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StartseiteSportgespräch"Diese Recherche hat uns aufgezehrt"13.10.2019

Aufgedeckter Missbrauch im US-Turnen"Diese Recherche hat uns aufgezehrt"

Marisa Kwiatkowski und Tim Evans sind zwei der Reporter, deren Recherche zur Aufdeckung des Missbrauchsskandals im US-Turnverband führte. Sexueller Kindesmissbrauch sei ein allgegenwärtiges Gesellschaftsproblem, sagten sie im Dlf-Sportgespräch, ob im Sport oder in Jugendorganisationen.

Marisa Kwiatkowski und Tim Evans im Gespräch mit Victoria Reith

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Tim Evans und Marisa Kwiatkowski (Reith/Dlf)
Tim Evans (l.) und Marisa Kwiatkowski vom Indianapolis Star haben mit ihren Recherchen geholfen, den jahrelangen sexuellen Missbrauch im US-Turnen aufzudecken. (Reith/Dlf)
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Sexueller Missbrauch im Turnen Schwer, darüber zu sprechen

Victoria Reith: Sie hören das Deutschlandfunk Sportgespräch. Willkommen! Heute aus der Redaktion der Zeitung "Indianapolis Star", kurz "Indy Star", im US-Bundesstaat Indiana. Dieses Medium war Ausgangspunkt dafür, dass der bis dato größte Missbrauchsskandal in der Geschichte des Sports öffentlich wurde. Hauptverantwortlich dafür waren drei Reporterinnen und Reporter. Mit zwei davon kann ich heute sprechen, mir gegenüber sitzen Marisa Kwiatkowski und Tim Evans.

Mit der Hilfe einer immer größer werdenden Zahl von Turnerinnen haben Sie den sexuellen Missbrauch durch den Arzt des US-Turnverbandes und der Michigan-State-Universität, Larry Nassar, in mutmaßlich mehr als 500 Fällen öffentlich gemacht. Der Missbrauch fand seit den 1990er-Jahren statt, und Larry Nassar wurde in zwei verschiedenen Verfahren verurteilt - zu 175 Jahren Gefängnis. Normalerweise ist sexueller Missbrauch ein Fall für die Polizei und für die Strafverfolgung, aber der Generalstaatsanwaltschaft hat Sie im Gericht gelobt und gesagt: "Das was schließlich diese Aufarbeitung auslöste, und den jahrzehntelangen Kreislauf des Missbrauchs beendete, war investigative Recherche."

Können Sie unseren Hörern bitte in einer kurzen Version beschreiben, wie Sie zu solch einem entscheidenden Akteur in der Aufdeckung des Skandals seit dem Jahr 2016 wurden? 

Marisa Kwiatkowski: Ich habe Kindesmissbrauch in öffentlichen Schulen untersucht. Es gab einige Fälle in Indiana, wo jemand, der an der Schule angestellt war, Sex mit einer minderjährigen Schülerin hatte. Und ich habe an einer allgemeineren Geschichte gearbeitet, wieso so etwas häufiger passiert. Dann habe ich einen Anruf von einer Quelle bekommen, die vorschlug, dass ich mir den US-Turnverband ansehe und wie die Organisation mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs umgeht. Also habe ich fast tausend Seiten Unterlagen in Georgia abgeholt, und dann gemeinsam mit meinen Kollegen Tim Evans und Mark Alesia untersucht, wie USA Gymnastics mit den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs umgeht.

Tim Evans: Anfangs hatten wir keine Ahnung von Larry Nassar. Wir haben uns die generelle Vorgehensweise vom US-amerikanischen Turnverband angesehen - und das haben wir getan, weil USA Gymnastics wie wir in Indianapolis sitzt. Wir haben zunächst geschaut, wie sie agieren und wie sie mit ihren Trainern umgehen. Von Nassar wussten wir nichts, bis unsere erste Geschichte veröffentlicht wurde.

Anschuldigungen von mehr als 500 Turnerinnen

Reith: Larry Nassar belästigte Mädchen und junge Frauen, indem er vorgab, sie zu untersuchen. In Wahrheit missbrauchte er sie mit seinen Fingern sexuell. Oft waren sogar die Eltern der Turnerinnen im Raum. Die Zahl der Frauen, die ihn beschuldigen, ist auf über 500 gestiegen. Wann haben Sie bemerkt, welche Dimension das Ganze hatte?

