Samstag, 24.10.2020
 
Seit 06:10 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHamburgs Reichtum durch den Kolonialhandel15.10.2020

Aufarbeitung der KolonialgeschichteHamburgs Reichtum durch den Kolonialhandel

Deutschland war das drittgrößte Kolonialreich der Welt, Hamburg als Hansestadt profitierte davon besonders. Den Preis für die industrielle Blüte zahlte die indigene Bevölkerung in den Kolonien. Diese lieferten nicht nur Rohstoffe, sie waren auch Absatzmärkte, wie eine Ausstellung in Hamburg nun zeigt.

Von Ursula Storost

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Hamburgs Speicherstadt bei Nacht. (dpa/picture-alliance/Axel Heimken)
In der Speicherstadt in Hamburg lagerten einst Kolonial- und Rohstoffe wie Kautschuk, Palmöl und Kakaobohnen - eine Ausstellung im Hamburger Museum der Arbeit nimmt sich der dunklen Seiten der Vergangenheit an (dpa/picture-alliance/Axel Heimken)
Mehr zum Thema

Deutsche Afrikapolitik Kurze Kolonialzeit mit Nachwirkung

"Afrikas kollektives Gedächtnis" Wie Zeitzeugen die deutsche Kolonisation in Kamerun erinnern

Weltbilder in der Wissenschaft Museum reflektiert eigene koloniale Geschichte

Die Hamburger Handelskammer befindet sich direkt neben dem Rathaus, im Herzen der Stadt. Ein monumentales klassizistisches Gebäude mit Türmchen und Erkern und mehreren Ebenen. Hier ist der Wohlstand zuhause.

"Kolonialzeit ist unsere Geschichte, ist die Geschichte der Hamburger Wirtschaft. Und dementsprechend auch von Interesse für uns." Sagt Astrid Nissen-Schmidt, Vizepräses der Handelskammer. Wie tief die Hamburger Unternehmen in den Kolonialhandel verstrickt waren, gilt es noch aufzuarbeiten. Immerhin hat die Kammer in der Festschrift zum 350. Jubiläum ihren ehemaligen Präses, den Großreeder Adolph Woermann, als Pionier der Kolonialpolitik bezeichnet.

Statue von Immanuel Kant in Kaliningrad. (imago images/imagebroker/Gabriele Thielmann) (imago images/imagebroker/Gabriele Thielmann)Aufarbeitung des Kolonialismus - "Kein philosophisches Denken ist heilig"
Der Kolonialismus hat bis heute Spuren in unserem Denken hinterlassen. Um sie zu beseitigen, müsse die Geschichte der Philosophie neu gedacht werden, sagte die Philosophin Nadia Yala Kisukidi im Dlf.

"Woermann trieb die deutsche Kolonialpolitik voran – besonders im eigenen Interesse, denn angesichts der Konkurrenz der etablierten Großmächte schien ihm der deutsche Handel in Afrika nur unter dem Schutz des Reiches möglich."

Dass es jetzt im Museum der Arbeit eine Ausstellung über die Verflechtung der Hamburger Unternehmen mit dem Kolonialismus gibt, begrüßt Astrid Nissen-Schmidt ausdrücklich:

"Weil diese Ausstellung es ermöglicht, eine breitere Öffentlichkeit auch daran zu beteiligen - weil die wissenschaftliche Arbeit, die bleibt doch häufig im Verborgenen."

Verschiedene Uniformen der Schutztruppe, koloniale Truppen in den afrikanischen Gebieten des Deutschen Kolonialreichs vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1918 (imago / imagebroker)Um den "Schutz" der deutschen "Schutztruppen" hatte die indigene Bevölkerung nicht gebeten (imago / imagebroker)

Bis heute sind Straßen nach brutalen Unterdrückern benannt

Die Historikerin Dr. Rita Müller ist Direktorin des Hamburger Museums der Arbeit. Im Ausstellungssaal zeigt sie auf einen kolossalen Kerl aus Bronze, der flach auf dem Boden liegt. Ein Riese mit breitrandigem Hut und hohen Schaftstiefeln, in den Händen ein Gewehr.

