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StartseiteHintergrundAufbruch im Himalaja10.04.2007

Aufbruch im Himalaja

Nepals langer Marsch in Richtung Demokratie

Der Neubau aus feuerroten Backsteinen, inmitten der Ansammlung von Häusern an der Dorfstraße, fällt gleich ins Auge. Eine rote Fahne weht an einem Mast, und die Fenster sind zur Hälfte mit rotem Stoff verhängt: Das örtliche Parteibüro der Maoisten. Aus dem Dorfladen daneben, in dem Waren wie Gebäck und Kaltgetränke verkauft werden, schallt Musik aus dem Radio. An der Bürotür des Maoistenführers in der Gemeinde Panchkhal müssen Besucher die Schuhe ausziehen. Neben dem Eingang sind etwa 15 Fotos aufgehängt.

Von Ingrid Norbu

Bürger feiern am 25. April 2006 auf der Straße von Katmandu den Rückzug von König Gyanendra. (AP)
Bürger feiern am 25. April 2006 auf der Straße von Katmandu den Rückzug von König Gyanendra. (AP)
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"Das sind Fotos von unseren Brüdern und Schwestern, die in den letzten zehn Jahren ihr Leben für unseren Kampf eingesetzt haben und dabei gestorben sind. Das sind unsere Märtyrer, und ihre Fotos werden in jedem Büro aufgehängt. Wir respektieren sie, weil sie sich geopfert haben, denn wenn die das nicht getan hätten, wäre die Lage in Nepal heute nicht so gut."

Ganesh Prasad Timil Sina, der Maoistenführer in der Gemeinde Panchkhal, ist ein älterer Herr. Er trägt einen Anzug, eine karierte Schirmmütze und einen Wollschal. Mürrisch blickt er von seinem Schreibtisch auf, auf dem ein Heft liegt, in das er mit winziger Schrift schreibt. Panchkhal ist eine Gemeinde in der mittleren Bergregion Nepals, etwa 30 Kilometer östlich der Hauptstadt Katmandu gelegen. Das weite Tal, auf einer Höhe von etwa 800 Metern, eignet sich gut für den Reisanbau. Hier wachsen auch Tomaten und Kartoffeln, Mangos und Papayas. Abnehmer finden die Farmer dafür in der Hauptstadt. Seit neustem wird auch Kaffee angepflanzt und unter der Marke "Himalaja" erfolgreich in Japan und den USA vermarktet. Ganesh Prasad Timil Sina, der Maoistenführer in Panchkhal, ist Brahmane und Landbesitzer. Damit gehört er zur privilegierten Schicht im Himalajaland.

"Ich war erst Mitglied der Nepal Communist Party (Marxisten-Leninisten), die auch in den 90er Jahren mal Regierungspartei in Katmandu war. Bald wurde mir aber klar, dass die bei uns nichts verändern können. Nepal ist ein unruhiges Land. Die politischen Führer sagen das eine und tun etwas anderes. Als ich von den Plänen der Maoisten erfuhr, war mir klar, dass nur sie unser Land richtig regieren können."

Die Nepal Communist Party (Maoist) ging 1996 in den Untergrund, um das Establishment zu bekämpfen. Das Establishment? Das waren für sie die Vertreter der demokratischen Parteien, die nach der Volksbewegung 1990 an die Macht gekommen waren und der König, der zwar nur noch konstitutioneller Monarch war, doch weit reichende Befugnisse behielt. Die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft erfüllten die demokratischen Parteien nicht. Viel zu sehr waren sie damit beschäftigt, sich gegenseitig Posten abzujagen und sich und ihre Familien zu bereichern. 13.000 Menschen starben im Verlauf des Bürgerkriegs in Nepal. Am Ende kontrollierten die Maoisten 75 Prozent des Staatsgebietes. Dabei hinterließen sie ein Klima der Angst. Doch manchmal wehrten sich die Menschen auch gegen die Maoisten, wie der ehemalige Gemeindevorsteher von Panchkhal, Rudra Baniya, berichtet.

"In Panchkhal wurde mein Stellvertreter von Maoisten gekidnappt und getötet. Alle Bewohner hier haben daraufhin vehement gegen diesen Mord der Maoisten protestiert. Fortan liefen die dann immer mit gesenktem Kopf durch die Gemeinde. Die Maoisten waren danach bei uns eher sanft. Sie haben niemanden aus dem Haus vertrieben und sich nicht den Besitz anderer angeeignet."

