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StartseiteKalenderblattAus Erzrivalen wurden Partner05.12.2005

Aus Erzrivalen wurden Partner

Vor 50 Jahren schlossen sich die beiden größten Dachgewerkschaften der USA zusammen

Seit es in den USA Gewerkschaften gibt, müssen sie mit dem Ruf leben, ihrem Wesen nach eine eigentlich unamerikanische Einrichtung zu sein. Schließlich gilt dort der "Selfmademan" als das Ideal. Da wundert es nicht, dass US-Gewerkschaften untereinander heillos zerstritten sind. Umso erstaunlicher: Vor einem halben Jahrhundert schlossen sich die beiden großen Gewerkschaftsverbände zusammen.

Von Monika Köpcke

Das bestehende Wirtschaftssystem zu ändern, darum ging es US-Gewerkschaften nie. (AP)
Das bestehende Wirtschaftssystem zu ändern, darum ging es US-Gewerkschaften nie. (AP)

"Die industriellen Lohnarbeiter werden neuerdings durch gewissenlose Agenten der Großfabrikanten mittels lügnerischer Versprechungen massenhaft nach Amerika gelockt."

Aus dem Handzettel "Warnung für deutsche Auswanderer" von 1884:

"Dies geschieht, um die Löhne der schon vorhandenen Arbeiter immer tiefer herabzudrücken. In der gesamten Eisen- und Stahlindustrie ist dies in so großem Maße erfolgt, dass die Löhne nicht einmal mehr für die einfachsten Bedürfnisse des Lebens ausreichen, obwohl die einheimischen Arbeiter sehr gut zum Widerstand organisiert sind."

In kaum einem anderen Land wurden die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern so erbittert geführt wie in den USA des 19. Jahrhunderts. Dabei ging es den Gewerkschaften nie darum, das bestehende Wirtschaftssystem zu ändern, mit sozialistischen Theorien hatten sie nichts am Hut. Vielmehr waren sie ihrem Wesen nach "Lohnkartelle": Sie wollten die Ware Arbeit so teuer wie möglich auf dem kapitalistischen Markt verkaufen. Der Präsident der Zigarrenmacher-Gewerkschaft beschrieb das Selbstverständnis so:

"Wir kämpfen nur für unmittelbar vor uns liegende Ziele. Wir wollen besser essen, besser wohnen, uns besser kleiden und allgemein bessere Bürger werden. Wir sind alle praktisch veranlagte Männer."

Um ihre Kräfte im Arbeitskampf zu bündeln, schlossen sich zahlreiche Fachgewerkschaften 1896 zur "Amerikanischen Arbeiter-Föderation", kurz AFL, zusammen. Doch gerade einmal die Hälfte der amerikanischen Arbeiter konnte sich von der AFL vertreten fühlen. Denn der Dachverband gab sich die Aura eines exklusiven Clubs. Manche seiner Gewerkschaften nahmen neue Mitglieder nur nach mehreren Prüfungen auf, andere verlangten hohe Eintrittsgelder. Die Gewerkschaften hatten den Charakter von Zünften: Es ging ihnen ausschließlich darum, für ihre Mitglieder in den jeweiligen Berufszweigen die besten Arbeitsbedingungen herauszuholen. Die große Masse der ungelernten Arbeiter sollte ausgeschlossen bleiben, obwohl ihre Zahl mit der fortschreitenden Automatisierung in den folgenden Jahrzehnten stetig anwuchs. Selbst innerhalb der AFL wurde der Ruf laut, sich endlich auch diesen Menschen zu öffnen. Der Vorstand lehnte das rigoros ab. Daraufhin gründeten zehn abtrünnige Fachgewerkschaften 1938 einen eigenen Dachverband, den CIO, den "Kongress der Industrieorganisationen". Fortan existierten zwei unabhängige Gewerkschaftsverbände, deren Verhältnis von unversöhnlicher Rivalität gezeichnet war.

"Die Gewerkschaften des CIO sind genauso schlimme Feinde der Arbeitergewerkschaften wie die Unternehmer, aber noch rachsüchtiger als diese. Es hat keinen Zweck, Versöhnung mit ihnen zu suchen."

So Samuel Gompers, der Vorsitzende der AFL. Und John Lewis, der Chef des CIO schoss nicht zimperlich zurück.

"Diese ungelernten Arbeiter, die bei uns ein Zuhause gefunden haben, fordern das demokratische Verfahren in den Gewerkschaften und ihren Anteil an den greifbaren Früchten. Wer glaubt, dass dieser Strom menschlichen Gefühls durch Aufrichtung willkürlicher Hindernisse aufgehalten werden könnte, ist verrückt oder blöde."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wählten die Amerikaner einen konservativen Kongress, der die Rechte der Gewerkschaften beschnitt. Und 1952 zog mit Eisenhower der erste Republikaner seit 20 Jahren ins Weiße Haus ein. Bislang hatten sich CIO und AFL mit Zuständigkeits-Streitereien gegenseitig blockiert, nun erkannten die Gewerkschaften, dass sie geeint handeln mussten, um sich gegen die Regierung durchzusetzen. Sowieso waren sich beide Organisationen immer ähnlicher geworden, seit sich durch die fortschreitende Fließbandarbeit die Grenzen zwischen gelernten, angelernten und ungelernten Arbeitern mehr und mehr verwischten und sich die AFL auch dieser Klientel öffnete. Am 5. Dezember 1955 wurde die Fusion beschlossen. AFL-CIO hieß die neue Dachorganisation und man verkündete feierlich ganz im Stil des Kalten Krieges:

"Wir glauben, dass die Verschmelzung der beiden Gewerkschaftsgruppen für unser Land und unser Volk eine wertvolle Gabe darstellen wird. Wir sind glücklich darüber, dass wir die Einigkeit der amerikanischen Arbeiterbewegung in einem Augenblick zustande bringen, in dem die Einigkeit des gesamten amerikanischen Volkes angesichts der kommunistischen Bedrohung aufs Höchste vonnöten ist."

Seit 1955 verliert der AFL-CIO stetig Mitglieder und Einfluss. Waren damals noch 34 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer in ihm organisiert, sind es heute nur noch zwölf Prozent. Vetternwirtschaft, Korruptionsskandale und fortdauernde interne Streitereien ums Geld haben dem Ansehen der Gewerkschaften großen Schaden zugefügt. Und viele Amerikaner wollen sich gar nicht von ihnen vertreten lassen. Sie nutzen lieber Aktienoptionsprogramme oder andere Anreize für Leistungsträger, als auf soziale Verbesserungen für alle zu setzen.

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