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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Illusion von Inklusion 24.08.2021

Auftakt Paralympics Die Illusion von Inklusion

Von den zehn erfolgreichsten Nationen im historischen Medaillenspiegel liegen acht in Europa und Nordamerika. Die Formel ist einfach: Nur mit zunehmendem Wohlstand wächst die gesellschaftliche und damit auch sportliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung, kommentiert Ronny Blaschke.

Ein Kommentar von Ronny Blaschke

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Die paralympische Fakel wird während der Eröffnungsfeier der Paralympics 2020 in Tokio entzündet. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Emilio Morenatti)
25 Länder, die eigene Nationale paralympische Komitees haben, sind in Tokio nicht vertreten. Einige konnten die hohen Kosten nicht aufbringen, andere wurden durch politische Krisen zurückgeworfen. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Emilio Morenatti)
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Paralympics in Tokio Auf Jahre zurückgeworfen

Die Paralympics werden von ihren Organisatoren als globales Medienereignis gefeiert. Rund viereinhalbtausend Athleten aus 162 Ländern gehen in Tokio an den Start. Und das vor einem wachsenden Publikum. Mehr als vier Milliarden Menschen können Bewegtbilder von den Spielen verfolgen. Mit dem Behindertensport, so das Narrativ des Internationalen Paralympischen Komitees, geht es weltweit aufwärts.

Allzu einfaches Narrativ

Doch so eindeutig ist die Lage nicht. 25 Länder, die eigene Nationale paralympische Komitees haben, sind in Tokio nicht vertreten. Die meisten kommen aus Afrika und Asien. Einige konnten die hohen Kosten nicht aufbringen, andere wurden durch politische Krisen zurückgeworfen. Von den zehn erfolgreichsten Nationen im historischen Medaillenspiegel liegen acht in Europa und Nordamerika. Die Formel ist einfach: Mit zunehmendem Wohlstand wächst die gesellschaftliche und damit auch sportliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

  (dpa/ Pavel Bednyakov / Sputnik) (dpa/ Pavel Bednyakov / Sputnik)Paralympics in den Medien - Zwischen Übertreibung und Desinteresse
Zum Start der Paralympics berichten die Medien wieder über sportliche Höchstleistungen aus Tokio. Dabei werden die Athletinnen und Athleten teils sogar zu Übermenschen stilisiert. Doch abseits der Großereignisse bekommt der Behindertensport nur wenig Aufmerksamkeit.

Weltweit leben mehr als eine Milliarden Menschen mit einer Behinderung, 80 Prozent in einkommensschwachen Regionen. Das Internationale Paralympische Komitee, die Vereinten Nationen und andere Organisationen wollen nun für Gleichberechtigung von behinderten Menschen werben. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesetzgebung, im Arbeitsmarkt oder bei der Sichtbarkeit in Medien. Ihre Kampagne ist auf zehn Jahre angelegt, doch sie wirkt eher wie eine bürokratische Pflichterfüllung.

Die deutschen Sportverbände arbeiten nebeneinanderher

Die Praxis im Sport macht deutlich, wie viel Potenzial auf dem Weg zur Inklusion verloren geht. Es gibt wenige positive Beispiele: In Großbritannien, Kanada oder in den Niederlanden sind Sportler mit und ohne Behinderung meist in denselben Verbandsstrukturen organisiert. Sie profitieren von den gleichen Trainingsstätten, Prämienregeln oder Fortbildungen.

Der deutsche Sport ist noch nicht so weit, wie die Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin deutlich gemacht haben. Die Wettbewerbe der olympischen und paralympischen Sportler wurden getrennt organisiert und getrennt vermarktet. So wirkte die Kulisse der Behindertensportler wie ein Bezirkssportfest.

Paralympics in Deutschland oft ein unerreichbares Ziel

Der Deutsche Olympische Sportbund und der Deutsche Behindertensportverband arbeiten eher nebeneinander - und nicht miteinander. Doch nur mit einem breiten, inklusiven Netzwerk lassen sich Strukturen verbessern. Laut dem Teilhabebericht der Bundesregierung sind 55 Prozent der behinderten Menschen in Deutschland sportlich gar nicht aktiv. Weil sie nicht wollen, aber auch weil sie gebremst werden. Viele Sportstätten sind nicht barrierefrei. Vielen Sportlehrern fehlt die inklusive Ausbildung. Viele Breitensportvereine haben keine Kapazitäten und mitunter auch kein Interesse an Mitgliedern mit einer Behinderung. So bleiben die Paralympics auch in Deutschland häufig ein unerreichbares Ziel.

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