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StartseiteEssay und DiskursAuf Wiedervorlage: Die antiautoritäre Erziehung30.11.2008

Auf Wiedervorlage: Die antiautoritäre Erziehung

Mit seinem "Plädoyer eines Antiautoritären für Autorität" löste der Politikwissenschaftler Claus Leggewie vor 15 Jahren eine Debatte darüber aus, inwieweit rechtsradikale Jugendgewalt durch falsche Erziehung begründet ist. Zu dieser Zeit empörte sich ein Teil der Republik über rassistische Gewalt in Orten wie Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln - größer sei damals allerdings die Gleichgültigkeit gewesen, so Leggewie.

Von Claus Leggewie

Drei Tage und Nächte griffen Jugendliche 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an und wurden von bis zu 3000 Schaulustigen dabei unterstützt. (AP Archiv)
Drei Tage und Nächte griffen Jugendliche 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an und wurden von bis zu 3000 Schaulustigen dabei unterstützt. (AP Archiv)
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<p>Es ging um das brisante Thema "Erziehung", an dem sich seit Rousseau, Kant und Pestalozzi immer wieder neue Kontroversen entzündet haben. Um 1968 und im Nachhall der Revolte war dies besonders intensiv. Damals warteten Studenten mit Experimenten einer "antiautoritären Erziehung" auf, die mit dem Namen des britischen Reformers A.S. Neill und seinem weltbekannten Summerhill verbunden waren und in Deutschland allerorts zur Gründung so genannter Kinderläden führten. Diese bilden auch 40 Jahre später noch einen Stein des Anstoßes.<br /><br />Insofern sei um Nachsicht gebeten, wenn ich zunächst ad personam spreche. Es geht um meinen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit", der auf Wunsch des Chefredakteurs im März 1993 entstand. Zuvor war ich in den "Tagesthemen" von Ulrich Wickert, aus gegebenem Anlass, zu den Auswüchsen rechtsradikaler Gewalt in Deutschland Anfang der 90er Jahre befragt worden. Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln sollen als Stichworte reichen. Die Empörung war seinerzeit groß, größer allerdings die Gleichgültigkeit, angefangen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der in der Öffentlichkeit kein Wort dazu über seine Lippen brachte. Dem Moderator Wickert, der viel über den "Verlust der Werte" sinnierte und publizierte, schien es nicht genug, sich gemeinsam mit mir zu empören, er fragte nach den Gründen und tieferen Ursachen für rechtsradikale Jugendgewalt. <br /><br />Auf diese schwierigste aller Fragen gab ich aber nicht die übliche Antwort, nämlich die nach allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen wie etwa Jugendarbeitslosigkeit oder Vereinigungskrise, sondern verwies - gestützt auf laufende Feldinterviews mit Jugendlichen, die gegen Asylbewerber straffällig geworden waren - auf eklatante Erziehungsmängel und eine nun wiederum mich empörende Laisser-faire-Haltung bei den Eltern der Übeltäter ebenso wie in ihrem damals meist noch dörflichen oder kleinstädtischen Umfeld. In Erinnerung ist mir der lapidare Satz einer Mutter aus einer nach außen ganz intakten Aufsteigerfamilie in Oberhessen, die ihrem Sohn als erste und auch einzige Reaktion auf einen feigen, gottlob an Stümperei und Suff gescheiterten Mordanschlag auf ein Asylbewerberheim versicherte, sie werden seinen kaputten VW Golf ersetzen. Den hatte der junge Mann nämlich auf der hektischen Flucht vom Tatort in den Graben gefahren. <br /><br />Die nur scheinbar fürsorgliche, in Wahrheit konfliktscheue und von Mitleid für das falsche Opfer geprägte Reaktion der Mutter, will sagen: der Erziehungsberechtigten des gerade 18-Jährigen, diese Antwort war ein Beispiel für den Verlust an sozialer Kontrolle über rechte Schläger, der seither noch zugenommen hat, aber immer noch nicht sonderlich ernst genommen wird. Junge Männer, die seit 1993 viele Menschen und erst jüngst wieder in Templin einen vermeintlich Asozialen zu Tode getreten haben, mögen Opfer einer Strukturkrise der Uckermark und der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit dieser oder jener Region sein, ja - irgendwie schon; aber zuvörderst sind sie Täter, die weder Familie noch Nachbarschaft und dann ebenso wenig Justiz und Politik als solche markiert und damit wenigstens nachträglich sozialen Druck auf sie ausübt. Diese jungen Männer - und das gilt analog für rechtsradikale Täterinnen oder Islamisten - sind - das war meine