Evans: Wir haben von Nassar Mitte August 2016 erfahren, durch den Bericht einer jungen Frau - Rachael Denhollander aus Louisville, Kentucky. Sie hatte unsere erste Geschichte über die Trainer und die Vorgehensweise des Verbandes gelesen. Kurz danach haben sich zwei weitere Frauen gemeldet - eine aus New York und eine weitere aus Los Angeles, Kalifornien. Zu dem Zeitpunkt haben wir gemerkt, das da wohl etwas dran ist. Es waren drei Menschen, die einander nicht kannten, und die uns unabhängig voneinander sehr ähnliche Geschichten erzählten. Aber trotzdem hatten wir noch keine Ahnung vom Ausmaß. Plötzlich wurden aus drei Frauen 16, dann 32, dann 64, dann 100 - und bis heute sind es 500. Das überwältigt dich - und ich bin noch immer bestürzt über die Zahl.

Der frühere Teamarzt der US-Turner, Larry Nassar, vor Gericht in Lansing, Michigan. (AFP / JEFF KOWALSKY)Der frühere Teamarzt der US-Turner, Larry Nassar, vor Gericht in Lansing, Michigan (AFP / JEFF KOWALSKY)

Kwiatkowski: Am Anfang waren wir so konzentriert auf den US-Turnverband und die Art, wie die Organisation mit dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs umgeht, und den Auswirkungen, die das auf Kinder hatte. Dann hat sich unsere Aufmerksamkeit aber Larry Nassar zugewandt, und ich glaube: Keiner von uns hatte erwartet, was letztlich ans Licht kam.

Evans: Ich möchte uns jetzt nicht selbst loben, aber es war im Prinzip einfach altmodischer Journalismus. Wir haben an der Wurzel, der Entstehung nachgeforscht. Wir haben quasi an einem Faden gezogen und jedes Mal, wenn wir den Faden näher zu uns zogen, kam mehr und mehr hervor, und in mancher Hinsicht war es vielleicht einfach Glück. Wir sind darüber gestolpert und sind drangeblieben. Selbst nach den ersten paar Geschichten haben uns Menschen dafür angegriffen, dass wir hinter Larry Nassar her sind, weil er so eine starke Stütze der Gemeinschaft war, und ein ach so toller Typ. Das Ganze hat sich geändert, als die Kinderpornografie bei ihm zu Hause gefunden wurde. Da haben die Leute dann bemerkt: Oh, das ist schlimm. Und da haben auch wir bemerkt, dass es viel schlimmer ist als wir dachten. 37.000 Bilder Kinderpornografie, darunter sein Nachbarskind und Bilder, die er selbst aufgenommen hatte. Das war im November 2016.

Vertrauen in die eigene Recherche

Reith: Sie haben gesagt, es gab Zweifel in der Bevölkerung und von Leuten, die Larry Nassar kannten. Er schien ein netter Kerl zu sein, dem eine Menge Leute vertraut haben. Haben Sie je selbst an sich gezweifelt?

Evans: Ich denke, man hat immer etwas Bedenken, dass man auf dem falschen Weg ist, oder einem etwas entgangen ist - aber ich glaube eigentlich nicht. Wir haben die Arbeit aufgeteilt, als wir anfingen, über Nassar zu berichten. Marisa ist nach Kalifornien gefahren und hat sich dort mit einem Opfer beschäftigt. Mark Alesia ist nach Louisville gefahren und hat sich mit Rachael Denhollander getroffen. Und mein Job war es, Nassar dingfest zu machen. Ich bin nach Michigan gefahren und habe ihn kurz getroffen, bevor der Dialog von seiner Seite beendet wurde.