"Es ist das Denkmal von Hans Dominik; errichtet 1911, 1912 von deutschen Kaufleuten. Er war Offizier und war für die Militärstation Jaunde zuständig. Man wollte ihn damit ehren, mit diesem übermenschlich großen Denkmal. Ich glaube, es ist zwei Meter 60 groß."

Hans Dominik war ab 1896 als Offizier verantwortlich für brutale Unterdrückung der Bevölkerung in der deutschen Kolonie Kamerun. Im Jahr 1935 stellten die Hamburger sein Denkmal vor die Universität. Auch eine Straße wurde nach ihm benannt. 1968 stürzten Studierende das Denkmal. Den Dominikweg gibt es bis heute. Menschen wie Hans Dominik verhalfen Hamburger Kolonialhändlern und der Stadt zu Reichtum, sagt Rita Müller:

"Überhaupt könnte man die These wagen, die industrielle Entwicklung oder die Industrialisierung in Europa ist nur möglich gewesen aufgrund der Kolonien. Daher kamen Rohstoffe, dahin hat man aber auch Waren exportiert. Es war auch ein Absatzmarkt. Das darf man auch nicht vergessen. Es war beides."

Die Schrifstellerin Leila Slimani. (JOEL SAGET / AFP) (JOEL SAGET / AFP)Schriftstellerin Leïla Slimani: "Wir müssen tiefer graben"
Die französisch-marokkanische Schriftstellerin ist dagegen, Denkmäler zu stürzen und damit die Spuren der Kolonialgeschichte zu tilgen. Es sei wichtig, dass es Orte der Erinnerung gebe, damit man begreife, warum etwas furchtbar war. 

Hamburg – die koloniale Wirtschaftsmetropole

Hamburg war die koloniale Wirtschaftsmetropole des deutschen Reiches. Der Hafen bot Möglichkeiten für Handel in großem Stil. Die ehrbaren Hamburger Kaufleute waren Kolonialgewinnler, sagt die Historikerin Dr. Sandra Schürmann, eine der Kuratorinnen der Ausstellung:

"Wir sind es in Hamburg gewohnt, über Kolonialgeschichte erzählt zu bekommen, das weltläufige Kaufleute in die Welt hinausgefahren sind und lauter spannende Sachen mit zurückgebracht haben und daraus dann hier ganz tolle Sachen hergestellt haben. Und was dabei systematisch verschwiegen wird, ist eben die koloniale Dimension dieser Geschichte."

Gewaltsame Landnahme, Vertreibung einheimischer Bevölkerung, Ausbeutung wirtschaftlicher Ressourcen und Menschenverachtung. Bausteine des Kolonialismus, die Hamburg und die Unternehmen reich gemacht haben, sagt Sandra Schürmann:

"Und Hamburg ist immer noch eine der Städte, die von den neokolonialen Strukturen ganz stark profitiert, über den Hafen, aber auch über die Industrien, die sich hier rund um den Hafen angesiedelt haben und die ihre Rohstoffe über den Hafen bekommen und bekommen haben."

Historische Aufnahme: Arbeiter im Maschinenraum der Phoenix AG im Jahr 1912 (Carl Timm, Staatsarchiv Hamburg)Gummiflechterei und Schlauchanfertigung bei der Phoenix AG, 1912 (Carl Timm, Staatsarchiv Hamburg)

Ein Beispiel dafür ist die Kautschuk verarbeitende Industrie. Im Gebäude des heutigen Museums der Arbeit wurde seit 1871 Kautschuk verarbeitet. Die "New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie" stellte Kämme und andere Gebrauchsgegenstände aus Gummi her, sagt der Historiker Stefan Rahner vom Museum der Arbeit:

"Also Gummi war der erste großindustriell hergestellte Kunststoff, der eben sehr, sehr viele Anwendungsmöglichkeiten hatte."

Themenschwerpunkt "Dekolonisiert euch!"

Wer nicht genug lieferte, wurde verstümmelt

Importiert wurde der Rohstoff Kautschuk ausschließlich aus Kolonien. Die indigenen Völker kannten schon lange die vielseitigen Eigenschaften des Stoffes. Sie nutzten Kautschuk zum Abdichten ihrer Boote oder zum Herstellen von Gummibällen und anderer Alltagsgegenstände.