These - unter anderem Opfer einer falschen oder völlig abwesenden Erziehung, so dass ihnen jeder Respekt vor der Unversehrtheit anderer Menschen und jedwede soziale Empathie fehlt. <br /><br />Eine triviale Erkenntnis? Heute nicht, und erst recht nicht 1993, als der Anruf des Chefredakteurs mich erreichte und ein eher von Wut und Verzweiflung geprägter Artikel mit dem Titel: "Plädoyer eines Antiautoritären für Autorität" entstand, der dann als Aufmacher der Sektion "Modernes Leben" erschien. Diese Konstellation, dass ein 68er, ein bekennender Antiautoritärer also, nun für Autorität plädierte, geriet, ohne dass dies im mindesten angestrebt worden war, zu einem kleinen Skandal. Bevor die Breitseiten in der Presse geschildert werden sollen, sei noch kurz der Argumentationsgang des Artikels rekapituliert, den der Autor - das sei in der Rückschau schon selbstkritisch vermerkt - ebenso wenig für ein Meisterwerk halte wie vieles andere, was Wissenschaftler als Kolumnisten im Tagesgeschäft der Zeitungs- und Fernsehdebatten von sich geben, die ja stets unter dem Risiko der schnellen Zeitdiagnose stehen und keineswegs für die Ewigkeit gedacht sind, aber trotzdem zur Meinungs- und Urteilsbildung beitragen. Hier die Kernthese: <br /><br /><em> "Die als Nazis kostümierten Kids, die so schrecklich normale Monster sind, weisen auf Schwächen hin, die jedem Lehrer und Erzieher und allen Eltern geläufig sind. Sie gehören einer verlorenen Generation an, die sich selbst (und der Glotze) überlassen blieb. Die in verdächtiger Eile als "Nazi-Kids" gebrandmarkten Gewalttäter sind Erziehungswaisen, Angehörige einer neuen vaterlosen und fatal auf die (hilflosen) Mütter fixierten Generation. Aber nicht die Schläge der Väter und die Strenge der Mütter, sondern Abwesenheit und Gleichgültigkeit der Älteren bläuten ihnen das 'autoritäre' Denken ein." </em> <br /><br />Das war, zugegeben, starker Tobak - eine Gegen-Hypothese zu damals wie heute zirkulierenden Positionen, über die man zu recht lange streiten kann und bei der man auf empirische Fundierung pochen muss, wie bei jeder Zeitdiagnose, die eine öffentliche Debatte anstoßen soll. Die gab es auch, aber eben nicht zur Sache, sondern zur Person des Autors. Und die Reaktion war ziemlich einhellige Ablehnung. "Die Zeit" organisierte ein halbes Dutzend Anti-Polemiken von Schriftstellern, Erziehungswissenschaftlern et cetera; selbst enge Freunde, die durchaus Spaß haben an intellektuellen Provokationen, meinten, da sei ich mal zu weit gegangen. Und die Zentralkomitees der Alt-68er schritten schnurstracks zur Exkommunikation - ich sollte keiner mehr von ihnen sein, sondern ein Renegat und Verräter. <br /><br />Mehrfach wurde der Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien wieder abgedruckt - und zwar stets als abschreckendes Beispiel dafür, wie einer von links nach rechts gewandert war und sich ja auch schon vorher, beim ersten Golfkrieg nämlich, als Bellizist daneben benommen hatte und im Übrigen, Gottseibeiuns, sogar eine schwarz-grüne Koalition empfohlen hatte. Wenn beim vierzigjährigen Jubiläum des Jahres 1968 gerade wieder viel die Rede war von den Abtrünnigen, die angeblich ihren Frieden mit dem System geschlossen haben, dann werden viele auch diesen Verräter vor Augen gehabt haben. <br /><br />Wieso aber ein Plädoyer für Autorität in der Erziehung? Es war ausgesprochen verräterisch, dass die Kritiker den feinen, im Text sehr genau markierten Unterschied zwischen autoritär und Autorität übersehen haben, der hier noch einmal zu bekräftigen ist:<br /><br /><em> "Damit rede ich nicht der 'autoritären Erziehung' unseligen Angedenkens das Wort, die in der Tat Akten der Dressur und der Brechung von Kindern gleichkam. Die Tradition der 'antiautoritären Revolte' ist nur scheinbar paradox: Autorität ist weder Macht noch Zwang. Autorität schießt den Gebrauch von Zwang aus, und wo sie Gewalt braucht, hat sie schon versagt. Weder in der Familie noch in den Zwischenetagen der Gesellschaft, noch im öffentlichen Raum sind Autorität und Freiheit Gegensätze. Der Verlust des einen ist kein Gewinn des anderen; Ziel von Autorität ist Sicherung, nicht Abschaffung von Freiheit." </em><br /><br />Autorität wirkt also in abhängigen Verhältnissen wie zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Wissenden und Unwissenden unausdrücklich, wie von selbst, denn sie hat nichts mit erzwungener Unterordnung zu tun. Autoritär hingegen agiert