Als ich das Interview beendet habe, hatte er Tränen in den Augen und war offensichtlich sehr verängstigt und hat mich angebettelt, keine Geschichte zu schreiben. Er meinte, ich würde sein Leben und seine Karriere ruinieren - und ich ging zu meinem Auto und dachte darüber nach. Und ich bin auch ein Mensch. Er hatte eine Frau und Kinder. Aber ich hatte viel Vertrauen in unsere Berichterstattung und in meine Kollegen und ich wusste, dass wir recht haben. Das ist, glaube ich, menschlich.

Ich erfreue mich ja nicht daran, wenn jemand oder dessen Familie leidet, aber... es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Nachher sprach mich jemand auf dem Parkplatz eines Starbucks an und meinte: "Gratuliere, ihr habt Nassar bekommen!" Und ich dachte, ich bin mir nicht sicher, ob Gratulationen das Richtige sind. Wir haben einigen Leuten geholfen, wir haben das Richtige getan. Aber ich habe trotzdem keinen großen Spaß daran, das Leben von jemandem zu ruinieren, und vor allem nicht, das Leben seiner Frau und seiner Kinder, die vermutlich unschuldig waren und nichts wussten.

Rachael Denhollander ist eine von 150 Betroffenen, die im Prozess gegen den früheren Teamarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, ausgesagt hat. (AFP/ Jeff Kowalsky)Rachael Denhollander - eine von 150 Betroffenen, die gegen Larry Nassar, ausgesagt hat (AFP/ Jeff Kowalsky)

Reith: Sie haben Rachael Denhollander angesprochen. Sie ist auf Sie zugekommen und hat Ihnen eine Mail geschrieben, nachdem Sie eine andere Geschichte über Missbrauch im US-Turnverband veröffentlicht hatten. Haben Sie Ihr von Beginn an geglaubt, oder haben Sie zwischenzeitlich an ihrer Geschichte gezweifelt?

Kwiatkowski: Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, dass wir direkt nach unserem ersten Bericht zahllose Anrufe und E-Mails bekommen haben, von Leuten, die uns gebeten haben, über bestimmte andere Leute zu berichten, von denen sie dachten, dass sie Kinder verletzen. Larry Nassar war nur einer der Namen, auf die wir aufmerksam gemacht wurden. Was uns später mit unserer Berichterstattung über ihn half, war, dass wir nicht nur Rachael hatten, sondern noch zwei andere, die sich bei uns gemeldet hatten, und dass sie ebenfalls sagten, dass sie unter dem Vorwand einer Untersuchung missbraucht wurden. Und Rachael hatte auch Unterlagen zu ihren Untersuchungen. Sie hatte Dokumente, die belegten, dass sie als Patientin bei ihm war. Nachdem sie unseren Artikel gelesen hatte, hat sie auch Anzeige bei der Polizei erstattet, genau wie die anderen Opfer, die wir interviewt haben.

Sie waren alle auf unterschiedlichen Ebenen des Turnens aktiv. Wir hatten eine Vereinsturnerin bis hin zur Olympiateilnehmerin, und wir hatten Menschen, die in unterschiedlichen Teilen des Landes lebten, und die unterschiedliche Interaktionen mit ihm hatten. Wir haben darauf geachtet, alle komplett getrennt zu interviewen und alle Informationen zu überprüfen. Die Parallelen waren für uns sehr wichtig - sie hatten alle die gleichen Erfahrungen, aber waren komplett voneinander getrennt.

Evans: Und wir wollen die Opfer damit nicht brüskieren, aber es ist unser Job als Journalisten, ihre Erzählungen wirklich zu verifizieren. Wir hatten zwar keinen Grund an ihnen zu zweifeln. Aber wir mussten auch uns selbst überzeugen und diese Sorgfaltspflicht haben wir erfüllt. Das ist Teil des Prozesses. Es wäre leicht für uns zu sagen, wir springen auf den Zug mit den Opfern auf, aber es gibt auch Leute, die vielleicht mit solchen Aussagen niedere Beweggründe haben - und das wäre nicht gut, und wir könnten in Bedrängnis kommen.

