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StartseiteKommentare und Themen der WocheBrandstifter gehören nicht auch noch belohnt11.09.2020

Aufnahme von Moria-FlüchtlingenBrandstifter gehören nicht auch noch belohnt

Nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria will die Bundesregierung 150 minderjährige Flüchtlinge aufnehmen. Solange aber der Verdacht im Raum stehe, dass einige Lagerbewohner selbst das Feuer gelegt haben, dürfe Deutschland niemanden von dort herholen, meint Silke Hasselmann. Das sende die falsche Botschaft.

Von Silke Hasselmann

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Man sieht die Flüchtenden als schwarze Silhouetten vor den hoch lodernden Feuern. Der Himmel ist rot gefärbt. (Panagiotis Balaskas/AP/dpa)
So sah es aus, als das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos brannte (Panagiotis Balaskas/AP/dpa)
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Heute tat auch die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern wieder, was sich leider in Deutschland als "neue politische Normalität" eingeschlichen hat – gerade auch in der so vielschichtigen Flüchtlings- und Einwanderungsfrage. Manuela Schwesig (SPD) erklärte mit Blick auf das abgebrannte Migrantenlager von Moria: "Wir können, dürfen nicht einfach nur zusehen."  Die EU und Deutschland müssten vor Ort helfen "und auch Flüchtlinge aufnehmen. Mecklenburg-Vorpommern wird sich selbstverständlich beteiligen." Eine Ansage wie aus dem Mund einer Königin.

Mehrheitsbeschlüsse "für lässlich" gehalten

Denn wieder einmal hielt die Chefin der Exekutive eine breite demokratische Willensbildung durch eine Diskussion, geschweige denn Mehrheitsbeschlüsse der gewählten Volksvertreter in den Kommunal- und Landesparlamenten für lässlich. Dass dieses Vorgehen - pardon: Übergehen – auch Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und anderen Bundesregierungsmitgliedern in Fleisch und Blut übergegangen ist, macht es nicht besser.

Moralisierendes Trommelfeuer, erpresserische Absicht

Sicher ist ihnen auch dieses Mal der Beifall all jener Mitbürger, die sich völlig zu Recht über die Zustände in dem Lager Moria entsetzten und deshalb auch das moralisierende Trommelfeuer in seiner erpresserischen Absicht unterstützten. Etwa, als Grünen-Chef Habeck und diverse Flüchtlingsinitiativen nicht zufällig kurz vor Weihnachten mit Kinderbildern darauf drangen, Deutschland möge endlich Minderjährige aus Moria nach Deutschland holen. Ende März nutzte Habeck die Corona-Epidemie, indem er auf eine Evakuierung des überfüllten Lagers drängte.  Nun gehen Fotos von Kindern um die Welt, die nach dem Brand des Lagers Moria auf dem Straßenasphalt schlafen.

Kinder spielen Karten am Straßenrand in der Nähe des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria  (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis) (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis)Flüchtlingsaufnahme nach Brand in Moria - "Ganz ernsthaft: 400 Kinder, zehn Länder!?"
Nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria wollen zehn EU-Staaten zusammen 400 unbegleitete Minderjährige aufnehmen. Eine ernüchternde Zahl, so der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn im Dlf. Es gehe um europäische Solidarität.

Wer entscheidet eigentlich, wer auserwählt ist?

Doch zumindest solange der begründete Verdacht im Raum steht, dass einige Lagerbewohner nicht nur die Löscharbeiten behindert, sondern die Feuer selbst gelegt haben, darf Deutschland niemanden von dort herholen. Auch keine unbegleiteten Minderjährigen. Denn abgesehen von der immer schwierigen Frage, wer eigentlich wonach entscheidet, wer ausgewählt wird, stellt sich die Frage, welche Botschaften das in die Welt senden würde.* Eine auf jeden Fall: Brandstiftung kann sich lohnen! Das gewissenlose Inkaufnehmen von Opfern ginge ja quasi als Notwehr gegen die Unbarmherzigkeit der Europäischen Union durch; sehr zur Nachahmung empfohlen!

Nein: Schicken wir das Technische Hilfswerk nach Griechenland und bauen wir ein menschenwürdiges Auffanglager. Doch Brandstifter gehören nicht auch noch belohnt, wie verzweifelt sie auch immer gewesen sein mögen.

Silke Hasselmann wuchs in Vorpommern auf. Von 1985 bis 1991 arbeitete sie für das DDR-Jugendradio DT64 und begann ein Fernstudium der Kultur- und Theaterwissenschaften in Berlin. Später war sie als Chefredakteurin von Rockradio B und freie Journalistin für den ORB tätig. Für den Mitteldeutschen Rundfunk berichtete Hasselmann ab 1999 als bundespolitische Hörfunkkorrespondentin aus dem ARD-Hauptstadtstudio und zwischen 2009 und 2014 als Korrespondentin aus den USA. Seit April 2015 ist sie Landeskorrespondentin von Deutschlandradio in Mecklenburg-Vorpommern.

* Wir haben den Begriff "Selektion" im Kommentar ausgetauscht, der bedauerlicherweise NS-Konnotationen hervorgerufen hat, die von unserer Autorin in keinem Fall beabsichtigt waren.

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