eine Autorität nur, wenn sie keine mehr ist, wenn sie längst verloren ging und dann eben zu Zwangsmaßnahmen bis hin zu körperlicher Gewalt greifen muss, um sich - dann aber fälschlich - "zu behaupten". Der unaufmerksame Leser des Artikels hatte, trotz der Berufung auf eine unter Linken angesehene Autorität wie Max Horkheimer, unterstellt, hier seien für ungezogene Kinder und Jugendliche autoritäre Maßnahmen gefordert. Schläge seien ihnen angedroht worden, hieß es hysterisch, obwohl doch nur davon die Rede war, man müsse ihnen Grenzen ihres extremen und unerträglichen Tuns aufzuzeigen, ohne damit Prügelstrafe, Zuchthaus und Kerker gemeint zu haben. <br /><br />Die Berufung auf Max Horkheimer, den legendären Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, machte die vermeintlichen Erbwalter des antiautoritären Lagers umso furioser, da er doch unter anderem ob seiner berühmten "Studien über Autorität und Familie" als Kronzeuge der antiautoritären Rebellion von 1968 gegen familiäre Repression herangezogen worden war - und diese Berufungsinstanz aus guten Gründen nicht sein wollte. Denn schon damals, 1968, unterlag die Linke, indem sie sich auf diesen Klassiker berief, einem Missverständnis, dass er und seine Mitarbeiter sich gegen Erziehung an und für sich gestellt hätten, als sie sich in den 30er und 40er Jahren mit dem autoritären, in der Tat zum Faschismus und zur Gewalt neigenden Charakter befasst hatten. <br /><br />Ironischerweise ist dies auch ein klassisches Selbstmissverständnis der Linken, die gerade um 1968 herum ganz massiv auf Erziehung bestanden und mit - allerdings neuen, eben antiautoritär gemeinten - Erziehungsformen experimentierten, um von jenen Formen repressiver Pseudo-Erziehung abzukommen, denen viele aus der 68er-Alterskohorte in Familien, Schulen und anderen Institutionen in der Tat unterworfen waren - und manche von ihnen fatal erlagen. So bleibt es bis heute unverständlich, wie Leute, die sich mit anderen Worten derart intensiv um Erziehung - will sagen: bessere Erziehung - gekümmert hatten und die dabei nachhaltige Wirkung bis auf den heutigen Tag erzielten, so allergisch und fast panisch schon auf das Wort reagierten. Und sich eifernd an einem abarbeiteten, der den Mut zur Erziehung gegenüber jenen reklamierte, denen es offensichtlich an einer solchen mangelte - zum Schaden der verfolgten und eingeschüchterten Fremden wie des Gemeinwesens, das in diesen Jahren nach der Wiedervereinigung mental durchaus auf der Kippe stand.<br /><br /><em> Mut zur Erziehung </em> - auch diese Formel wird in einem vermeintlich konsequenten 68er Wut heute noch aufsteigen lassen. War das nicht der Slogan einer neokonservativen Fronde und Kampagne, die den Kulturkampf gegen die 68er und eine liberale Schulpolitik proklamiert hatten? War das nicht geradezu der Schlachtruf der Konterrevolution gewesen, die sämtliche antiautoritären Errungenschaften in Familie, Schule und Justiz kassieren wollte? In der Tat hatten sich im April 1978 einige konservative Herren in Bad Godesberg zu einem Kongress unter dem Slogan-Titel "Mut zur Erziehung" zusammengefunden, um bestehende, aus ihrer Sicht eklatante Mängel des Schulwesens auf recht einseitige Weise dem Treiben linker Revoluzzer und Reformer anzulasten. Aber schon bei diesem nun wirklich gegen sie gerichteten Pamphlet hätte eine aufmerksame Linke besser daran getan, die Kritik aufzugreifen - dann hätte es nicht so lange gedauert, nämlich bis heute, dass sie daran mitwirkt, unübersehbare Erziehungsdefizite an Schulen zu beheben. Auch damals schon wurde schwarz-weiß gedacht und lieber zurückgeholzt, ohne damit die sozialliberale Koalition und die Grundlagen der Schul- und Bildungsreformen retten zu können, die nicht immer zu besten Resultaten führten. <br /><br />Zur Szenerie des Kalten Kriegs gehörte es zum Beispiel, dass man auf gar keinen Fall die Meinung einer Person "von der anderen Seite" anhören oder gar übernehmen durfte und sich stets vor "Beifall von der falschen Seite" zu hüten hatte. Deshalb sei hier nochmals der Text Max Horkheimer als Kronzeuge aufgeboten:<br /><br /><em> "Die potenziellen Faschisten scheinen demnach jene zu sein, die in ihrer Kindheit eher roh, ungehobelt und 'unkultiviert' waren. Ihr Mangel an wirklich affektiver Besetzung der Familie lässt sie den Sinn für Autorität, den sie früher erworben hatten, auf ihre >gang

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