"Als die europäischen Kolonisatoren kamen, wurde ein System von Zwangsarbeit geschaffen, wo diese Wildsammler bestimmte Mengen an Kautschuk abgeben mussten und mit Strafmaßnahmen dazu gezwungen wurden. Ein berühmtes Beispiel ist eben Belgisch Kongo, wo mit drakonischen Maßnahmen bis hin zum Morden von Menschen, Abhacken von Händen und Füßen und Gliedmaßen, Verstümmelungen, die Menschen vor Ort gezwungen wurden, ihre Mengen an Kautschuk zu sammeln und abzugeben."

Während sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland die Meinung durchsetzte, dass auch diejenigen, die hierzulande in den Betrieben schufteten, Anspruch auf Sozialleistungen und menschenwürdige Behandlung haben, waren Menschen in den Kolonien von solchen Standards weit entfernt. Das zeigt sich auch am Beispiel der Ernte und Verarbeitung von Kakaobohnen. Stefan Rahner:

"Es gab in Hamburg beziehungsweise Wandsbek mit den Reichhart-Werken die größte deutsche Schokoladenfabrik vor dem Ersten Weltkrieg mit über 4000 Beschäftigten. Und Reichert hat hier eben durchaus an fortschrittlichen Bedingungen gearbeitet, hat sich auch der Wohlfahrtseinrichtung in seinem Werk gerühmt. Gleichzeitig hat er aber mit sehr rassistischen Äußerungen den Arbeitseinsatz in Kamerun auf den Kakaoplantagen gefordert; unter Verhältnissen, die an Zwangsarbeit erinnern. Und hat davon gesprochen, ‚wir wollen ja keine Wohlfahrtseinrichtungen dort vor Ort schaffen‘."

Dementsprechend rassistisch äußert sich auch der "Wandsbeker Bote" am 2. Juli 1908 unter der Überschrift "Das koloniale Gewissen":

"Die Negerbevölkerung verdankt der deutschen Herrschaft mit dem Aufhören der Sklavenjagden und des ewigen Kriegszustandes so unendlich viel, dass wir ohne Schwanken und Zaudern Anspruch auf ihre Arbeitskraft erheben dürfen und müssen, soll nicht unsere Kolonie zu einem Negerversorgungsheim werden."

Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)

Sozialleistungen nur für Weiße

Auch bei Diskussionen im Reichstag wurde klargestellt, dass verbesserte Arbeitsbedingungen in den Kolonien keinen Platz haben, resümiert Stefan Rahner:

"Es gibt eine ganz klar rassistisch definierte Hierarchie, dass für Schwarzen Sklaverei oder Zwangsarbeit geeignet sei und dass die freie Lohnarbeit mit Arbeitsschutzregelungen und so weiter nur für Weiße, europäischer Arbeiterinnen und Arbeiter gelten."

So beschriebt der "Wandsbeker Bote" von 1908 unter der Überschrift "das koloniale Gewissen" die rassistische Hierarchie in den Kolonien:

"Überall muss der Weiße an erster Stelle stehen, nie und nirgends darf ein Neger auch nur scheinbar die Möglichkeit haben, über Weiße zu gebieten. Nur dann bleiben sie Herren in einem mit deutschem Blute erworbenen Lande."

Historisches Foto: Elefanten-Stoßzähne sind aufgestapelt in einer Industriehalle mit stählernen Pfeilern (SHMH, Museum der Arbeit)Auch "Elfenbein" war ein profitbringender Rohstoff aus den Kolonien. Fertigungshalle der Elfenbeinfabrik H. Ad. Meyer in Barmbek um 1910 (SHMH, Museum der Arbeit)

Hamburger Großkaufleute forderten Kolonien

Ein weiteres Massenprodukt, das über den Hamburger Hafen gehandelt wurde, war Palmöl. 1859 gründete der Unternehmer Gottlieb Leonard Gaiser in Harburg die erste Ölmühle, die ausschließlich tropische Ölsaaten verarbeitete, sagt Stefan Rahner. Gaisers Geschichte wird in der Hamburger Ausstellung erzählt.