Kwiatkowski: Wir haben eine Menge Zeit damit verbracht, einfache Details zu checken. Also wenn eine Geschädigte uns sagte, dass sie bei einem bestimmten Wettkampf in einem bestimmten Land missbraucht wurde, haben wir geschaut, ob diese Person bei dem Wettkampf in dem Land war, und ob Nassar da war. Gibt es Anhaltspunkte, dass sie einander dort gesehen haben? Und so haben wir versucht, jedes Detail zu überprüfen, um sicherzugehen, dass wir recht haben. Weil, wie Tim sagte, wir wollen keine falschen Informationen verteilen oder jemandem schaden, indem wir etwas in die Öffentlichkeit tragen, was nicht korrekt ist.

Druck, juristische Störfeuer und Drohungen

Reith: Gab es jemanden, der Sie von der Veröffentlichung der Geschichte abhalten wollte?

Evans: Als wir mit unserer Berichterstattung zu Beginn des Jahres 2016 begannen, hatten wir keine Ahnung, dass der US-Turnverband bereits von Nassar wusste, und dass sie auf diesem Pulverfass saßen. Es war seltsam, weil sie so sehr gegen unsere Berichterstattung waren und uns die ganze Zeit abwiesen. Und wir hatten keine Ahnung, wieso. Heute wissen wir, dass sie dieses schreckliche Geheimnis hatten. Sie haben versucht, sich zu verstecken. Und wir waren ein bisschen wie die Kinder im Comic Scooby-Doo, die plötzlich auf das Gespenst stoßen. In mancherlei Hinsicht hatten wir Glück.

Aber wir hatten auch eine Begegnung mit einem Freund des früheren Chefs des US-Turnverbandes, Steve Penny. Dieser Freund war ein Polizist in Indianapolis und meldete sich in Steve Pennys Namen bei uns und teilte uns mit, wir wären auf einer falschen Fährte und verteidigte sie. Sie würden alles richtig machen. Das war eine Form der Einschüchterung, wenn ein Polizeibeamter dir so etwas sagt. Hier in Indianapolis gibt es auch einen industriellen Sportkomplex - und da fanden es auch, glaube ich, einige Leute nicht gut, dass wir einen ihrer Hauptvertreter attackiert haben.

Kwiatkowski: Außerdem hat sich in dieser Zeit der US-Turnverband sehr stark gewehrt. In Gerichtsdokumenten haben sie argumentiert, dass alles, was wir täten, ein boulevardjournalistischer Artikel ist, der auf Ereignissen von vor zehn oder zwanzig Jahren basiert. Sie warfen uns vor, wir seien auf einer Hexenjagd und würden versuchen, in die Privatsphäre anderer Menschen einzudringen. Und es wäre leicht für uns gewesen, diese Kritik persönlich zu nehmen. Aber für uns war das auch ein journalistisches Instrument. Denn die Kritik sprach für sich, wir wussten dann, welche Argumente sie nutzen würden, um unsere Berichterstattung möglichst zu unterbinden.

Evans: Wir hatten schon schnell das Gefühl, dass an der Sache mit Nassar etwas dran war - das ging mir, Marisa und Mark so. Aber unsere Redakteure waren sich nicht so sicher. Sie meinten, der Kerl hat keine kriminelle Vorgeschichte, es gab keine Beschwerden über seine Behandlungen, und sie waren sehr misstrauisch uns gegenüber, weil wir hinter ihm her waren. Sie haben also eine hohe Messlatte bei uns angelegt. Sie haben uns nicht gesagt, lasst die Geschichte fallen - aber wir mussten erst einmal viel beweisen.

Bundesanwältin bestätigte "Indy Star"-Recherche

Reith: Nachdem die Geschichte rauskam, gab es jemanden, der versucht hat, sie unter Druck zu setzen, oder Sie bedroht hat?

Evans: Es war nicht direkt Nassar - aber im Januar 2017, ungefähr sechs Monate nachdem unser Projekt gestartet war, haben wir einen sehr beunruhigenden Brief vom Anwalt des US-Turnverbandes bekommen, der uns potenziell androhte, uns wegen Verleumdung zu verklagen. Sie haben das letztlich zurückgezogen, aber wir mussten unsere Aufzeichnungen und Unterlagen ein paar Jahre lang aufbewahren.

