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StartseiteSonntagsspaziergangAus für Eisenbahnliteratur31.08.2008

Aus für Eisenbahnliteratur

Der Abschied vom Kursbuch

Seit 1850, also seit den Gründerjahren des deutschen Eisenbahnnetzes, gibt es die pfundschweren amtlichen Kursbücher mit all den nationalen und internationalen Haupt- und Nebenverbindungen. Nun aber endet die Tradition diese Gattung Eisenbahnliteratur mit all den Stationsnamen, Ankunft- und Abfahrzeiten. Im kommenden Dezember wird die letzte Druckauflage eines Kursbuches der Deutschen Bahn entstehen.

Von Klaus Amann

Alle Bahnstrecken waren im Kursbuch vermerkt. Nun gibt es den Wälzer nur noch auf CD. (AP)
Alle Bahnstrecken waren im Kursbuch vermerkt. Nun gibt es den Wälzer nur noch auf CD. (AP)
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"Eisenbahn-Post-Dampfschiff - Coursbuch" nannte sich das erste amtliche Kursbuch, und es enthielt schon über 200 Eisenbahnlinien und Dampfschiffanschlüsse. Zwar gab es auch schon lange zuvor private Kursbücher von Postlinien wie zum Beispiel das der "Fürstlichen Thurn- und Taxischen Postverwaltung" oder jenes der "Berner Kantonalpost". Von Basel nach Bern - in nur 16 Stunden - für 16 Franken - ein holpriger Reiseluxus im Jahre 1823.

Das Prädikat "amtlich", also mit dem Segen der preußischen Verwaltung versehen, führte nun aber dazu, dass das Jahr 1850 als Geburtsjahr aller deutschen Kursbücher in die Bahngeschichte einging. Herausgegeben vom damaligen Generalpostamt Berlin. Logik und Struktur der Kursbücher sind dabei über 150 Jahre hinweg unverändert geblieben. Aus der Gebrauchsanweisung für das Kursbuch der Deutschen Reichspostverwaltung vom 1. Juli 1880:

In den Fahrplänen sind links von den Stationsnamen die Hinfahrten und rechts von den Stationsnamen die Rückfahrten angegeben. Die Rückfahrten sind von unten nach oben zu lesen.

Kursbücher erzählen Geschichte und Geschichten, aus der engeren Heimat und aus fremden, fernen Ländern.

Schnellzug Kairo - Alexandrien mit Pullmann-Wagons, Sommerfahrplan 1935: ab Kairo 6:45 Uhr, über Tanta, Sidi-Gaber, an Alexandrien 9:45 Uhr. Schlafwagen - Expresszug, ab Algier 21:23 Uhr, über Orleanville, an Oran 6:44 Uhr.

Längst am fernen Horizont mit einer letzten Dampfwolke in die Bahngeschichte eingegangen: Die großen Luxuszüge der zwanziger Jahre.

Orient-Express, dreimal wöchentlich, ab London-Victoriastation 11:20 Uhr, über Calais, Paris, Strasbourg, Karlsruhe, Stuttgart, München, Wien, Budapest, an Bukarest 18:30 Uhr - Fahrdauer drei Tage und zwei Nächte.

Oder der Bahnbetrieb in Kriegszeiten, wenn der Fahrplan durch Unberechenbarkeit, Willkür und Zerstörung durcheinander gerät. In den Kursbüchern des Zweitens Weltkriegs entdeckt man jedoch auch die fahrplanmäßigen Zugverbindungen nach Auschwitz.

Deutsches Kursbuch - Jahresfahrpläne 1944/45 - der Auslandsteil erscheint bis auf weiteres nicht!

In der Endphase der Naziherrschaft hatten die europäischen Kursbücher längst ihren Zweck verloren. Das Kriegsgeschehen machte den geordneten Bahnbetrieb unmöglich, zu viele der Geleise, Weichen, Brücken, Lokomotiven und Waggons waren durch die Bomben zerstört und unbrauchbar geworden. So heißt es im Reichsbahnkursbuch 1946:

Bis auf weiteres haben Reisende keinen Anspruch auf Beförderung. Wer auf Trittbrettern, Puffern oder Wagendächern reist, spielt mit seinem Leben und macht sich strafbar!

Wann fährt der nächste Zug, welche Bahnroute bringt mich zum Ziel meiner geplanten Reise? Fahrpläne mit all ihren Ankunfts- und Abfahrtszeiten wird es auch weiterhin geben, wenn die pfundschweren Buchexemplare auch in Zukunft der federleichten CD-Silberscheibe und den auf Festplatte gespeicherten Dateien weichen müssen. Der Eisenbahnreisende Loriot jedenfalls bleibt von den literarischen Qualitäten eines Kursbuches überzeugt.

Hier werden Dinge in einer Eindringlichkeit und Präzision beschrieben, die bisher in der schöngeistigen Literatur nicht zu finden waren. Der Autor zieht es vor, anonym zu bleiben. Das überrascht, denn bei aller Offenheit zeigt das Werk eine ungewöhnliche Reinheit der Sprache, und man sollte nicht zögern, es der heranreifenden Jugend in die Hände zu legen, um sie mit den ganz natürlichen Vorgängen des Lebens vertraut zu machen. Aber bitte, beurteilen sie selbst, ich beginne Seite 294. Germersheim - ab 12:36 Uhr! Westheim 12:42 Uhr! Lustert an 12:47 Uhr! Schon diese Stelle ist ein kleines Meisterwerk, ein nur scheinbar harmloses Zeugnis für die bestürzende Sachkenntnis des Verfassers. Und kurz darauf steigert sich das Werk zu einem seiner vielen dramatischen Höhepunkte: Landau ab 12:32 Uhr, Anweiler 12:46 Uhr, Pirmasens an 13:13 Uhr. Das ist fein beobachtet! Jedermann weiß, wie peinlich solche Stellen gerade bei Literaten minderer Qualität wirken können. Mit den Worten "in Saarbrücken Hauptbahnhof kann mit Anschluss nicht gerechnet werden", schließt das Werk. Es sollte in keinem Bücherschrank fehlen!

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