Im November 2006 einigten sich die Maoisten mit den demokratischen Parteien auf eine Übergangsverfassung, um dem Land endlich Frieden zu geben. Bei ihren Versammlungen sitzen die Männer wie hier in Panchkhal unter den Bildern von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und Pushpa Kamal Dahal, dem obersten Führers der Maoisten in Nepal, der sich auch Prachanda nennt.

"In unserer Partei gibt es Gesetze. Wir haben nicht für uns im Dschungel gekämpft und Menschen getötet, wir haben an das Land gedacht und daran, dass es hier endlich echte Demokratie, Frieden und Wohlstand gibt. Das war im Sinne der Bevölkerung, und einen anderen Weg gab es nicht. Wir haben auch immer gegen den König gekämpft. Wir haben gesagt, wir wollen eine Republik. Der König muss weg. Sein Besitz muss verstaatlicht werden und allen zugute kommen."

Die Maoisten scheuten sich nicht, selbst Schulkinder zu entführen und in ihre Kampfeinheiten zu pressen. Die Dorfschule in Panchkhal ist deshalb von einem hohen Maschendraht umgeben. Gestiftet und unterhalten wird die Schule von Japan aus, so steht es auf einem Schild. Alle Kinder tragen Uniformen, dunkelrote Hosen oder Röcke, weiße Hemden oder Blusen. Ihre Lektion haben die Schüler auswendig gelernt. Sie sagen sie stehend auf und setzen sich erst wieder, wenn der Lehrer sie dazu auffordert. Thema des Englischunterrichts ist die Kuh, das heilige Tier der Hindus, auf deren Tötung immer noch lange Gefängnisstrafen stehen.

Die Maoisten hatten auch den Kampf für die Gleichberechtigung der unterschiedlichen ethnischen Volksgruppen, der Frauen und Kastenlosen auf ihre Fahnen geschrieben, alle die, die unter der Herrschaft der oberen Hindukasten benachteiligt sind. Die Tage des Hindukönigs, der früher wie ein Gott verehrt wurde, scheinen gezählt zu sein, seit sich König Gyanendra 2001 auf den Thron setzte. Sein Bruder und dessen Familie waren im Palast ermordet worden. Er wollte ein aktiver Monarch sein, sprich, er setzte 2002 die Armee gegen die maoistischen Rebellen ein oder die, die er dafür hielt. Sushil Pyakurel war bis 2005 Mitglied der Menschenrechtskommission Nepals.

"In einem Ort im Osten Nepals, im Ramechap Distrikt, waren 19 Menschen von der Armee gefangen genommen worden, weil sie angeblich Maoisten waren. Sie trugen keine Waffen. Bei einem Treffen hatte man sie umzingelt, ihre Hände wurden auf den Rücken gebunden, und man zwang sie, drei Stunden zu marschieren. Dann wurde einer nach dem anderen getötet. Man begrub sie. Die Menschenrechtskommission wurde von jemandem informiert. Wir gingen in den Ramechap Distrikt, haben die Leichen exhumiert und einen Bericht veröffentlicht. Vorher hatte kaum jemand von den Verbrechen der Armee gehört. Niemand ahnte, wie sie mit den Leuten in den Dörfern umspringen. Nach unserem Bericht stellte sich dann die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Armee."

Am 1. Februar 2005 erklärte sich König Gyanendra, als Oberbefehlshaber der Armee, sogar zum Alleinherrscher des Landes, um vor allem mit der Presse und anderen Kritikern abzurechnen.

"Die Armee war sehr verärgert über unseren Bericht. Als der König alle Macht an sich riss, habe ich als Menschenrechtler kritisiert, dass dieser Coup nicht mit der Verfassung Nepals vereinbar ist, was dazu führte, dass mich das Regime fortan daran hinderte, Katmandu zu verlassen."

Um seiner Verhaftung zu entkommen, floh Pyakurel ins Ausland. Erst seit April 2006, seit eine Volksbewegung den König absetzte, kann er sich wieder im Land bewegen.

Auch die Menschen in der Gemeinde Panchkhal standen in den letzten Jahren zwischen den Fronten, auf der einen Seite die Willkür der Maoisten, auf der anderen die Brutalität der Soldaten, die nach dem Coup des Königs freie Hand hatten. In jeder Familie gibt es jemanden, der im Verlauf des Bürgerkriegs getötet wurde oder verschwunden ist. Wer meinte, dass ihm Unrecht geschehen sei, suchte lieber die Hilfe der Maoisten als die der Polizei. Die wurden bekannt für ihre schnelle Justiz. Im günstigsten Fall wurden die Angeklagten in den Dschungel verschleppt, belehrt, verprügelt und, geläutert wie man hoffte, wieder zurückgeschickt. Es sind trotz des Bürgerkriegs auch positive Entwicklungen spürbar: Es gibt nun eine Wasserleitung bis ins Dorf, viele kochen hier mit Biogas und schonen dadurch den kargen Baumbestand, der früher verheizt wurde, und neben vielen Häusern stehen mittlerweile vorzeigbare Toiletten. Ein Werk, das vor allem der Initiative der Frauen im Dorf zu verdanken ist, die wie immer jeden Tag um vier Uhr morgens aufstehen, Wasser holen, die Tiere versorgen.

Wasserbüffel und Ziegen sind vor dem Haus von Rudra Baniya angebunden. Auch er ist Brahmane und einer der reichsten Landbesitzer der Gegend. Auch er wurde Mitglied der Kommunistischen Partei, der Marxisten-Leninisten, die schon Anfang der 1990er Jahre das Bekenntnis zur Mehrparteiendemokratie abgelegt hat und neben dem Nepali Congress zu den größten Parteien in Nepal gehört. Seinen Gemeindevorsteherposten war Baniya los, als sich die Maoisten in Panchkhal festsetzten.

"In Panchkhal wohnen vor allem Brahmanen und Chhetrie, die zweithöchste Kaste bei den Hindus. Zehn Prozent gehören zur ethnischen Volksgruppe der Tamang. Dann gibt es noch die Unberührbaren. Diese besitzen kein eigenes Land. Sie müssen auf den Feldern der Brahmanen und Chhetrie arbeiten und ihnen die Hälfte des Ertrags abgeben. Deshalb wandten sich die Kastenlosen an die Maoisten. Die sagen: Gebt doch nicht weiter den reichen Leuten die Hälfte, gebt sie besser uns. Hier in der Gemeinde waren die Maoisten allerdings etwas vorsichtiger mit solchen Aufforderungen."

Bahunbad nennt man in Nepal die Dominanz einer Kaste, der Brahmanen, ihrer Sprache, dem Nepali, ihrer Religion, dem Hinduismus, und ihrem Geschlecht. Dass Brahmanen wie Timal oder Baniya in der Öffentlichkeit körperlich arbeiten, beispielsweise auf ihren eigenen Feldern, ist äußerst selten, bei ihren Frauen ist es dagegen üblich. Baniyas Frau bringt Tee. Er hat so viel Grundbesitz, dass er noch eine zweite Frau heiratete, die die Felder weiter unten im Tal bearbeitet. Die meiste Zeit verbringt er allerdings in der Hauptstadt Kathmandu. Die Straßensperren auf dem Weg dorthin stehen noch am Rande, auch die Soldaten, die bis vor einem Jahr jeden anhielten und einer Gepäckkontrolle unterzogen. Doch nun hat man freie Fahrt bis in die Hauptstadt.

Wo noch vor zehn Jahren ausgedehnte Reisfelder lagen, hat nun kaum noch ein Gemüsegarten Platz. Jeder Winkel ist zugebaut. Das Katmandu-Tal ist angefüllt mit Häusern aus Backsteinen. Schmale Gassen führen daran vorbei, durch die sich von früh bis spät Autos und Motorräder quetschen. Die unsichere Lage auf dem Land hat viele Nepalis gezwungen, in der Hauptstadt Schutz zu suchen. In Katmandu angekommen, entmaterialisieren sich die Probleme des Landes sozusagen. Berichte im Fernsehen über entlegene Gebiete gibt es nur, wenn irgendwo Unruhen sind, wie im Südosten des Landes, im Therai.

Zerstörte Häuser, verletzte Demonstranten sind in den Fernsehnachrichten zu sehen. Von Ausgangsperren ist die Rede. Es gibt allerlei Vermutungen in der Hauptstadt darüber, wer hinter diesen Kämpfern steht und für was sie streiten. Wichtigster Punkt des Friedensabkommens vom November 2006 war die Wahl zu einer Verfassungsgebenden Versammlung, wie sie die Maoisten seit langem forderten. Eine Übergangsregierung wurde gebildet, das Parlament, das der König 2002 entließ, wieder eingesetzt. Doch es ist nicht repräsentativ, was die Vielfalt der Bevölkerungsgruppen in Nepal betrifft. Nur aus den Reihen der Maoisten zogen eine Anzahl Frauen, Unberührbare und Vertreter ethnischer Volksgruppen in das Übergangsparlament ein. Die führenden Schichten haben, wie es aussieht, schon wieder die Weichen in ihre Richtung gestellt. Om Gurung ist der Generalsekretär des Dachverbands der Indigenen Völker in Nepal. Die Gurung sind eine Volksgruppe, die im Westen Nepals rund um den Achttausender Annapurna leben. Die meisten Gurung sind Buddhisten.