Kwiatkowski: USA Gymnastics hat auch eine Firma beauftragt, die ihre Regeln und Vorgehensweisen überprüfen sollte im Umgang mit solchen Vorwürfen - und dieser Bericht hat alle unsere Erkenntnisse auch bestätigt.

Evans: Sie wollten da, glaube ich, die Oberhand gewinnen, und haben diese frühere Bundesanwältin engagiert, um ihre Regeln zu überprüfen und ihr Bericht sah genau aus wie unsere Artikel. Sie hat uns sogar zitiert - und da haben wir uns dann den Schweiß von der Stirn gewischt, und gesagt: Okay, wir haben ins Schwarze getroffen. Aber wir waren auch einfach minutiös, wenn es darum ging, unsere Fakten zu überprüfen - bis zum Punkt, einander zu hinterfragen: Woher kam das? Beweis es mir!

Kwiatkowski: Man will keine blinden Flecken. Man will nichts außer Acht lassen, was von Belang ist, auch als Zeichen der Fairness gegenüber dem US-Turnverband und den Menschen, deren Leben man untersucht. Man will sichergehen, dass man versteht, was los ist, und dass man ganz genau berichtet. Die Tatsache, dass wir einander hinterfragt haben, hat uns am Ende besser gemacht.

Evans: Was es für uns besonders erschwert hat, war, dass USA Gymnastics nicht mit uns gesprochen hat. Sie haben nur via E-Mail mit uns kommuniziert. Wir haben ihnen eine Liste mit Fragen geschickt und manchmal haben sie geantwortet, manchmal haben sie nur eine Art Kommentar abgegeben. Es gab also Dinge, die wir in unseren Geschichten als Fakten festgestellt haben, aber die wurden nie bestätigt oder abgestritten. Daher mussten wir uns der Sache auch so sicher sein. Es wäre natürlich viel einfacher gewesen, wenn Sie uns gesagt hätten, das stimmt, oder das stimmt nicht - aber den Luxus hatten wir nicht. Manchmal hatten wir keine Ahnung, was deren Reaktion sein würde. Aber wir wussten, was unsere Berichterstattung bewiesen hatte.

Opfer des verurteilten früheren Arztes der US-Turnmannschaft, Nassar,im Senat. (Kevin Dietsch / Imago)Missbrauchsopfer der US-Turnmannschaft im US-Senat (Kevin Dietsch / Imago)

Reith: Ich nehme an, oder ich bin sicher, dass das ein sehr belastendes Thema für alle Athletinnen ist, die in die Öffentlichkeit getreten sind, und entweder mit Ihnen oder im Gerichtssaal über den Missbrauch gesprochen haben. Aber es ist vermutlich auch etwas, das Sie berührt. Das Thema lässt Sie ja nicht los, wenn Sie das Büro verlassen. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?

Kwiatkowski: Oh, diese Recherche hat uns aufgezehrt. Es war das Erste, woran ich jeden Morgen gedacht habe, wenn ich aufgewacht bin. Es war das Letzte, woran ich gedacht habe, bevor ich schlafen ging. Wir haben morgens, tagsüber, nachts, an Wochenenden gearbeitet. Das kann wirklich schwierig sein. Wir hatten alle unsere verschiedenen Ventile dafür. Ich habe Bücher gelesen und Sport gemacht, Mark hat viel im Garten gearbeitet, und Tim ist ein exzellenter Musiker. Wir haben alle etwas gebraucht, um uns abzulenken, weil man sonst ständig das Gewicht all dieser Geschichten fühlt und des Vertrauens der Menschen, die ihre Geschichten mit uns teilen.

