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StartseiteForschung aktuell"Es ist schwierig, eine Hyperschallrakete abzuwehren"28.12.2018

Aufrüstung in Russland"Es ist schwierig, eine Hyperschallrakete abzuwehren"

Russland hat den erfolgreichen Test einer neuen Hyperschallrakete namens „Avangard“ bekannt gegeben. Dadurch entstünde eine Bedrohung, die realistisch und ernst zu nehmen sei, sagte Dirk Zimper vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Dlf. Bislang gebe es keine Gegenmaßnahmen für solche Waffensysteme.

Dirk Zimper im Gespräch mit Arndt Reuning

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Russlands Präsident Putin und Verteidigungsminister Schoigu im Kontrollraum des Verteidigungsministeriums in Moskau. (dpa / Pool / Sputnik / Mikhail Klimentyev)
Russlands Präsident Putin überwachte den Raketentest im Kontrollraum des Verteidigungsministeriums in Moskau. (dpa / Pool / Sputnik / Mikhail Klimentyev)
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Arndt Reuning: Pünktlich zum Weihnachtsfest hat Russland Medienangaben zufolge erfolgreich ein neues Waffensystem getestet, eine Hyperschall-Rakete namens "Avangard". Das Geschoss wurde nach Kreml-Angaben am Mittwoch von einer Basis südlich des Urals abgefeuert und habe sein Ziel auf einem Testgelände in Kamtschatka getroffen. Es sei dabei mit 27-facher Schallgeschwindigkeit unterwegs gewesen, hieß es im russischen Staatsfernsehen, mit ungefähr 30.000 Kilometern pro Stunde also. Jemand, der sich mit solchen Waffensystemen auskennt, ist Dr. Dirk Zimper vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Er ist dort Programmlinienkoordinator Wehrtechnische Forschung. Von ihm wollte ich wissen: Wie funktioniert denn solch eine Hyperschall-Waffe überhaupt?

Dirk Zimper: Eine solche Hyperschallwaffe wird üblicherweise mit einem konventionellen Trägersystem gestartet, also einer konventionellen Rakete. Nach dem Start steigt die Rakete auf, wird beschleunigt, und oben in der ich sag mal Abdeckung, also dem Fairing, ist ein sogenanntes Hyperschallgleitvehikel. Dieses Hyperschallgleitvehikel separiert in Höhen über 100 Kilometer, taucht dann wieder in die Erdatmosphäre ein und gleitet mit unheimlich hoher Geschwindigkeit in der Atmosphäre über sehr hohe Distanzen. Letztendlich gleitend tatsächlich wie ein Segelflugzeug. Aber diese Vehikel sind natürlich ganz speziell optimiert auf wahnsinnig hohe Geschwindigkeitsbereiche. Man nennt die auch Wellenreiterkonfiguration, und diese Konfigurationen sind dann tatsächlich in der Lage, bei Geschwindigkeiten von zehn Kilometern pro Sekunde in der Atmosphäre zu gleiten, über hohe Distanzen, und dann in einen Zielort zu fliegen.

Kinetische Energie kann immensen Schaden erzeugen 

Reuning: Und könnte dort auch konventionelle oder atomare Sprengköpfe dann eben abwerfen.

Zimper: Konventionell, nuklear – prinzipiell wäre auch denkbar gar kein Gefechtskopf, weil schlicht und ergreifend die kinetische Energie des Vehikels ausreichen würde, um einen immensen Schaden zu erzeugen.

Reuning: Zu diesem konkreten System "Avangard" ist ja wenig bekannt, und wie verlässlich die Angaben des Kreml sind, können wir auch nicht beurteilen. Aber ganz generell: Wie groß ist denn die Bedrohung, die von solch einem Waffentyp ausgeht?

Zimper: Die Bedrohung ist durchaus realistisch und ernst zu nehmen. Da kann man relativ einfach zitieren. Im März hatte Putin ja schon mal eine Rede gehalten und hatte auch diese Waffensysteme reflektiert. Und im Nachgang wurde General Hyton, ein Vier-Sterne-General in den USA, der Commander des US-Strategic-Commands, vom Senat gehört, und ihm wurde auch diese Frage gestellt. Und er hat ganz klar geantwortet, wir müssen diese Systeme und diese Äußerungen, die dort kommen, sehr ernst nehmen, weil sie eine reale Bedrohung darstellen.

"Man arbeitet an Gegenmaßnahmen für solche Waffensysteme"

Reuning: Wie könnte man denn solch einen Angriff mit einer Hyperschallrakete abwehren.

Zimper: Schwierig. Es ist wirklich schwierig. Es gibt natürlich unterschiedliche Untersuchungen, und man arbeitet daran, Gegenmaßnahmen für solche Waffensysteme zu entwickeln. Momentan gibt es aber noch keine effektive Gegenmaßnahme. Das wurde auch deutlich bei der Anhörung von General Hyton am 20. März 2018, dem diese Frage im US-Senat gestellt wurde, und der klar artikulierte, dass es heutzutage noch keine Gegenmaßnahme für solche Hyperschallwaffensysteme gibt.

Reuning: Welche anderen Staaten neben Russland forschen denn noch an dieser Technologie?

Zimper: Insbesondere sind es tatsächlich Russland, China und die USA, die an solchen Technologien forschen.

Reuning: Ihrer Einschätzung nach, hat denn der offenbar erfolgreiche Test in Russland nun das internationale Gleichgewicht der Mächte verschoben?

Zimper: Meiner Einschätzung nach nicht. Es ist klar, dass Nationen wie die USA, Russland, China durchaus schon seit Jahrzehnten an solchen Systemen forschen, und es ist auch in der Tat ein Wettkampf. Man würde sich sehr schwer tun, hier zu sagen, wer vielleicht weiter bei diesen Forschungsthemen wäre und wer nicht. Ich denke, hier ist es wirklich ein Gleichauf.

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