die zeitgenössische Kunst war."

Böhringer erweitert den Begriff Fluxus oder besser, führt ihn aus der Kunstgeschichte heraus und auf seinen Ursprung, die Bewegung des Fließens zurück:

"Es geht mir gar nicht sosehr darum, dass man zum Beispiel auch weiß, dass dieses Bild des Stromes, des Flusses, ein Bild aus der antiken Philosophie ist, und dass da Heraklit und die Stoiker schon mitgearbeitet haben."

"Ihm geht es um allgemeine, verständliche Zusammenhänge, um ihr Ineinanderfließen, nicht um einen systematisch-hermetisehen Wissensdiskurs. Der Mensch ist unablässig gezwungen, so Böhringer, seinen Ort, seine Welt überhaupt erst zu schaffen, zu entwerfen. Er ist eigentlich ortlos, nach Nietzsche "das nicht festgestellte Tier". Im Laufe von Jahrtausenden veränderte sich das Naturverständnis des Menschen, die Natur wurde aus einer gegebenen, in sich geschlossenen Umgebung zu Material, zu Bau- und Brennstoff aufgebrochen. Jedes Produkt, jede Konstruktion des Menschen hinterlässt gewissermaßen eine Architektur, verfestigt, hält ein Fließen auf. Ursprünglich liegt dem ein natürliches Bedürfnis, ein Überlebensinstinkt zugrunde. Doch mit jeder Bewegung wird leicht die Gegenbewegung aus den Augen verloren. Das Gegenteil von Schaffen, Bauen ist für den Menschen nicht Loslassen, Weiterfließen, sondern zerstören. Das Gegenteil von Konstruktion ist nicht die mühsame Einfachheit des Fluxus, sondern die simple Gewalt der Dekonstruktion. Man muss alte Fragen nicht immer neu beantworten. Bisweilen genügt es schon, wenn man sich auf bereits vorhanden Antworten besinnt, die von der sie überholenden Zeit aus der Spur geschoben wurden und aufs Abstellgleis geraten sind. Hinter dem modernen Philosoph Böhringer verbirgt sich ein scharfsinniger Traditionalist, der bereits abgestellte Waggons wieder zu einem fahrbaren, transportablen Zug zusammenführt.

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