"Dieser Unternehmer Gaiser war eben Händler für Palmfrüchte; für Kokosnüsse. Und hatte dann auch Plantagen und Besitzungen in Nigeria im so genannten Mahin-Land. Und wollte, dass Deutschland diese Region auch zur Kolonie erklärt; zum Schutzgebiet, um seine Besitzungen dort abzusichern. Und dies wurde tatsächlich auch von staatlicher Seite erwogen."

Doch Gaisers Rechnung ging nicht auf. Die Regierung machte stattdessen einen Deal mit den Briten: die übernahmen Nigeria als Kolonie und überließen den Deutschen Kamerun. Mehr Glück für seine Besitzungen hatte der Hamburger Großkaufmann und größte Privatreeder der Welt Adolph Woermann, erzählt Hannimari Jokinen. Die Kuratorin und Künstlerin forscht seit 18 Jahren im Hamburger "Arbeitskreis postkolonial" und ist im Beirat zur Hamburger Ausstellung.

"Woermann hat seinen Einflussbereich sehr strategisch aufgebaut. Er war ja Mitglied des Reichstages in Berlin, er war hier in Hamburg Präses der Handelskammer. Und er ist dann auch immer mit den Hamburger Kaufleuten nach Friedrichsruh gefahren, wo Bismarck eben auch sein Gutshaus hatte. Und er hat Bismarck sozusagen bearbeitet, damit er Kolonien gründet."

Adolph Woermann handelte vor allem mit Palmöl und Kautschuk. Er schaffte es, dass die Regierung unter Bismarck Kamerun zum "deutschen Schutzgebiet" erklärte.

"Am Kamerunberg wurden so genannte Strafexpeditionen gemacht, also die Hamburger Kaufleute hatten eigene paramilitärische Truppen, und die sind in die Dörfer und haben die Menschen verjagt beziehungsweise sie auch in Zwangsarbeit genommen für ihre Plantagen."

Um die dringend benötigten Arbeitskräfte zu rekrutieren, kaufte Woermann im damaligen Dahomey, dem heutigen Benin, versklavte Menschen und transportierte sie nach Kamerun, um sie dort zur Arbeit einzusetzen. Sein zutiefst rassistisches Denken äußert sich in einem überlieferten Zitat. In Afrika, sagte er, seien zwei Schätze auszubeuten:

"Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Arbeitskraft vieler Millionen Neger".

Weiß gekleidete Kolonialbeamte im damaligen Deutsch-Ostafrika sitzen um einen Tisch herum. Das Foto enstand im Jahr 1893. (Saalam 1893, Sammlung F. Stuhlmann_copyright MARKK)Kolonialbeamte im damaligen Deutsch-Ostafrika. (Saalam 1893, Sammlung F. Stuhlmann_copyright MARKK)

Branntweinexporte, um Menschen zu unterjochen

Aber von Afrika aus wurden nicht nur Waren nach Hamburg gebracht. Auch Deutschland brauchte Absatzmärkte, und über den Hamburger Hafen wurden auch Waren in afrikanische Länder exportiert, sagt der Historiker Stefan Rahner. Mit an der Spitze war Branntwein.

"Neben der Gewaltausübung war tatsächlich auch der Export von Branntwein von Hamburg und Norddeutschland in die Kolonien auch ein Herrschaftsinstrument. Es gibt viele Berichte von Missionaren über die verheerende Wirkung von Schnaps und Branntwein in den Kolonien. Und Branntwein wurde systematisch eingesetzt; tatsächlich auch, um die Bevölkerung zu unterjochen."

Der Hamburger Kaufmann Adolph Woermann war auch einer der Hauptexporteure von Schnaps. In einer Reichstagsrede vom 4. Februar 1885 ließ er seiner Menschenverachtung freien Lauf:

"Ich bin der Meinung, dass der Verkauf von Spirituosen nicht günstig auf die Neger wirkt. Wollen wir aber heute den Schnapshandel nach Afrika verbieten, so würden wir einen wichtigen Zweig des deutschen Exporthandels bedeutend schädigen. Ich meine, dass es da, wo man Zivilisation schaffen will, hier und da eines scharfen Reizmittels bedarf."

