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StartseiteKultur heuteVon Spionen, Arbeitssklaven und Todkranken 02.05.2016

Auftakt des Heidelberger StückemarktsVon Spionen, Arbeitssklaven und Todkranken

Er ist so etwas wie der Methusalem unter den Festivals zur Förderung junger Theaterautoren: zum 33. Mal findet dieser Tage der "Stückemarkt" in Heidelberg statt. Und bevor sich gegen Ende der Woche das Gastland Belgien präsentiert, gehörte das Eröffnungswochenende den Bewerbern um die Preise.

Von Michael Laages

Ein roter Theatervorhang (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
Zweieinhalb von sechs neuen Stücken werden in jedem Fall um den Preis konkurrieren – am nächsten Wochenende wird er vergeben. (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
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Heidelberger Stückemarkt Wilde Fantasien

Theater anschauen, ja sogar Theater spielen ist leicht im Vergleich zum Theater-Schreiben. Ziemlich schwer kann es sein, über selbst geschriebenes Theater zu reden – so erging es gestern zum Abschluss der Wettbewerbslesungen der prominentesten Kandidatin beim "Stückemarkt"…

"Entwurf für ein Totaltheater" von Anne Lepper

Von der ihrer Ansicht nach wohl viel zu heiteren Lesefassung des neuen Lepper-Textes war die ja schon regelmäßig aufgeführte Autorin offenkundig genervt:

"Was mach' ich denn hier im Milchwagen? / Ich bin der Milchmann und fahre Sie zum Weißen Haus draußen vor der Stadt! / Aber da will ich doch gar nicht hin! / Es ist aber der schrecklichste Ort ... "

Das Gespräch hat sie verweigert und ließ ihren Verleger reden; zur Bitte um Entschuldigung für die eigene Stumm- und Stumpfheit im Nicht-Gespräch rang die Autorin sich dann immerhin durch. So schief kann's gehen, auch in Heidelberg .

"Über meine Leiche" von Stefan Hornbach

"Ich. Das bin ich. Friedrich. Um mich geht's hier, überwiegend. ... Und Sie – das sind dann die Zuschauenden, die das Ganze auch betreffen soll ... geht das?"

"Krebs" lautet die Diagnose für den jungen Mann, Krebs im sehr fortgeschrittenen Stadium; und während Mutter und Ärzte keinerlei Hilfe bieten können, mischt Jana sich ein, ein Mädchen aus der Schule, das ihn nie und das er nie mochte – jetzt aber beginnt Jana, dank stark entwickelter eigener Todessehnsucht, sozusagen die Last mit ihm und für ihn zu tragen ... starker Tobak, aber stimmig geschrieben – wenn auch (und obwohl der Autor auch Schauspieler ist) nicht zwingend für's Theater.

"Umständliche Rettung" von Martina Clavadetscher

Eine Wissenschaftlerin aus Berlin forscht im Grenzgebiet zwischen Israel und Palästina – und gerät zwischen die Fronten:

"Wie lautet Ihr Auftrag? / Ich habe keinen Auftrag!"

Der Spionage verdächtigt, ist sie tatsächlich so etwas wie ein Engel, der die dem Untergang geweihte Stadt zu retten vermag – Martina Clavadetscher überträgt letztlich die biblischen Mythen um Sodom, Gomorrha und Frau Lot in die Gegenwart.

"Beben" von Maria Milisavijevic

Auch Maria Milisavijevic beschwört Mythen; und erzählt im chorisch-kollektiven Text ohne allzu viel szenische Zuschreibung von nichts weniger als dem Ende der Welt ...

" ... und sie lachen über die Panzer über die neuesten Helden, über Hollywood ... "

Erstaunlicherweise wird die Welt hier gegen alle Regeln der Geschichte gerettet – weil die Menschen selber sich einfach entschließen, einander nicht mehr Feind zu sein. Die Autorin will dezidiert utopisch sein:

"Diese Geschichte hat ein gutes Ende, weil sie bei mir ein gutes Ende haben darf – und weil ich das entscheide!"

So wird sie sicher eine Kandidatin für den Heidelberger Preis. Genau wie die Geschichte um die Freundschaft zweier kranker Jungs:

"Mongos" von Sergej Gössner

Noch ein schreibender Schauspieler; und wieder geht's ihm um schwerstes Leiden, auch zum Tode:

"Ikarus in querschnittsgelähmt, vom zehnten Wirbel abwärts. ( Francis hat eine ziemlich aggressive Art von MS, also Multipler Skleros – die haben sie bei ihm bemerkt, als er gerade mal 12 war."

Wenn's nach dem Alter der Figuren ginge, wär's ein Jugendstück – aber Gössners kurios-kranke Protagonisten sprechen und fantasieren ganz und gar erwachsen. Ein starker Text, ein Kandidat ...

Anders als der Text, mit dem der Wettbewerb begann:

"Die Erfindung der Sklaverei" von Christiane Kalss

"Das sind Meerschweinchen, mit denen etwas Großes beginnt ... / Ach ja? Ja: Große Meerschweinchen. Früher, als es noch keine Menschen gab, sind die Meerschweinchen so groß gewesen, dass man auf ihnen reiten konnte ... hat mir das Internet erzählt."

Stark ist auch hier die Idee – eine kleine Gemeinde macht all die Fremden, die aus einer vom Chemieunfall befallenen Nachbarschaft herüber kommen (und nach und nach auch die eigene Bevölkerung!) zu Arbeitssklaven; natürlich immer zum Wohl der Stadt. Viel Gegenwart steckt im Stück – doch allzu merklich ist es auch auf Pointe geschrieben; und also auch ein bisschen albern.

Zweieinhalb von sechs neuen Stücken werden in jedem Fall um den Preis konkurrieren – am nächsten Wochenende wird er vergeben.

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