Evans: Ich werde jetzt etwas emotional, aber eines der fantastischen Dinge war das Vertrauen, das uns die Opfer mit ihren Geschichten schenkten. Irgendein Typ, von dem sie noch nie gehört haben aus Indianapolis ruft an und sagt: "Hey, erzähl mir von der schlimmsten Sache, die dir jemals in deinem Leben passiert ist." Und sie vertrauten uns, und wir arbeiteten mit ihnen. Es war nicht unbedingt der erste Anruf, wir haben ihnen Zeit und Raum gegeben und mit ihnen gearbeitet. Aber die Tatsache, dass sie uns vertraut haben, das war auch eine Last. Wir wollten ja weder ihr Vertrauen missbrauchen noch ihre Hoffnungen nicht erfüllen. Und ihre Hoffnung in uns war sehr groß. Das war sehr hart, und es hat uns sehr demütig gemacht. Zweieinhalb Jahre haben wir in einer Art Nonstop-Zustand gelebt und auch jetzt, drei vier Jahre später ist es noch Teil unserer Leben. Marisa und ich haben ja auch vorher über Kindesmisshandlung berichtet. Man lebt irgendwie damit. Und man versucht das Positive zu sehen. Wir versuchen das Leben der Menschen zu verändern und das Leben für Kinder besser zu machen, und für Menschen, denen man sonst nicht zuhören würde. Neben all dem Mist, der passiert, ist es eine Art Mission, ein höheres Ziel, eine Berufung dazu, was wir tun.

Kwiatkowski: Das ist unser Antrieb.

"Kultur des Wegsehens"

Reith: Sie hören das Deutschlandfunk Sportgespräch heute aus Indianapolis mit Tim Evans und Marisa Kwiatkowski, Reporter für die Zeitungen "Indy Star" und "USA Today". Sie und ihr Kollege Mark Alesia waren diejenigen, die den immensen sexuellen Missbrauch durch den Arzt des US-Turnverbandes, Larry Nassar, ans Licht gebracht haben. Es hat mehr als ein Jahr gedauert, bis USA Gymnastics personelle Konsequenzen gezogen hat, und das Aufsichtsgremium zurückgetreten ist. Das war, nachdem bei einer Anhörung im Gericht 156 Frauen Stellungnahmen zu Nassars Verbrechen verlesen haben. Wie gut oder schlecht ist der US-Turnverband ihrer Meinung nach mit den Missbrauchsvorwürfen umgegangen?

Kwiatkowski: Unsere Berichterstattung und die von anderen hat gezeigt, dass sie bei USA Gymnastics fünf Wochen gewartet haben, um die Vorwürfe, die man gegenüber Larry Nassar erhalten hatte, an die Behörden weiterzugeben. In den fünf Wochen haben sie ihre eigene Untersuchung durchgeführt, und sie haben Nassars Fehlen bei Turnveranstaltungen mit falschen Angaben entschuldigt. Das erste Anzeichen dafür, dass es im US-Turnverband Bewegung gibt, war im Februar 2017, als sie erklärten, was sie eigentlich gewusst haben. Der damalige Chef Steve Penny ist dann im März 2017 zurückgetreten - vor Nassars Verurteilung. Seither hat es zahlreiche Veränderungen gegeben. Ich glaube, die Organisation versucht noch immer aufzuarbeiten wie man mit diesem und anderen Fällen von Trainern, die Missbrauch begangen haben und den Kindern, denen weh getan wurde, umgeht.

Evans: Die Geschichte drehte sich nur noch um Nassar. In Wahrheit begann sie aber mit anderen Menschen als Nassar. Es gibt viele Menschen im Sport, die Kinder missbrauchen. Man sollte sich nicht einbilden, dass es nur ein böser Mensch war. Es gab dort eine Kultur, und es war eine Kultur des Wegsehens.

Simone Biles hat kürzlich gesagt, wie viel Schmerz sie noch fühlt. Es sind noch ein paar Leute im US-Turnverband aus dieser Zeit übrig. Und ich weiß, dass sie sich darauf bezogen hat. Es war solch ein Vertrauensmissbrauch und solch eine Vertuschung. Ich weiß nicht, ob der Verband das jemals wiedergutmachen kann, und ob Leute ihn wieder akzeptieren würden. Es wäre vielleicht besser, mit einer komplett neuen Organisation neu zu beginnen. Es gibt Leute, die werden nie wieder mit USA Gymnastics oder dem US-amerikanischen Olympischen Komitee in deren heutigen Formen zufrieden sein.

Reith: Wie sieht es mit der Michigan State University aus? Larry Nassar war dort Arzt. Die Präsidentin der Universität, Lou Anna K. Simon ist schließlich auch zurückgetreten, aber auch sehr spät. Wie ist man dort damit umgegangen?