Große Gewinne machten Adolph Woermann und andere Kaufleute auch mit dem Export von Waffen und Schießpulver in afrikanische Länder, erzählt Hannimari Jokinen:

"Um auch koloniale Kriege unter den afrikanischen Menschen zu schüren. Damit die Kriegsgefangenen dort auch wieder in die Zwangsarbeit auf die deutschen Plantagen gebracht werden konnten."

Das Bismarck-Denkmal steht oberhalb des Hafens (Aufnahme mit Drohne). Im Hintergrund ist die Hauptkirche St.Michaelis (Michel) zu sehen. Nach rund fünfjähriger Planung soll in wenigen Wochen die Sanierung des Hamburger Bismarck-Denkmals beginnen. (zu dpa "Sanierung des Bismarck-Denkmals beginnt - Fast neun Millionen Euro") (Daniel Bockwoldt/dpa)Das Bismarck-Denkmal wurde von Hamburger Kaufleuten als Dank für die Einrichtung von Kolonien gestiftet (Daniel Bockwoldt/dpa)

Widerständige stehen nicht auf dem Sockel

Ein wichtiger Aspekt, so Kuratorin Sandra Schürmann, sei der Widerstand, den die indigene Bevölkerung den Kolonialherren entgegensetzte:

"Die Menschen haben sich auch gewehrt gegen diese Arbeitsregimes. Sie haben Petitionen geschrieben, sie haben die unmenschlichen Bedingungen angeprangert, oder sie haben zur Waffe gegriffen und einen Krieg geführt gegen die Kolonialmächte."

Aber gewonnen haben sie allzu selten. Zu übermächtig waren die europäischen Truppen, zu brutal der Umgang mit Aufständischen. An diese Widerständigen, die unter Einsatz ihres Lebens für Gerechtigkeit kämpften, erinnert heute in Hamburg nichts. Die Namen von Kolonialoffizieren und Afrikahändlern wie Adolph Woermann finden sich dagegen auf Straßenschildern, und so mancher Kolonialakteur steht noch als Denkmal auf dem Sockel, sagt Hannimari Jokinen und verweist auf das große Bismarck-Denkmal in Hamburg.

"34 Meter hoch, das jetzt gerade für viel Geld saniert wird, ist eigentlich der Dank der Hamburger Kaufleute für die Kolonien und für den Ausbau des Hamburger Hafens und der Speicherstadt für die Lagerung von Kolonial- und Rohstoffen."

Bis heute gibt es koloniale Unterdrückung, sagt die Sozialwissenschaftlerin Meryem Chukri, die im Beirat an der Hamburger Ausstellung mitgewirkt hat.

"Wenn wir uns die Geschichte angucken, dann sehen wir, dass in den allerallermeisten Ländern der Kolonialismus in den Sechzigern, Siebzigern des zwanzigsten Jahrhunderts geendet hat. Aber dass die wirtschaftlichen Beziehungen noch relativ ähnlich sind - also wer die Plantagenbesitzerinnen sind, wer das große Geld macht und auch dass Ausbeutungsverhältnisse halt fortbestehen."

Warum kommt unsere Schokolade aus Westeuropa?

Palmöl und Kautschuk werden nach wie vor im Hamburger Hafen umgeschlagen, so Meryem Chukri. Und auch Kakaobohnen.

"Warum wird die Schokolade, die wie hier essen, warum wird die immer in westlichen Ländern hergestellt? Wo die doch angebaut wird zum Beispiel in Ländern des afrikanischen Kontinents. Und es gibt dort auch lokal Gruppen, die Schokolade produzieren. Allerdings ist es häufig so, dass die gar nicht den westeuropäischen Markt erreicht."

Gerade in Hamburg, resümiert Hannimari Jokinen, sollte man besonders sensibel mit dem Kolonialismus umgehen. Denn die Geschichte, warum Hamburg so reich und so schön ist, wird immer noch nicht richtig erzählt:

"Die Biografien der Hamburger Kaufleute sind ja sehr viel mit Mythen umweht. Zum Beispiel auf den Wikipedia-Seiten heißt es: ‚XY ging irgendwohin, wurde schnell reich, kam zurück nach Hamburg und hat Kunst und Soziales gefördert.‘ Aber es wird nicht gefragt, womit er sein Geld gemacht hat und wie viel Blut klebt an seinem Geld. Und wir müssen die ganze Geschichte erzählen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk