Dienstag, 25.02.2020
 
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Aufruf zur Revolution

David Harvey: "Rebellische Städte", Edition Suhrkamp

Die Zukunft der Städte wird in Europa und den USA heftig diskutiert. Vielerorts werden sie nach den Vorstellungen von Reichen und Mächtigen gestaltet. Ihr oberstes Credo: Gut ist, was Gewinn bringt. Zeit, dagegen aufzubegehren, meint David Harvey in seinem Buch " Rebellische Städte".

Von Stefan Maas

Das Finanzwesen kann zwar Städte und Vorstädte bauen, aber nicht dafür sorgen, dass sie sich auszahlen. (Beatrice Uerlings)
Das Finanzwesen kann zwar Städte und Vorstädte bauen, aber nicht dafür sorgen, dass sie sich auszahlen. (Beatrice Uerlings)

Wem gehört die Stadt? Die Antwort auf diese Frage ist für den Sozialwissenschaftler und überzeugten Marxisten David Harvey ebenso ärgerlich wie ideal als Ausgangspunkt für sein Buch "Rebellische Städte – Vom Recht auf Stadt bis zur urbanen Revolution". Der erste Teil der Antwort lautet nämlich: Nicht denen, die sie bauen, die sie instand halten und die sie zu einem lebendigen Organismus machen. Den Bauarbeitern, Händlern, Lieferanten, Krankenschwestern, Künstlern, Nachbarschaftsgruppen, den Lebensmittellieferanten. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Sie lässt sich aber auch abkürzen. Durch den zweiten Teil der Antwort: Sie gehört einer kleinen Gruppe von Menschen, die das nötige Geld und die nötige Macht haben, um die Stadt nach ihren Wünschen zu gestalten. Das klassische Problem des Kapitalismus in zeitgemäßer, wenn auch nicht neuer Form.

In weiten Teilen der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt sind die Fabriken entweder ganz verschwunden oder so sehr reduziert worden, dass die klassische industrielle Arbeiterklasse stark geschwächt wurde. Die wichtigste und stetig wachsende Arbeit, das urbane Leben herzustellen und aufrechtzuerhalten, wird vermehrt von ungesicherten, oft in Teilzeit beschäftigten und desorganisierten schlecht bezahlten Arbeitskräften geleistet. Das sogenannte Prekariat hat das traditionelle Proletariat ersetzt.

Dabei haben diese Menschen, die ausgebeuteten, ein Recht auf Stadt, sagt Harvey:

"Wenn wir darüber reden, das Recht auf Stadt wieder zu beleben, geht es um die einfachen Bewohner, die das urbane Leben beeinflussen und eine andere Art von urbaner Umgebung definieren, in der sie leben."

Harvey beruft sich dabei auf den französischen Soziologen, Philosophen und Marxisten Henri Lefebvre, der die Idee des "Recht auf Stadt" 1967 im gleichnamigen Essay entwickelte. Den Besitzenden hingegen sei an dieser Teilhabe nicht sehr gelegen, denn sie hätten sich gut eingerichtet und seien auf die bestehenden Verhältnisse sogar angewiesen. Denn die Stadt, erklärt der Professor für Anthropologie und Geografie, spiele bei der Absorption von Überschüssen eine zentrale Rolle. Ein Zuviel an Arbeitskraft wird hier ebenso gebunden wie freies Kapital. Diesen Mechanismus beschreibt Harvey ausführlich im ersten Teil des Buches, der wie auch der zweite Teil aus bereits früher publizierten und neu bearbeiteten Essays besteht. Als frühes Beispiel für diesen Mechanismus führt der Autor den Umbau von Paris nach den Plänen des Baron Haussmann an. Ein Beispiel, auf das Harvey immer wieder zurückkommt, dient es ihm doch als Blaupause für ein wiederkehrendes Prinzip und seine katastrophalen Folgen:

Er transformierte die Stadt umfassend, nicht stückchenweise. Dafür benötigte er neue Finanzinstitutionen und Finanzierungsinstrumente (…). Faktisch trug er dazu bei, das Problem des Kapitalüberschusses zu lösen, indem er ein keynesianisches Programm der schuldenfinanzierten Stadterneuerung auflegte.

Das Ergebnis lässt sich leicht ahnen. Denkt man aktuell an das, was sich -ausgehend von der Hauskredit-Krise in den USA - in den letzten Jahren über die ganze Welt ausgebreitet hat.

1868 brachen dann jedoch das überforderte und zunehmend spekulative Bankensystem und die Finanzierungsstrukturen zusammen, auf denen all das zuvor basiert hatte.