Kwiatkowski: Die Michigan State University hat sich den gleichen Untersuchungen unterziehen müssen wie der US-Turnverband. Sie wussten noch früher von den Vorwürfen gegen Larry Nassar und ihr Vorgehen wurde genauso stark kritisiert. Sie haben 500 Millionen Dollar Abfindung zugunsten von Nassars Missbrauchsopfern gezahlt. Und nicht nur Lou Anna K. Simon, auch andere sind zurückgetreten oder wurden wegen ihres Umgangs mit der Situation entlassen.

"Kindesmissbrauch ist allgegenwärtig"

Reith: Sind Ihrer Meinung nach Skandale wie dieser in anderen US-Sportarten ebenfalls möglich?

Kwiatkowski: Sexueller Kindesmissbrauch ist ein allgegenwärtiges Gesellschaftsproblem. Es ist kein Problem, das exklusiv auf Nassar zutrifft, oder auf das US-Turnen, das US-Schwimmen, US-Turmspringen oder irgendeine Jugendorganisation. An manchen Tagen kommen Tim und ich uns vor, als würden wir den gleichen Artikel wieder und wieder schreiben. Das Gesetz ist eigentlich eindeutig, wie sich die Verantwortlichen in Jugendorganisationen verhalten sollten, und trotzdem scheint das nicht zu klappen. Das Gesetz verlangt, dass man die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs direkt an die Behörden weitergibt und dass die Behörden die Stichhaltigkeit der Vorwürfe prüfen. Aber oft informieren die Organisationen die Behörden nicht oder tun die Vorwürfe selbst ab.

Evans: Personen, die Missbrauch begehen, bewegen sich oft dort, wo Kinder sind. Und oft, wie bei Nassar, ist der Täter eine Säule der Gemeinschaft, jemand, dem die Familien ihr Kind anvertrauen. Als Eltern muss man einfach super-aufmerksam sein. Man muss gucken, wem man seine Kinder anvertraut und man darf nicht einfach jemandem blind vertrauen, nur weil er wie ein netter Kerl aussieht.

Reith: Wenn wir darüber sprechen, was Missbrauch möglich macht, kommt die Karolyi Ranch in den Sinn. Das frühere Trainingszentrum, das auch ein Ort war, an dem Larry Nassar unbegrenzten Zugang zu den Athletinnen hatte. Der US-Turnverband hat die Zusammenarbeit mit der Ranch beendet. Denken Sie, der Sport hat etwas gelernt, wenn es um solche Strukturen geht?

Evans: USA Gymnastics hat anscheinend gemerkt, dass die Struktur der Ranch nicht optimal war, um die Athletinnen zu schützen. Nassar oder jeder andere Täter hätte dort Zugang zu den Kindern erhalten, weil die Karolyis so streng waren, und Nassar war der nette Kerl. Er hat den Kindern Süßigkeiten gegeben und hat sich dort eingeschmeichelt. Ich glaube, das weiß man jetzt beim US-Turnverband, man schaut nach zentraleren Trainingsorten, an denen man mehr Übersicht hat.

Reith: Es wurde berichtet, dass die hygienischen Bedingungen sehr schlecht waren, es gab kein gutes Essen, das Training war sehr streng.

Evans: Das Problem war aber eher die mangelnde Aufsicht. Dass Larry Nassar ein Mädchen mitnehmen konnte oder nachts in das Schlafzimmer eines Mädchens gehen konnte und ihr eine Massage oder eine Behandlung verpassen konnte ohne irgendeine Art von Aufsicht, das war das wirkliche Problem. Diese harten Bedingungen, die Sie beschreiben, haben die Mädchen vielleicht eher veranlasst, Larry zu treffen und ihm zu vertrauen, aber sie waren nicht so entscheidend wie die mangelnde Aufsicht.

Kwiatkowski: Und neben der mangelnden Aufsicht gibt es auch Aufzeichnungen, die belegen, dass den Athletinnen gesagt wurde: Wenn ihr nachts ein Problem habt, ist Larry Nassar einer der Menschen, den ihr rufen könnt. Also nicht nur haben sie nicht verhindert, dass er privat in einem Zimmer mit den Mädchen ist, sondern sie haben sie sogar noch ermutigt, ihn als vertrauenswürdige Person zu kontaktieren.

"Ich bewundere die Tapferkeit der Menschen"

Reith: Wie schätzen Sie den Umgang der Athletinnen mit dem Skandal, der ganzen Situation ein?

Kwiatkowski: Ich bewundere die Tapferkeit der Menschen, die ihre Geschichten erzählt haben, und die über etwas so Schwieriges sprechen. Für manche ist es wohl der dunkelste Moment ihres Lebens gewesen. Aber sie tun es, weil sie helfen wollen, dass der Sport besser und sicherer wird. Niemand von ihnen hasst das Turnen, oder will den Sport als Ganzes schädigen. Es geht um die Sicherheit der Kinder und darum, sicherzustellen, dass das gleiche nicht auch anderen passiert.

Evans: Unsere erste Geschichte zum Turnen, vor der Sache mit Nassar, kam einen oder zwei Tage vor den Olympischen Spielen im August 2016 raus. Und eine Frage, die uns gestellt wurde, war: Wurden Olympiateilnehmerinnen belästigt? Damals hatten wir keine Ahnung, dass mehrere von ihnen von Nassar missbraucht wurden. Die, von denen wir wussten, waren meistens Turnerinnen im Verein auf lokaler Ebene. Aber im Nachhinein zu sehen, wie gut diese jungen Frauen bei den Olympischen Spielen geturnt haben - das war das beste Ergebnis in der US-Geschichte. Und wenn man jetzt weiß, dass so viele dieses schreckliche Geheimnis und diese Scham mit sich herumgetragen haben, und dass sie das hinter sich lassen konnten... Und sie waren stark genug, um öffentlich darüber zu sprechen. Es hätte sich vielleicht nie verändert ohne Menschen wie Aly Raisman und McKayla Maroney und Dominique Moceanu, große Namen des Olympischen Sports, die einige der Dominosteine zu Fall gebracht haben. Und sie hätten ja gar nicht reden müssen. Aber sie haben es für einen größeren Zweck getan, und sie haben so vielen anderen geholfen, mit diesen Erfahrungen umzugehen.

Reith: Zum Ende des Gesprächs würde ich gerne zurück an den Anfang gehen, zu Rachael Denhollander. Haben Sie noch Kontakt und wie geht es ihr heute?

Kwiatkowski: Wir freuen uns, dass wir noch Kontakt zu ihr und ihrer Familie haben. Sie hat gerade ein Buch herausgebracht und sie erzählt noch immer ihre Geschichte in der Hoffnung, dass es anderen helfen kann.

Reith: Was denken Sie wäre passiert, wenn Sie die Geschichte nicht hätten veröffentlichen können. Wäre Larry Nassar noch immer auf freiem Fuß?

Kwiatkowski: Im Nachhinein gibt es viele Momente, die anders hätten ausgehen können. Was wäre gewesen, wenn niemand mich angerufen hätte, dass ich mir mal das US-Turnen ansehen sollte. Was wäre, wenn wir nie den Anruf von Rachael Denhollander bekommen hätten, oder die anderen. Was wäre, wenn die Ermittler nicht in den Müll geschaut hätten, oder der Müll abgeholt gewesen wäre, wo die Festplatten mit Kinderpornografie vor Larry Nassars Haus gefunden wurden. Es hätte auf viele Arten anders laufen können. Es ist schwer zu sagen, ich möchte daran glauben, dass er letztlich vor Gericht gelandet wäre. Aber ich weiß es nicht.

Evans: Ich glaube, es war eine Frage des Timings. Früher oder später hätte es ihn eingeholt. Die Wahrheit ist, glaube ich, dass wir das Ganze ein bisschen beschleunigt haben.

Reith: Das war das Deutschlandfunk-Sportgespräch mit Marisa Kwiatkowski und Tim Evans, die Reporter des "Indianapolis Star", die den hundertfachen Missbrauch durch den Arzt des US-Amerikanischen Turn-Teams, Larry Nassar, aufdeckten. Danke für dieses Gespräch.

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