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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie verdrängte Dimension des Holocaust in Osteuropa10.10.2021

Aufarbeitung von NS-VerbrechenDie verdrängte Dimension des Holocaust in Osteuropa

Die Massenerschießungen durch die Nazis in Osteuropa sind umfangreich dokumentiert. Doch im Geschichtsbewusstsein der Deutschen komme dieser "Holocaust durch Kugeln" kaum vor, kommentiert Sabine Adler. Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dieses Versäumnis eingesteht, schaffe Vertrauen.

Ein Kommentar von Sabine Adler

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) legt bei der Umbettungsstätte für die Opfer der deutschen Massaker Blumen nieder. In Korjukiwka erinnert Steinmeier an die größte der sogenannten «Strafaktionen» der deutschen Besatzer gegen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg. Anfang März 1943 wurden dort unter einem SS-Sonderkommando rund 6700 Menschen als Reaktion auf die sowjetische Partisanenbewegung ermordet. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Bundespräsident Steinmeier (l.) räumte in der Ukraine Lücken im deutschen Holocaust-Gedenken ein (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
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Fast unbemerkt im Trubel des politischen Alltags hat sich in der deutschen Politik etwas Seltenes ereignet. Ein Kurswechsel, der die Hoffnung nährt, einen Fehler der Vergangenheit nicht mehr zu wiederholen. Kein Geringerer als Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat ihn vollzogen. Das Staatsoberhaupt, das im kommenden Jahr gern wiedergewählt werden möchte, hat öffentlich auf einen Fehler aufmerksam gemacht. Dazu ist Steinmeier nach Korjukiwka an der ukrainisch-belarussischen Grenze gefahren.

Die kleine Stadt ist in Deutschland unbekannt. Dabei müsste man von ihr gehört haben, genau wie von weiteren tausenden Orten, an denen deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg innerhalb von wenigen Tagen Massenmorde an der Bevölkerung verübten. In Korjukiwka wurden 1941 erst die jüdischen Einwohner getötet und zwei Jahre später, 1943, fast alle übrigen 6.700 Menschen. Das könnte man hierzulande wissen.

Auch von Babyn Jar. In der Schlucht in der Hauptstadt Kiew, dort wo heute ein Gedenkpark angelegt ist, erschossen Deutsche in zwei Tagen über 33.700 Personen. Größtenteils Jüdinnen und Juden, in den Monaten danach noch tausende weitere Bewohner.

Massenerschießungen im deutschen Bewusstsein verdrängt

Die Ukraine erlebte, was Historiker seit langem den Holocaust durch Kugeln nennen. Die allermeisten Juden kamen in Osteuropa auf diese Weise ums Leben. Doch diese rund zwei Millionen Opfer kommen in der deutschen Erinnerungskultur fast nicht vor. Die angeblich so gründliche Aufarbeitung der NS-Zeit hat sich ausführlich und berechtigterweise viel mit den Vernichtungslagern beschäftigt. Doch die Massenerschießungen, an denen Tausende Wehrmachtssoldaten und Angehörige der SS-Einsatzgruppen beteiligt waren, die als Täter mit diesem Wissen um die Verbrechen, die sie verübt hatten, nach Hause zurückkehrten, sind im deutschen Bewusstsein erfolgreich verdrängt worden.

Diese Massenvernichtungen mit Gewehren haben unmittelbar mit dem Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren begonnen. Hauptsächlich in den Sowjetrepubliken, die heute auf dem Gebiet von Polen, Belarus, Rumänien, im westlichen Teil von Russland, vor allem aber der Ukraine liegen. Sie ist das Land, das die allermeisten Menschen durch die Massenerschießungen verloren hat.

Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland (imago stock&people) (imago stock&people)"Blinder Fleck im historischen Gedächtnis Deutschlands"
Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, kritisiert, sein Volk werde beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg kaum berücksichtigt. Deutschland müsse sich seiner historischen Verantwortung gegenüber der Ukraine stellen, sagte er im Dlf. Es habe dort acht Millionen Kriegsopfer gegeben.

In der Sowjetunion wurden diese Massaker in den vor allem kleinen Orten totgeschwiegen. Nichts sollte den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg schmälern. So gerieten diese traumatischen Ereignisse in Vergessenheit, auch weil kaum noch jemand übrig war, der davon berichten konnte.

Doch seit zehn Jahren kann jeder nachlesen, was in den sowjetischen Bloodlands, wie Timothy Snyder sie nennt, geschah. Der Historiker listet die deutschen Verbrechen in den Regionen an den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen genau auf.

Leider nahmen deutsche Politiker, die deutsche Gesellschaft insgesamt, diese akribische, wenig erbauliche Arbeit des amerikanischen Autors kaum wahr. Dabei war das Lesen eine Hausaufgabe. Sie nicht zu erledigen, rächte sich 2013/2014 bitter.

Als Russland die Krim annektierte und die Unruhen in der Ostukraine schürte, die in den Krieg mündeten, der bis heute anhält, meinte man in Deutschland, sich mit Kritik an Moskau zurückhalten zu müssen. Denn schließlich habe Deutschland ja in Russland Schlimmes angerichtet.

Eingeständnis, das Vertrauen schafft

Die Ukrainer glaubten, ihren Ohren nicht zu trauen. Aus dieser erschreckenden Unkenntnis, dass die ehemalige Sowjetunion nicht nur das heutige Russland ist, leitete die deutsche Politik zunächst eine Äqui-Distanz ab. Gleicher Abstand zu Russland wie zur Ukraine. Den hunderttausenden Ukrainern, die für einen demokratischen Weg ihres Landes in die EU demonstrierten, wurde die kalte Schulter gezeigt. Sie mussten sich zusätzlich von Russlands Propaganda als Faschisten diffamieren lassen. Die Geschichtsvergessenheit gegenüber der Ukraine war beschämend.

Dass nun Frank Walter Steinmeier beim Gedenken zum 80. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar öffentlich über dieses Versäumnis sprach, auch über seinen Besuch in Korjukiwka, war so überfällig wie erfreulich. Es war ein Eingeständnis, das Vertrauen schafft, das unterwegs verloren zu gehen drohte.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

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