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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin richtiges Signal03.06.2020

Aufhebung der ReisewarnungEin richtiges Signal

Mit der Aufhebung der Reisewarnung setzt die Bundesregierung Vertrauen in die anderen Länder und den mündigen Verbraucher, kommentiert Gudula Geuther. Warum sollen deutsche Urlauber etwa nicht nach Sizilien, nur weil Norditalien noch hohe Infektionszahlen aufweist? Es geht ums richtige Maß, das zu finden ist.

Von Gudula Geuther

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Der Flugverkehr ist durch die Coronakrise fast völlig zum Erliegen gekommen: bis auf eine einsame Reisende mit zwei großen Koffern menschenleeres Terminal 1 in der Abflughalle B im Flughafen Frankfurt, Hessen, Deutschland *** Air traffic has almost come to a complete standstill due to the corona crisis except for one lonely traveller with two large suitcases deserted Terminal 1 in departure hall B at Frankfurt Airport, Hesse, Germany  (Imago)
Die weltweite Reisewarnung soll Mitte Juni aufgehoben werden. Reisen ins europäische Ausland sind dann wieder möglich. (Imago)
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Am sichersten wäre es, wenn alle zu Hause blieben. Aber dann wäre nicht nur manch verhinderter Urlauber enttäuscht. In einem stark gebeutelten Wirtschaftszweig würde eine Pleitewelle drohen. Hart formuliert bedeutet die Entscheidung der Bundesregierung, die bisher weltweite Reisewarnung bald teilweise aufzuheben, dass wirtschaftliche Überlegungen über den Schutz der Gesundheit gestellt werden.

Bisherige Allgemeinheit der Warnung aufzuheben, ist richtig

Nur ist das ist eine Abwägung, die derzeit auch anderswo getroffen werden muss. Und wie auch in anderen Bereichen, so geht es auch hier um vorsichtige Öffnung, ums richtige Maß. Im geeinten Europa gilt das erst recht. Denn da geht es ja an sich gerade nicht mehr um Staatsgrenzen. Viele Gegenden Europas sind nicht gefährlicher als Deutschland. Warum sollen deutsche Urlauber nicht nach Sizilien, nur weil Norditalien immer noch hohe Infektionszahlen aufweist? Und wer aus Linz nach Berlin kommt, bringt möglicherweise weniger Ansteckungsgefahr mit sich als jemand aus Göttingen.

Eine Reisewarnung ist ein öffentliches Signal für einen absoluten Extremfall - für Bürgerkriege oder Pestilenz. Sie in der bisherigen Allgemeinheit aufzuheben, ist richtig. Und trotzdem ist der Schritt beachtlich. Denn mit ihm setzt die Bundesregierung ihr Vertrauen in die anderen Länder. Natürlich müssen auch dort Abstands- und Hygieneregeln gelten, müssen die Gesundheitssysteme Mindeststandards erfüllen. Dafür formuliert die EU Kriterien, die Regierung will sie beobachten.

Mündigkeit ist eine Selbstverständlichkeit

Beachtlich ist aber auch: Vom Bürger wird Mündigkeit verlangt. Das ist an sich eine Selbstverständlichkeit. Auch bisher durfte in Malariagebiete reisen, wer das gern wollte oder in Gegenden mit hoher Alltagskriminalität. Aber der Tourismus in Europa, zumal per Pauschalreise, ist so sehr vom Bild des wohlbehüteten Verbrauchers geprägt, dass man hin und wieder vergessen kann, dass auch er mündige und überlegte Entscheidungen treffen kann.

Und das wird er jetzt tun müssen. Denn ohne Reisewarnung verschiebt sich das Risiko. Wer sich jetzt für Schweden entscheidet, kann vom Reiseveranstalter keine Rückerstattung der Kosten verlangen, wenn sich die Situation nicht ganz grundlegend ändert. Und dabei muss jeder wissen, welches Risiko er tragen will. Die griechischen Inseln sind derzeit sehr sicher, aber auch dort kann man am Strand neben infizierten Touristen aus Nordeuropa sitzen – und dann ist das nächste Krankenhaus eine Schiffsreise weit.

Die Verbrüderung nach dem dritten Bier ist tabu

Ratsam ist es ohnehin noch mehr als sonst, sich mit den Gesundheitssystemen vor Ort auseinanderzusetzen. Dass es keine Rückholaktionen wie zu Beginn der Pandemie mehr geben wird, dürfte nach solchen bewussten Entscheidungen der Reisenden klar sein. Aber es musste wohl noch einmal gesagt werden. Jeder kann sich auch eine Reise ins europäische Ausland risikoarm gestalten. Die wird dann freilich ganz anders als für manche sonst. Da ist nicht nur die fröhliche Beachparty tabu, sondern auch die Verbrüderung nach dem dritten Bier. Auch das muss jeder wissen.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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