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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Sport muss sich seiner Verantwortung stellen13.10.2020

Aufarbeitung von sexueller Gewalt im SportDer Sport muss sich seiner Verantwortung stellen

Rund 100 Betroffene aus dem Sport haben sich bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet. Was es jetzt braucht, sind Menschen im gesamten organisierten Sport, die nicht schweigen und wegsehen, sondern aufstehen und hinsehen, kommentiert Maximilian Rieger.

Von Maximilian Rieger

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Kinder turnen in einer Turnhalle (Symbolbild) (picture alliance/JOKER/Petra Steuer)
Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass für die Hälfte der befragten Sportvereine die Prävention von sexualisierter Gewalt kein relevantes Thema ist (Symbolbild) (picture alliance/JOKER/Petra Steuer)
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Ein Held oder eine Heldin ist jemand, der sich mit Mut einer schweren Aufgabe stellt. Die knapp 100 Menschen, die sich bei der Aufarbeitungskommission für sexuellen Kindesmissbrauch gemeldet haben, sind also Heldinnen und Helden. Denn sie haben den Mut gefunden, zu berichten, wie sie im Fußball-, Judo- oder Reitsportverein sexuell missbraucht wurden – von ihren Trainern, den Personen, die eigentlich für sie sorgen sollten.

Dieser Mut fehlt den großen Sportorganisationen wie dem Deutschen Olympischen Sportbund. Denn hätte der deutsche Sport-Dachverband diesen Mut, dann hätte er früher Verantwortung übernommen für den Missbrauch, der auch durch die Strukturen im Sport begünstigt wird.

Sport lebt von körperlicher Nähe

Denn Sport lebt von Nähe, auch körperlicher Nähe. Er lebt von Emotionen. Von Gemeinschaft. Von Vertrauen. All das macht Vereinsleben aus. All das nutzen aber auch Täterinnen oder Täter, um ihre Opfer und das Umfeld zu manipulieren. Dabei profitieren sie von einem Machtgefälle, das im Sport oft vorherrscht – zum Beispiel, wenn ein Trainer bestimmt, wer auf Wettkämpfe fährt und wer nicht. Und sie profitieren davon, dass Menschen im organisierten Sport unter "Gemeinschaft" viel zu oft ein Schweigekartell verstehen. 

Verschwommenes Bild der Beine von Teilnehmern in einer Sporthalle. ( imago/Dünhölter SportPresseFoto) ( imago/Dünhölter SportPresseFoto)Sexueller Kindesmissbrauch im Sport - "Es sind keine Einzelfälle"
Matthias Katsch kämpft seit Jahren für die Anerkennung und Entschädigung von Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kirche. Im Dlf erklärt er, in welchen Belangen Sportorganisationen den Kirchen noch hinterherhinken und was passieren muss, um aufzuklären.

Um dieses Schweigen zu brechen, braucht es einen Kulturwandel. Und der startet von oben. Deswegen ist es ein überfälliges, aber sehr gutes Zeichen, dass heute DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe die Betroffenen öffentlich um Entschuldigung gebeten hat. Genau wie die Ankündigung, dass der DOSB plant, sich wieder an einem Fonds für Betroffene aus dem Sport zu beteiligen.

Kulturwandel in Vereinen und Verbänden ist nötig

Das Thema Entschädigungszahlung zeigt aber, wie weit der DOSB noch zu gehen hat. Denn jahrelang hat sich der DOSB davor gedrückt, Geld an Opfer von sexualisierter Gewalt im Sport zu zahlen. Auch der Deutsche Fußball-Bund weigert sich, auf breiter Ebene die Geschichte von sexueller Gewalt im Verband aufzuarbeiten. Stattdessen setzen die Verbände auf Prävention. Das ist natürlich richtig. Aber das Beispiel der katholischen Kirche zeigt, dass erst durch eine für sie extrem schmerzhafte Aufarbeitung des Leids ein Bewusstsein entstanden ist, sich diesem Problem stellen zu müssen.

Einen Kulturwandel braucht es aber auch in jedem Verein. Eine Studie aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Ergebnis, dass für die Hälfte der befragten Sportvereine die Prävention von sexualisierter Gewalt kein relevantes Thema ist. Ein Ergebnis, das nur eine Reaktion hervorrufen kann: Jedes Vereinsmitglied muss sich fragen: Sind Kinder in meinem Verein ausreichend geschützt? Tun wir genug, um Missbrauch zu verhindern? Und wenn die Antwort "keine Ahnung" oder "nein" heißt, muss das Thema auf die Agenda. Ausreden wie "keine Zeit" oder "zu viel Bürokratie" zählen nicht – Kinderschutz muss auch in ehrenamtlichen Vereinen gewährleitest sein. Beratungsstellen und Konzepte gibt es inzwischen genug. Was es jetzt braucht, sind Menschen im gesamten organisierten Sport, die nicht schweigen und wegsehen, sondern aufstehen und hinsehen.

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