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StartseiteKultur heuteBalanchines Meisterwerk "Jewels" 28.10.2018

Aufführung am Bayerischen StaatsballettBalanchines Meisterwerk "Jewels"

Er war wohl der berühmteste klassische Choreograph des zwanzigsten Jahrhunderts: George Balanchine. 1967 schuf der emigrierte Russe für sein Ensemble des New York City Ballett „Jewels“, ein dreiteiliges abendfüllendes Tanzwerk, das im Münchener Nationaltheater Premiere feierte.

Von Wiebke Hüster

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 Bayerische Staatsoper / © Wilfried Hösl (Bayerischer Staatsoper / © Wilfried Hösl)
Jewels (Emeralds) an der Bayerischen Staatsoper: Vera Segova, Dmitrii Vyskubenko, Maria Chiara Bono (Bayerischer Staatsoper / © Wilfried Hösl)
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"Jewels" ist das vielleicht schönste Beispiel dafür, dass es zu nichts führt, die Kategorie "kommerziell" auf Ballette George Balanchines anzuwenden, auch wenn "Jewels" jeden Abend 3.000 Plätze füllte. Es war Balanchine während der gesamten vier Jahrzehnte währenden NYCB-Direktion Balanchines - von den 40-er bis in die 80-er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts - durchaus möglich, wirtschaftlich erfolgreich und ästhetisch kompromisslos zu arbeiten. Da aber das Kriterium Schönheit im Hinblick auf die Diskussion von Kunstwerken auch stark in Verruf geraten ist, könnte die Verteidigung der Ästhetik Balanchines doch ins Schwitzen kommen.

Keine leichte Zeit für "weiße, heterosexuelle Kulturschaffende"

Die Zeiten sind für weiße, heterosexuelle, männliche Kulturschaffende nicht leicht, und seien sie auch tot. Kürzlich mußte sich Balanchine gefallen lassen, für das sexuell übergriffige Verhalten seines Nachfolgers Peter Martins mit haftbar gemacht zu werden. Bereits zu seinen Leb- und Führungszeiten, als Peter Martins noch im Ensemble tanzte, soll durch Balanchines eigenes Verhalten ein Klima entstanden sein, das dann später Martins dazu einlud, sich als Chef sexuelle Gefälligkeiten von Abhängigen zu erbitten. Der Vorwurf an Balanchine lautete, er habe bis zu seinem Tod als bald Achtzigjähriger in serieller Monogamie mit vier Ballerinen gelebt, mit denen auch Arbeitsverhältnisse bestanden hatten.

Heute ist es möglich, dass viele so leben, wie umgekehrt, anderen einen Strick daraus zu drehen, wenn es einem #metoo-mäßig in den Kram paßt. Alles ist möglich und sein Gegenteil auch.

Balanchine interessieren die Bewegungsmöglichkeiten der Ballerina 

Daher ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis nicht nur über die persönlichen Verhältnisse der Balanchine-Generation, sondern auch über die Werke in genderpolitischer Hinsicht zu Gericht gesessen wird. Für Jewels dürfte das schlecht ausgehen. Schlimmeres Unverständnis als jene zu dem Verdikt "nostalgisch" führende Ahnungslosigkeit könnte alle drei Teile des Balletts auf den Abfallhaufen der Gender-Geschichte befördern. Vielleicht hat es also sein Gutes, wenn der Tanz so selten auf 'Spiegel Online' oder dem 'Times Magazine'-Titel erscheint - und ein Abend wie "Jewels" fliegt unter dem Gender-Radar hindurch. Im ersten Teil, den Smaragden, würden die romantischen, in der geisterhaften Atmosphäre einer Sommernacht spielenden Begegnungen der Paare als nicht wirklich abstrakt auffallen, und wie sehr Balanchine jene Bewegungsmöglichkeiten der Ballerina interessierten,

...das auf seinen Händen gestützte Schweben...

die nur mit der Unterstützung, Hebung oder dem Halt durch den männlichen Partner möglich werden, das durch ihn in der Balance gehaltene endlose Drehen. In "Emeralds" scheint die Zeit in einem nicht enden wollenden Adagio still zu stehen, und keine Wirklichkeit stört Männer und Frauen dabei, sich in das Wesen und Werben des anderen zu vertiefen.

In "Rubies" geht es zu Igor Strawinskys "Capriccio für Klavier und Orchester" so überschäumend gutgelaunt zu, dass die juwelenbesetzten, kurzen Röcke der Ballerinen leise klirren. New York und das Zeitalter des Jazz klingen hier an: freche, raumgreifende, wippende, synkopierte Tänze umrahmen mehrere sportliche Pas de deux und einen monumentalen Starballerinen-Auftritt, bei dem an jedem Bein und jedem Arm ein anderer Anbeter hängt, zieht, drückt oder schiebt.

Denkt man in "Emeralds" an "Giselle" und den Sommernachtstraum, und in "Rubies" an die Märchenfigurenauftritte von "Dornröschen", so ruft die Apotheose der "Jewels", die "Diamonds" eine Ahnung der klassischen Meisterwerke auf, der abstrakten Passagen von "Raymonda" etwa. In München tanzte Ksenia Ryzhkova den Grand pas de deux so makellos wie interpretationsstark. In dem Lächeln, das sie ihrem für den verletzten Jinhao Zhang eingesprungenen anrührend jungen Partner Alexey Popov schenkte, lag das ganze, jeder einzelnen körperlichen Regung entspringende Glück, Balanchine zu tanzen, eine Innigkeit, die aus dem Wissen um eine tiefe geteilte Erfahrung entspringt, war den Gesichtern der beiden abzulesen. Applaus für das fantastische Bayerische Staatsballett unter Igor Zelensky und das fabelhafte Bayerische Staatsorchester unter Robert Reimer.

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