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StartseiteKultur heuteAufstand der Hamburger?13.10.2010

Aufstand der Hamburger?

Ein Podium zur Kulturpolitik diskutiert Sparmaßnahmen und Protestkultur in der Hansestadt

In Hamburgs Kulturetat schwingt sich die Abrisskeule warm: Dem Hamburger Schauspielhaus will der schwarz-grüne Senat den halben Produktionsetat streichen, das Altonaer Museum soll geschlossen werden. Gegen die Einschnitte regt sich in der Bürgerschaft aber erst wenig Widerstand, klagten die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion von Kulturschaffenden.

Von Verena Herb

Das Altonaer Museum soll schließen. (Deutschlandradio - Jane Neumann)
Das Altonaer Museum soll schließen. (Deutschlandradio - Jane Neumann)

"Man muss eine Strategie entwickeln, wie man vorgeht. Sag ich mal als Ex-APO-Fuzzi: Wie man sich das nicht gefallen lässt. Wir wissen doch, wo der Gegner steht, oder sitzt oder schläft","

appelliert Jürgen Flimm an die rund 500 Zuschauer in der Kulturfabrik Kampnagel. Der Chef der Berliner Staatsoper sticht heraus als jener, der von außen auf die Sache blickt und fragt: Warum formiert sich kein "organisierter" Widerstand in der Hansestadt gegen die Sparbeschlüsse des schwarz-grünen Senats?

""Die Bürger dieser Freien und Hansestadt Hamburg, die müssen sich jetzt mal wehren. Ihr müsst mal das Schauspielhaus vollknüppeln, und dann muss dann ein bisschen unhanseatisch Rabatz gemacht werden. Herr Ahlhaus, so nicht."

Ein Tipp, den sich die Kulturschaffenden in Teilen schon zu Herzen genommen haben: Vergangenes Wochenende demonstrierte Hamburgs Kultur auf der Thalia-Bühne Geschlossenheit gegen die Sparbeschlüsse des Senats die da heißen: Schließung des Altonaer Museums, 1,2 Millionen Euro Etatkürzung beim Schauspielhaus sowie Einschnitte bei den regionalen Bücherhallen. Für den Erhalt des Museums hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die Verantwortlichen der Bücherhallen verteilen Flyer an Passanten, doch über die Aktionen der direkt Betroffenen hinaus gibt es keinen übergreifenden Protest des Publikums. Amelie Deuflhard, die Kampnagel-Intendantin meint,

"Das ist tatsächlich ein Riesenproblem, und ich finde, die ganze Stadt muss dagegen auch aufstehen."

Hat die Stadt ihre Power und Neugier verloren und stattdessen etwas Provinzielles bekommen - wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die ehemalige Kulturstaatsministerin und Ex-Kultursenatorin in Hamburg, Christina Weiss zitiert? Wo nur ist das hanseatische Bildungsbürgertum, das sich einsetzt für die seine Kultur? Auch Amelie Deuflhard fragt sich das und erklärt:

"Was hier passiert in der Stadt - und was so schockierend ist, finde ich, für alle Kulturschaffenden - ich glaube das eint uns alle in Hamburg und überall in der Republik: Ist, dass ohne jede Kommunikation mit den betroffenen Institutionen und ich finde tatsächlich mit großer Inkompetenz Geld weggenommen wird."

Im Zentrum der Kritik: CDU-Kultursenator, Reinhard Stuth, der laut "FAZ" zurzeit bestgehasste Hamburger. Seine Markenzeichen: Hornbrille, Fliege und ein großes Unverständnis darüber, warum die Kritik sich gerade auf seine Person richtet. Im NDR-Hörfunk sagte er:

"Ich finde das auch nicht berechtigt, nicht angemessen. Ich bin vielleicht das Gesicht, was geradestehen muss. Das ist auch richtig so. Aber es wird jetzt sehr auf meine Person verengt, aber es war ein Beschluss von CDU und GAL gemeinsam."

Florian Vogel, der künstlerische Leiter des Hamburger Schauspielhauses, muss gemeinsam mit den Mitarbeitern von Deutschlands größer Sprechbühne eben jene Beschlüsse des Senats umsetzen:

"Es trifft uns tatsächlich im Zentrum unserer Arbeit. Nämlich mit 1,22 Millionen Euro Kürzung ist das das Aus eigentlich unserer künstlerischen Arbeit."

Wie es weitergehen soll? Die Nebenspielstätten wie das Junge Schauspielhaus schließen oder nur noch zwei Produktionen pro Jahr im großen Haus? Jack Kurfess, kaufmännischer Direktor und nach dem Rücktritt Friedel Schirmers Interimsintendant, weiß es auch nicht. Er sehe keinen "Plan hinter den Plänen" des Kultursenators. Stattdessen komme jemand daher,

"und will mir erzählen, dass er von einem auf den anderen Tag 1,2 Millionen Euro rausschneiden kann. Diese Leute kommen hierher, und wollen mir, der ich hier 18 Jahre nur geschuftet hab und mir Gedanken gemacht hab, die wollen mir erzählen, wie so etwas funktioniert? Ich sage: Nein, das erzählen die mir nicht."

Man wirft Kultursenator Stuth Dilettantismus und Unkenntnis vor: Er habe sich bei den 3,5 Millionen Euro, die er durch die Schließung des Altonaer Museums einsparen will, verrechnet. Ob die Schließung rechtlich überhaupt möglich ist, ist ebenfalls fraglich. Dann der Vorschlag des CDU-Politikers: Man könne die Gastregisseure am Deutschen Schauspielhaus einsparen, was bei den Verantwortlichen großes Befremden und Sprachlosigkeit auslöst. Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard findet da deutliche Worte: Dieses Beispiel sei für sie das absolute Highlight der Stuth'schen Politik:

"Das ist halt ein bisschen schwierig. Regisseure am deutschen Stadttheater sind niemals angestellt. Regisseure am deutschen Stadttheater oder in der Oper sind immer freiberufliche Künstler, die engagiert werden müssen. Und klar, wenn man dem Schauspielhaus die Regisseure wegnimmt, dann gibt's eben nie wieder neue Produktionen. Dann kann man's eben auch einfach direkt zumachen."

Geschäftsführer Jack Kurfess hat bereits angekündigt: Wenn die Kürzungen nicht zurückgenommen werden, müsse er in der Spielzeit 2011/2012 Insolvenz anmelden.

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