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StartseiteKalenderblattAufklärer und Mittler19.12.2007

Aufklärer und Mittler

Vor 200 Jahren starb Friedrich Melchior von Grimm

Das deutsch-französische Verhältnis war häufig von Vorurteilen geprägt. So auch im 18. Jahrhundert, als Frankreich für das aufstrebende deutsche Bürgertum der Inbegriff dekadenter Lebensart und angesichts des absolutistischen Regierungsstils seiner Herrscher auch politischer Unfreiheit war. Diesem Eindruck trat der deutsche Journalist Friedrich Melchior Baron von Grimm entgegen.

Von Kersten Knipp

25 Jahre war der 1723 als Sohn einer Regensburger Pastorenfamilie geborene Friedrich Melchior Baron von Grimm alt, als er nach Paris reiste. Dort wurde er nach kurzen Zwischenstationen Kabinettsekretär des Herzogs von Orléans. Von 1753 an gab er die "Correspondance littéraire, philosophique et critique" heraus, eines der wichtigsten Organe des aufklärerischen Zeitalters. Als Aufklärer erwies sich Grimm auch im Hinblick auf die deutsch-französischen Beziehungen, um die es damals nicht zum Besten stand. Doch die Misstöne beruhten auf Missverständnissen, schrieb er im November 1751 etwa dem Dramatiker Johann Christoph Gottsched.

"Die Franzosen sind an sich so schätzbar und sind uns Deutschen so gewogen, als es Ew. Magnifizenz nimmer glauben könnten. Dero Name ist seit einiger Zeit in Paris in solchen Ehren, dass dieses wohl einige Gegenfreundschaft verdient. Wenigstens sollte es mir, da ich mit allen hiesigen Gelehrten in genauer Freundschaft stehe und unter anderem mit der Familie des Herrn von Voltaire, wohl leid tun, wenn man erführe, dass Ew. Magnifizenz so scharf mit der Nation verfahren."

Grimm war ein vielfach talentierter Mann. Dramaturg und Essayist, Journalist und Beobachter des Zeitgeistes, vor allem aber auch ein grandioser Selbstdarsteller. Als "weißen Tyrann" bezeichnete man ihn in den Paris Salons in Anspielung auf sein übertrieben gepudertes Gesicht ebenso wie auf seine Scharfzüngigkeit. 1754 stellte ihm sein Freund Jean-Jacques Rousseau eine feine Dame der Pariser Gesellschaft, Madame d'Epinay vor. In sie verliebte sich der Deutsche; leider unglücklich, was ihn in schlimmsten Liebeskummer trieb - so schlimm, das Rousseau davon sogar in seinen "Bekenntnissen" berichtet.

"Grimm nahm die Sache tragisch und stellte sich, als ob er daran sterben müsse. Er fiel nämlich mit einem Schlag in die allerseltsamste Krankheit, von der man wohl je gehört hat. Er verbrachte Tage und Nächte in einer beständigen Erstarrung, mit weit geöffneten Augen und regelmäßig schlagendem Puls, doch ohne zu sprechen, ohne zu essen, und ohne sich zu regen ... . Eines schönen Morgens stand Grimm auf und kehrte zu seiner gewöhnlichen Lebensweise zurück."

Echtes oder nur gespieltes Leid? Grimm jedenfalls war in aller Munde. Aus der Mitte der Pariser Gesellschaft berichtete er über Tratsch und Klatsch seiner Zeit, so auch über den Opernstreit der 1750er Jahre, in dem Rousseau mit dem Komponisten Jean-Philippe Rameau darüber stritt, ob die französische Sprache für die Oper geeignet sei. Nein, fand Rousseau. Doch, meinte Rameau. Rameau habe Recht, fand wiederum Grimm - habe aber dennoch eine schlechte Entgegnung geschrieben.

"Mit so klarem Blick ausgestattet, lesen Sie mit Überlegenheit einhundertfünfundzwanzig todlangweilige Seiten, auf denen der Autor nur wiederholt, was er in seinen theoretischen Schriften bereits gesagt hat und mit denen er glaubt, das widerlegt zu haben, was Herr Rousseau in seinem 'Brief über die französische Musik' ... sagte. Dieses alberne Geschwätz des ersten Musikers der Nation hat Herrn Rousseaus Triumph keinen Abbruch getan, und sein berühmter Brief ist ohne Antwort geblieben, trotz der fünfzig Schmähschriften, die gegen den Autor gerichtet worden sind."

Man muss seinen Gegnern mit guten Argumenten kommen. Das versuchte Grimm auch durch seine Mitarbeit an der von Diderot herausgegebenen "Enzyklopädie", die der Deutsche als Bollwerk gegen Unwissenheit und Heuchelei verstand.

"Die 'Enzyklopädie' schreitet vorwärts inmitten aller möglichen Einsprüche. Die der Frömmler sind die dümmsten, aber zugleich auch die gefürchtetsten dadurch, dass sie die Ruhe und den Frieden der Philosophen gefährden. Noch nie hat ein Philosoph Unordnung im Staat herbeigeführt. Dennoch sind ihre Gegner erbittert dabei, den Hass und Verdacht der Regierung auf sie zu lenken, und diese Niedertracht hat immer mehr oder weniger Erfolg."

Philosophen bringen keine Unordnung in den Staat? Grimm irrte. 1789 erkannte er es selbst, wenngleich, so etwa bei der Einberufung der französischen Generalstände im Mai des Jahres erst ahnungsweise.

"Man konnte diesem Schauspiel, dieser erhabenen Szene, deren Folgen vielleicht für immer das Schicksal Frankreichs bestimmen werden, nicht beiwohnen, ohne die lebhaftesten Regungen der Furcht, Hoffnung und Achtung zu verspüren."

Friedrich Melchior Baron von Grimm, ein Aufklärer und Mittler zwischen zwei Ländern. Doch die Französische Revolution vertrieb ihn schließlich aus Frankreich. Er starb am 19.Dezember 1807 in Gotha.

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