Mittwoch, 05.08.2020
 
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Aus der NachrichtenredaktionÜber Oettinger und Petry

"Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen." Ein Politiker geht eine Politikerin an. Aber ist ein so persönlicher Angriff unter Politikern wirklich ein Thema für die Nachrichten?

Von Marco Bertolaso

Günther Oettinger (CDU): EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft (picture alliance/dpa/Lukas Schulze)
Günther Oettinger (CDU): EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft (picture alliance/dpa/Lukas Schulze)
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Nach Oettingers Kritik an Petry Empörung bei der AfD

Oettinger über Petry "Diese Frau ist eine Schande für die deutsche Politik"

Günter Oettinger hat Frauke Petry beleidigt. Am Montagabend auf einer Veranstaltung in Berlin. Die Deutschlandfunk-Nachrichten haben noch am Abend selbst als erste darüber berichtet. Wir waren bis zum nächsten Vormittag die einzige Redaktion mit dieser Geschichte auf Grundlage eigener Quellen und wurden von vielen anderen Medien zitiert.

Haben wir am Montagabend richtig entschieden? Darüber wurde am Dienstag in der Redaktion diskutiert. Nebenbei: nur eine Redaktion die diskutiert und streitet, ist eine echte, lebendige Redaktion. Hier mein Fazit:

Sine ira et studio

Die Deutschlandfunk-Nachrichten haben nichts für oder gegen Günther Oettinger. Dasselbe gilt für alle Politikerinnen und Politiker, für jede Akteurin, für jeden Akteur, die in unseren Sendungen vorkommt.  Sine ira et studio, hätte Tacitus gesagt, und genauso halten wir es. Sicher, auch Nachrichtenjournalisten sind Menschen aus Fleisch und Blut, wir haben privat Meinungen, Urteile, Vorurteile. Aber in der journalistischen Arbeit gelten diese Faktoren nichts.

"Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen." Das sagte Oettinger auf einer gut besuchten Veranstaltung eines internationalen Konzerns in Berlin. Als wir davon erfuhren, haben wir unsere Checkliste abgearbeitet, so wie es Piloten vor dem Start machen oder viele andere Menschen in ihren Berufen auch.

Ist die Aussage relevant?

Ja, fanden wir. Oettinger ist neben Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, der wichtigste deutsche Politiker auf EU-Ebene. Er ist ein führender Vertreter der CDU. Er war Ministerpräsident in Baden-Württemberg, also in einem der Länder, in denen alsbald gewählt wird und in denen das Abschneiden der AfD wichtig sein dürfte, deren Vorsitzende wiederum Frau Petry ist.

Ist die Aussage nicht vielleicht doch boulevardesk?

Nein, fanden wir. Oettinger hat sich im Ton vergriffen. Aber nicht nur das: er hat eine klare politische Botschaft übermittelt und sich nebenbei aus Sicht vieler auch frauenfeindlich geäußert. Die politische Botschaft ist dazu angetan, die Landtagswahlkämpfe zu beeinflussen.

Ist die Aussage nicht vielleicht privat gewesen?

Fielen die Worte also unter vier Augen oder am Handwaschbecken und wurden nur zufällig von jemandem gehört? Nein. In diesem Fall hätten wir die Meldung nicht gebracht. Niemand muss im geschützten Raum aus seinem Herzen eine Mördergrube machen und die in Rede stehende Äußerung hätte es nicht rechtfertigt, den geschützten Raum zu verletzten.

Keine schöne Meldung, aber sie muss ans Licht

Nachdem wir diese Kriterien überprüft hatten, war für uns klar: es ist keine schöne Meldung, keine auf die wir besonders  stolz sind, aber sie gehört zu den Wahrheiten, die ans Licht müssen. Übrigens haben wir unsere Exklusiv-Geschichte durch Recherchen in den Sozialen Medien erarbeitet. Aber das ist eine andere Geschichte von der wir ein anderes Mal berichten.

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