"Wir sprechen von den Ureinwohnern Nepals, von denen, die hier schon seit undenklichen Zeiten leben. Im Hindustaat gehören sie aber zur rückständigsten Gruppe. Sie werden durch den Hinduismus und seine Vertreter auf der Grundlage ihrer Volkszugehörigkeit, Religion, Sprache, Geschlecht und ihrem Wohnort diskriminiert. Die indigenen Völker Nepals leben am Rande der Gesellschaft. Von Entscheidungen im Staat werden sie ausgeschlossen. Sie haben wenige Vertreter im Parlament, kaum welche in der Regierung, der Verwaltung, der Armee oder in staatlichen Kommissionen. Jeder hat gehofft, dass die neue Regierung, die demokratische Regierung, der indigenen Bevölkerung, den Unberührbaren und anderen unterdrückten Klassen, auch den Frauen helfen würde, aber in der Interims-Verfassung wird das Problem überhaupt nicht angesprochen."

Trotz aller Zusagen zeigt sich das angeblich "Neue Nepal", das nach der Volksbewegung im April 2006 aus der Taufe gehoben wurde, als das alte Nepal, mit denselben Gesichtern, demselben Gezanke um Pfründe, den Diskussionen, die an den Problemen vorbeigehen.

"Es wird über Wahlkreise und die Anzahl der Sitze der ethnischen Bevölkerung gesprochen, nicht aber auf ihre Forderungen eingegangen. Wieder versuchen Brahmanen aus der Bergregion und solche aus dem Therai ihre politische Macht dort zu erhalten. Die ursprünglichen Volksgruppen werden ausgeschlossen von der Macht. Sehr wenige kontrollieren die Ressourcen, und eigentlich hatten wir ja entschieden, dass sich das ändern muss, deshalb gab es ja die Volksbewegung im April 2006."

Beseitigung der Monarchie, forderten die Maoisten in ihrem Kampf, doch der Premier Koirala stellte sich bisher nicht direkt in Opposition zum König. Ob das Himalajaland reif ist für eine Republik, hat das vom Bürgerkrieg geprüfte Volk längst für sich beantwortet.

"Bei uns gibt es ein Sprichwort: Halte keine Schlange im Haus und füttere sie mit Milch, denn irgendwann wird sie dich beißen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen den beiden Königen. Birendra hat etwas für das Land getan, sein Nachfolger Gyanendra ist anders. Er ist sehr brutal. Deshalb brauchen wir ihn nicht mehr. An eine Machtübernahme des Militärs glaube ich nicht. Die Leute hier sind wachsam. Nicht nur hier in Nepal, sondern auch im Ausland wird man solch einen Rückschritt nicht zulassen, denke ich."

Niemand hat mehr zu verlieren, als die alte Führungselite um den König, die ihre Stellung aus der Religion ableitetet, dem Hinduismus. Und die Maoisten? Beliebt sind sie nicht. Seit Anfang April sitzen sie mit in der Interimsregierung.

"Ihre Richtschnur war all die Jahre die Errichtung der Diktatur des Proletariats, Marxismus, Leninismus, und sogar stalinistische Tendenzen gab es bei den Maoisten. Später haben sie gemerkt, dass sie damit nicht erfolgreich sein werden. Sie veränderten sich. Die Führung ist gespalten. Einige setzen sich in der Partei und in der Nation für die demokratische Entwicklung ein, aber es gibt andere, die an der Diktatur des Proletariats festhalten. Wir müssen unseren Gegner klein kriegen, so wurden sie trainiert. Die Maoisten stecken in einem Dilemma. Neulich sagte ihr oberster Führer Prachanda, wir sollten die Armee gegen die Aufständischen im Südosten einsetzen und sie selbst mit maoistischen Kämpfern unterstützen, 2000 Mann von der Armee, 1000 Maoistenkämpfer, dabei wurden die Maoistenkämpfer doch gezwungen, sich in Lager zurückzuziehen."

Ein Land im Übergang, mit einer Übergangsverfassung, einem Übergangsparlament und einer neuen Übergangsregierung, in der allerdings die Frauen, die Unberührbaren und die ethnischen Volksgruppen wieder mal unterrepräsentiert sind, zugunsten der Elite, der männlichen Brahmanen. Über das Schicksal des Hindukönigs soll erst die verfassungsgebende Versammlung entscheiden, die am 20. Juni gewählt werden soll, aber nur, wenn überall in Nepal Frieden herrscht.

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