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StartseiteCampus & KarriereAufklären und erinnern29.03.2012

Aufklären und erinnern

Ein Stasi-Opfer erzählt Schülern von der deutsch-deutschen Vergangenheit

Jörg Drieselmann steht mit seinem Leben für das, was eine Diktatur Menschen antun kann: Mit 18 Jahren wurde er von DDR-Behörden der Staatssicherheit in Untersuchungshaft gesteckt, später verurteilt wegen staatsfeindlicher Hetze. Heute geht er in Schulklassen, um darüber zu erzählen.

Von Blanka Weber

Haus 1 auf dem Stasi-Gelände an der Normannenstraße in Berlin (picture alliance / dpa /  Hannibal Hanschke)
Haus 1 auf dem Stasi-Gelände an der Normannenstraße in Berlin (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

"Meine Eltern sind beide Mitglied der SED gewesen."

Jörg Drieselmann, 56 Jahre alt, sitzt auf einem Holzstuhl in einem Kreis von Zehntklässlern einer Regelschule in Thüringen.

"In der Generation meiner Eltern war es noch naheliegend, dass die Mutter die politische Meinung des Vaters hatte, also war meine Mutter auch SED-Mitglied. Meine Eltern sind keine fanatischen Kommunisten gewesen."

Der hagere Mann im bunt gestreiften Pulli, Cargohose und Stoffturnschuhen, mit grauem gestutztem Vollbart und Stoppelhaarschnitt blickt aufmerksam in die Runde. Seit drei Tagen arbeitet er mit den Jugendlichen, steht Rede und Antwort über die Zeit, in der er so alt war, wie die Jugendlichen, die ihm nun gegenübersitzen:

"Beim Ministerium für Staatssicherheit gibt es etwas, was man operative Psychologie nannte. Sie dürfen nicht denken, dass die Stasimitarbeiter so dumme Kerls gewesen sind und lange Ledermäntel angehabt haben und nichts Besseres zu tun hatten, als morgens um halb vier an die Wohnungstüren fremder Leute zu klopfen und jemanden zu verhaften."

Jörg Drieselmann war ein Jahr in Untersuchungshaft. Er erzählt von den ersten Vernehmungen und wie er dem gut informierten Stasi-Mitarbeiter gegenüber saß, auf einem fest angeschraubten Stuhl, in einer gefärbten alten Uniform. Er habe sich wie eine Vogelscheuche gefühlt, sagt er – und vor allem klein, denn sein Gegenüber war bestens präpariert:

"Um dann zu sagen, das ist Drieselmann. Und welchen Keil muss ich auf diesen Klotz setzen, um ihn klein zu kriegen."

Wie hält man eine Haft aus? Wie ist der Kontakt mit anderen – innerhalb und außerhalb der Zelle? - all das sind Fragen an den Mann, der heute von sich sagt: Ich habe alles gut überstanden. Die Regelschüler aus Rudolstadt haben – wie alle anderen auch – das Thema DDR im Lehrplan. Dennoch – es wird meist spartanisch behandelt und von Schule zu Schule unterschiedlich. Hartmut Gerlach ist einer der Lehrer, die sich für das Thema engagieren:

"Wir machen das Projekt schon einige Jahre, haben gemerkt, dass Schüler über DDR Geschichte fast nichts wissen, dass auch Eltern mit ihnen nicht sprechen. Da haben wir gedacht, wir müssen einfach mal was wissen über ihre Zeit, die ihre Eltern und Großeltern erlebt haben."

Heute sind die Jugendlichen in der Gedenkstätte Mödlareuth unterwegs – einem Ort der unmittelbar an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze liegt.

Vor allem die Leiter von Gedenkstätten bemängeln immer wieder, dass Jugendliche und auch Lehrer dem Thema DDR-Diktatur zu wenig Interesse entgegen bringen.

Wenn der Zeitzeuge Jörg Drieselmann in Schulen unterwegs ist, so steht er auch Lehrern gegenüber, die seiner Generation angehören – aus manch’ einem Gesicht ist da durchaus Beklemmung zu lesen und die Frage: Wie war ich eigentlich mit 18 Jahren, als dieser Mann mit langen Haaren und Politik kritischen Worten als DDR-Staatsfeind verurteilt worden ist?
Nicht alle Lehrer gehen damit so offen um wie Hartmut Gerlach:

"Das ist auf jeden Fall komisch, das ist ja auch immer eine Erinnerung an unsere Zeit. Ich würde mir wünschen, dass Schüler auch immer noch mal eine Frage stellen, wie war denn das bei Ihnen? Wie haben Sie denn reagiert? Das machen sie nicht, ich weiß nicht aus welchen Gründen. Das wäre für mich auch eine Herausforderung. Aber es ist schon eine interessante Erinnerung."

Wenn sich Jörg Drieselmann erinnert, dann mit dem Gefühl: Ich habe auch nicht alles richtig gemacht. Als Held würde er sich nie bezeichnen. Seine Biografie ist eine von tausenden. Genau deshalb will er mit Schülern sprechen. Seine Botschaft: Ich will, dass die Jugendlichen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und manche romantische Vorstellung der DDR überdenken. Maria, 15 Jahre, alt – hat dies getan:

"Wenn ich so dran denke, sagen ja viele, dass DDR schön war, auch wegen der D-Mark und so. Aber sonst so viel Erfahrung haben wir nicht, weil das ist so in unserem Lehrplan nicht drin. Aber es war total schön, dass der Mann heute da war, um sich auch vorzustellen, wie das war."

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