Freitag, 14.12.2018
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteKalenderblattAuf Sanddünen gebaut11.04.2009

Auf Sanddünen gebaut

Vor 100 Jahren gründeten jüdische Einwanderer die Stadt Tel Aviv

Tel Aviv, genannt der "Frühlingshügel" - ein alter zionistischer Traum begann vor 100 Jahren Wirklichkeit zu werden: eine moderne jüdische Stadt im biblischen Land. Heute ist sie das wirtschaftliche und das kulturelle Zentrum des Staates Israel. Im Gush Dan, dem Großraum Tel Aviv, lebt inzwischen fast jeder zweite Israeli. Aber was vor hundert Jahren als Traum begann, kann heute unversehens zum Albtraum werden, wenn Kampfjets zum Einsatz im Gazastreifen über die Stadt donnern oder Selbstmord-Attentäter in einem Tel Aviver Bus oder Café Menschen mit in den Tod reißen.

Von Anselm Weidner

Luftaufnahme von Tel Aviv in Israel (Stock.XCHNG / Jonathan Fain)
Luftaufnahme von Tel Aviv in Israel (Stock.XCHNG / Jonathan Fain)

Leeres weites Land, Dünenhügel und mittendrin dichtgedrängt gut 100 Menschen, städtisch gekleidet, die Männer mit Hüten, die Frauen in langen Kleidern, so zeigt es ein Photo. Die Mitglieder der Siedlergenossenschaft Ahuzat Bajit, größtenteils Russen und Polen, losen mit Muscheln die ersten 60 Grundstücke einer neuen jüdischen Siedlung auf dem gerade erworbenen Terrain 'Sheik Jebali's Weinberg' aus, ein paar hundert Meter nördlich der palästinensischen Hafenstadt Jaffa und unweit der Mittelmeerküste. Es ist der 11. April 1909, nach dem jüdischen Kalender der 20. Nissan 5669. Dieser Tag gilt als das Gründungsdatum der Stadt Tel Aviv.

"Und ich kam zu den Gefangenen, die am Wasser Chebar wohnten, gen Thel-Abib, und setzte mich zu ihnen, die da saßen, und blieb daselbst sieben Tage ganz traurig. Aber nach diesen Tagen sprach der Herr: 'Du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel'", "

heißt es beim Propheten Hesekiel. "Tel-Aviv", zu deutsch der Ähren-, der Frühlingshügel ist gleichzeitig die hebräische Übersetzung von Theodor Herzls Romantitel: "Altneuland". Der Name ist Programm: Im biblischen Land, nicht an heiligen alten Stätten, wie in Jerusalem, sondern auf noch unbebauter Erde wollen die Juden ein neues Leben beginnen:

" "Ein Leben frei von Schande und Verachtung, mit einem Gefühl der Befreiung aus den Tiefen des Diasporalebens ... Nun wird mein lang gehegter Traum Wirklichkeit, eine moderne jüdische Stadt in Palästina", "

soll Mitgründer Meir Dizengoff, der engagierte Zionist aus Bessarabien am Gründungstag gesagt haben. Von 1921 bis zu seinem Tod 1937 war er mit einer kurzen Unterbrechung erster Bürgermeister der ersten modernen jüdischen Stadt. Es sollte eine Gartenstadt werden, man wollte Ruhe, Hygiene, Abstand von den Arabern und bitte keinen Verkehr, keine Werkstätten, keinen Straßenhandel, Kioske und Buden. Doch diese Idee war bald vergessen.

" "Das Wachstum der Stadt war fieberhaft und anarchisch wie das der tropischen Pflanzenwelt. Jeder Neuankömmling baute sich aus seinen mitgebrachten Ersparnissen das Haus seiner Sehnsucht."
Erinnert sich der junge Schriftsteller Arthur Koestler, der 1926 nach Tel Aviv kam und erlebte, wie die Stadt auf den Dünen wucherte. Damals hatte sie 40.000 Einwohner. 1936 wird ein eigener Hafen eröffnet, Fluchtpunkt für Zehntausende Juden in den nächsten Jahren. Die Weiße Stadt im Bauhausstil entsteht: klare Linien im Tel Aviver Stadtchaos, wie ein Gegenpol zur Verzweiflung der Flüchtlinge vor dem Naziterror. Und 1948 proklamiert David Ben Gurion in Dizengoofs Haus am Rothschild Boulevard, inzwischen das Tel Aviver Museum, den Staat Israel.

Immer neue Einwanderungswellen aus aller Herren Länder, die jüngsten aus Russland und Osteuropa, haben diese Stadt seit jeher zum Ort gelebter Multikulturalität und Liberalität gemacht, wie sonst nirgends in Israel, schwärmt Alexandra Nocke, Berliner Kulturwissenschaftlerin, die über israelische Identität und Tel Aviv publiziert hat.

"Wie zum Beispiel rund um die Schenkinstraße, ein Viertel, das traditionell von orthodoxen Juden bewohnt ist, die als eine der wichtigsten Kaffeehausmeilen der Stadt gilt, da wo eben die Schriftsteller sich im Kaffee Tama treffen und wo wild diskutiert wird, wo aber auch eben neben den leicht bekleideten Mädchen die orthodoxen Juden, auf dem Weg zu ihrer Synagoge oder zum Markt sind."

Tel Aviv heißt heute mit dem eingemeindeten Jaffa Tel Aviv-Yaffo und bezeichnet sich selbst mit seinen fast 400.000 Einwohnern als Israels Kultur-, Wirtschafts- und Handelshauptstadt. Die Clubszene, die schicken Restaurants und Boutiquen im wiederauflebenden Hafenviertel, Tel Aviv als Homosexuellen-Paradies, Tel Aviv das Sündenbabel: die Stadt singt und swingt, hier lebt das säkulare Judentum in beispielloser Vitalität, allerdings um einen hohen Preis:

"Wir sitzen im Café und wir trinken Kaffee, uns geht es gut, solange wir keine Zeitung lesen und keine Nachrichten hören", heißt es in einem Hit der Tel Aviver Kultband Teapacks, denn die Medien berichten vom Krieg des Staates Israel mit seinen Nachbarn, zum Beispiel im Gazastreifen, nur eine halbe Stunde von Tel Aviv entfernt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk