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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrump hat sich seinen ultrarechten Wählern ausgeliefert05.07.2020

Auftritte des US-PräsidentenTrump hat sich seinen ultrarechten Wählern ausgeliefert

In seinen Reden zum Unabhängigkeitstag hat sich US-Präsident Donald Trump als politischer Brandstifter betätigt, kommentiert Thilo Kößler. So wolle er die nächste Wahl gewinnen: mit der Leugnung von Wissenschaft und Coronakrise und der Wiederbelebung des rassistischen Erbes der "white supremacists".

Von Thilo Kößler

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Donald Trump zum Nationalfeiertag am Mount Rushmore. (AP / Alex Brandon)
Donald Trump zum Nationalfeiertag am Mount Rushmore (AP / Alex Brandon)
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Im Grunde gab es nichts zu feiern an diesem 4. Juli 2020, dem 244. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika. In 37 von 50 Bundesstaaten herrscht Alarmstimmung angesichts erschreckend steigender Corona-Infektionen. Begünstigt durch die Inkompetenz und Ignoranz eines Präsidenten, der sich gegenüber dem Rat seiner Experten taub stellt.

Die Coronakrise hat die sozialen und gesellschaftlichen Missstände dieser Un-Vereinigten Staaten von Amerika aufplatzen lassen wie Eiterbeulen. Seit dem Tod von George Floyd unter dem Knie eines Polizisten werden die USA gebeutelt von Selbstzweifeln und geschüttelt vom Erschrecken über das ganze Ausmaß an systemischem Rassismus, der tief in der Geschichte der Vereinigten Staaten verwurzelt ist.

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

Nicht ein einziges Wort der Versöhnung

Vor diesem Hintergrund der weiter wütenden Pandemie und der tiefgreifenden sozialen Umbrüche mit enormer Sprengkraft fand der Präsident nicht ein einziges Wort der Bestärkung, der Versöhnung, der Zuversicht. Als wäre der Pulverdampf über der Hauptstadt nach einstündigem Mega-Feuerwerk symbolisch zu nehmen, betätigte sich Donald Trump als politischer Brandstifter – sowohl in seiner Rede vor dem Weißen Haus als auch am Mount Rushmore tags zuvor goss Donald Trump noch Öl ins Feuer dieser allgemeinen Verunsicherung.

In Washington behauptete er allen Ernstes, dass man gelernt habe, die Flammen der Corona-Seuche auszulöschen, wie er sagte. Seine Strategie im Kampf gegen Covid-19 komme gut voran, von der gigantischen Zahl neuer Infektionen seien ohnehin 99 Prozent absolut harmlos. Im Garten des Weißen Hauses, wo nur wenige Gäste Mundschutz trugen oder sich an Abstandsgebote hielten, gab es freundlichen Applaus. Man war unter sich.

Unterstützer von Donald Trump bei den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag am Mount Rushmore (dpa / AP / Alex Brandon) (dpa / AP / Alex Brandon)Die gefährliche Politisierung der Corona-Pandemie 
Trotz dramatischen Corona-Fallzahlen finden in den USA die Feiern zum Unabhängigkeitstag statt. "Das alles ist Ausdruck der Ignoranz gegenüber den objektivierbaren Gefahren dieser Krise", sagt USA-Korresponent Thilo Kößler.

Appell an die rassistischen Reflexe

Wie auch in Mount Rushmore, wo Donald Trump den Kulturkampf beschwor, statt Wunden zu stillen. Ausgerechnet Mount Rushmore, einer Art Kultstätte für die Verfechter der These von der Überlegenheit der Weißen – vier Präsidenten in Granit gemeißelt von einem Ku-Klux-Clan begeisterten Bildhauer. Unter ihnen George Washington und Thomas Jefferson. Beides Sklavenhalter. Ausgerechnet hier also reklamierte der Präsident den amerikanischen Unabhängigkeitstag für die politische Rechte im Land. Ausgerechnet hier appellierte er an die rassistischen Reflexe der "white supremacists". Ausgerechnet hier attackierte er die Anti-Rassismus-Bewegung, die seit dem Tod George Floyds ungebrochen Zulauf hat. Er kündigte "den radikalen Linken, den Marxisten, den Anarchisten, Agitatoren und Pünderern" den Kampf an, wie er sagte.

Damit will Donald Trump die Wahl am 3. November gewinnen. Mit der Wissenschaft-negierenden Verleugnung der Coronakrise und ihrer Folgen. Und mit der Wiederbelebung des rassistischen Erbes der "white supremacists". In beiden Fällen verkennt Donald Trump die Sprengkraft seiner Botschaften. Während er seine ebenso törichten wie gefährlichen Brandreden hielt, hatten sich 50.000 weitere Amerikaner infiziert. Während er erklärte, einen nationalen Erinnerungspark für die Helden der amerikanischen Geschichte errichten zu wollen, hatten Demonstranten in Baltimore eine weitere Statue eines Exponenten des rassistischen Amerika vom Sockel gestürzt und im Hafenbecken versenkt.

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Bidens Rezept gegen Trump

Donald Trump hat sich ganz seinen ultrarechten Wählern ausgeliefert. Dass er die Realitäten gar nicht mehr wahrzunehmen scheint, macht auch seinem Wahlkampf-Team zunehmend Kopfzerbrechen: Neun von zehn Amerikanern sind unzufrieden. Nur noch 17 Prozent sind stolz auf ihr Land. Die meisten Amerikaner sehen ihr Land auf einem falschen politischen Weg.

Trumps politischer Herausforderer Joe Biden setzt den düsteren kulturkämpferischen Parolen des Präsidenten eine erstaunliche Gelassenheit entgegen. Am Unabhängigkeitstag erklärte er, die USA seien niemals ihrem Gründungsversprechen der Gleichheit aller Menschen gerecht geworden. Er werde die historische Chance nutzen, dem Land die Wurzeln des tiefsitzenden Rassismus herauszureißen. Will sagen: Joe Biden hat ein Rezept gegen Donald Trump gefunden. Er lässt ihn einfach machen. Niemand schadet derzeit Donald Trump mehr als Donald Trump.

Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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