Denn, so schreibt Harvey, das Finanzwesen kann zwar Städte und Vorstädte bauen, jedoch nicht dafür sorgen, dass sie sich auszahlen. Leidtragende sind nach Harveys Analyse letztlich die kleinen Leute, die alles verlieren. Denn die Kapitalisten wüssten ihr Geld schon zu retten. Sie profitieren von der zunehmenden Verstädterung.

Die Einseitigkeit der urbanen Entwicklung zugunsten einer bestimmten Klasse ist tatsächlich ein globales Problem.

Wie aber lassen sich diese Strukturen ändern? Für den Marxisten Harvey klar: durch die Abschaffung der herrschenden Klassenverhältnisse.

Die politische Erkenntnis, dass Gemeingüter zum gesellschaftlichen Nutzen produziert, geschützt und verwendet werden können, wird zum Bezugsrahmen für den Widerstand gegen die kapitalistische Herrschaft und für das erneute Durchdenken einer Politik des antikapitalistischen Wandels.

Bleibt die Frage: Wer geht für den Klassenkampf auf die Straße? Das klassische Proletariat gibt es nicht mehr.

Wir haben nun also die Wahl: Wir können bedauern, dass eine Revolution nicht länger möglich ist, weil dieses Proletariat verschwunden ist. Oder wir verändern unser Verständnis des Proletariats.

Und schließen alle jene mit ein, deren Arbeit zur Wert- und Mehrwertproduktion beiträgt. Das Problem: Anders als Fabrikarbeiter in früheren Zeiten sind diese sehr unterschiedlich tätigen Menschen selten an einem Ort versammelt, sondern über die Stadt verteilt, können also weniger gezielt angesprochen und mobilisiert werden. Eine Herausforderung, aber auch eine Chance für Gewerkschaften, schreibt Harvey:

Würden diese Arbeiter sich organisieren, hätten sie die Macht, den Stoffwechsel der Stadt zum Erliegen zu bringen.

Wie aber organisiert man eine Stadt? Dafür schreibt Harvey, gibt es noch keine ausreichende Erfahrung. Zwar gibt es Beispiele aus Bolivien, wo das "neue Proletariat" sich durch gezielte Unterbrechung des Warenflusses sein Recht auf Mitbestimmung zurückerobert hat. Im Grunde aber bedürfe es der Einrichtung einer Volksversammlung, die die Geschicke einer Stadt mit lenke. Ein weiteres organisatorisches Problem. Denn es gebe in vielen Städten zwar Bürger- und Stadtteilinitiativen. Die aber seien meist auf ein Projekt, zumindest aber auf einen eng definierten Raum fokussiert. Damit ärgern sie das kapitalistische System zwar im Kleinen. Im Großen ändern sie aber nichts.

"Rebellische Städte" ist keine leichte Lektüre. Ein mitreißender Aufruf zur Revolution ist es auch nicht. Im Gegenteil. Es ist sperrig, theorielastig, oft entsteht der Eindruck, der Autor sei dem Elfenbeinturm der Wissenschaft näher als dem Menschen auf der Straße. Denn Harvey lässt den Leser sehr exzessiv an seinen profunden Gedanken über den Marxismus teilhaben und vielen Lesern dürften die Denkmuster von "Klasse" und "antikapitalistischem Kampf" antiquiert erscheinen. Harvey aber geht es nicht nur darum, die alten Ideen zu reproduzieren. Wie ein Handwerker, der einen Motor wieder zum Laufen bringen möchte, will er den Marxismus der Gegenwart anpassen und zukunftsfähig machen. Deshalb erweitert er die Theorie um die Idee der neuen urbanen Arbeiterklasse. Und schafft damit einen sehr praktischen Ansatzpunkt für all jene, die ihre Truppen gegen das kapitalistische System auf die Straße bringen wollen. Zugleich zeigt er "jungen" Protestbewegungen wie Occupy genau, wo das Problem liegt, das vielen linken Initiativen innewohnt: Sie stehen sich mit ihrer Ablehnung jeglicher Form von übergeordneter Organisation und Hierarchie selbst im Weg. Denn das mag auf lokaler Ebene funktionieren, aber eben auch nur dort. Im globalen Maßstab kann der antikapitalistische Kampf so nur scheitern.

Buchinfo:
David Harvey: Rebellische Städte. Aus dem Englischen von Yasemin Dincer. Edition suhrkamp, 288 Seiten, 18 Euro.

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