Kommentare und Themen der Woche 29.07.2020

Aus für WerkverträgeNicht nur ein Problem der FleischindustrieVon Volker Finthammer

Beitrag hören Eingepferchte Schweine in der Massentierhaltung. (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)Nun wurde das Aus für Werkverträge in der Fleischindustrie beschlossen: Ob sich wirklich fundamental etwas ändert, bleibt offen, kommentiert Volker Finthammer (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)

Nicht nur in der Fleischindustrie seien Werkverträge üblich, kommentiert Volker Finthammer. Die nun angestoßene Reform dürfe nur der erste Schritt hin zu einer weitergehenden Debatte auch für andere Branchen sein - denn Werkverträge würden zur Gewinnmaximierung weidlich ausgenutzt.

Machen wir uns nichts vor. Ohne die Corona-Pandemie, ohne den Lockdown in mehreren Landkreisen, der durch Infektionen in den örtlichen Fleischbetrieben ausgelöst wurde, wäre nichts passiert, wären die Bedingungen für die Mitarbeiter der Subunternehmen immer noch die gleichen, also mehr als bescheiden und das, obwohl die Sozialpolitiker der Koalition schon deutlich länger auf Verbesserungen in der Branche gedrängt haben. Allein, durchsetzen konnten sie sich bislang nicht. Dafür bedurfte es COVID-19.

Das Virus hat uns geradezu exponentiell vor Augen geführt, wie frühkapitalistisch die Verhältnisse in der Branche tatsächlich sind, die jetzt zumindest ein wenig gebändigt werden soll. Gebändigt ist das richtige Wort. Von Abstellen kann keine Rede sein. Denn das kommende Verbot von Subunternehmen sagt noch nichts darüber aus, ob es den Beschäftigten der künftigen Tochterunternehmen wirklich viel besser geht.

Vielleicht wenigstens bessere Wohnverhältnisse

Auch da bleibt der Mindestlohn die Konstante. Die Fließbänder werden nicht langsamer laufen, Akkordarbeit nach wie vor das Tagesgeschehen bestimmen. Aber vielleicht sorgen die angekündigten häufigeren Kontrollen dafür, das zumindest die Wohnverhältnisse aus der Frühzeit des Kapitalismus ein Ende finden.

Wissen können wir es nicht. Frühestens in einem Jahr wird man sehen, welche neue Umgehungstatbestände gesucht und gefunden werden, um möglichst billiges Fleisch zu trotzdem noch günstigen Produktionsbedingungen auf den Markt zu bringen.

Nicht nur ein Problem der Fleischindustrie

Subunternehmen sind aber nicht nur ein Problem in der Fleischindustrie. Dort fielen sie wegen der besonderen Dichte in den Unternehmen auf. Es gibt sie aber in vielen Bereichen der Wirtschaft und häufig genug aus als Einzelkämpfer wie etwa bei den Paketzustellern. Im Land der Billiglöhne - fast acht Millionen Beschäftigte arbeiten in Deutschland im Niedriglohnsektor - tragen sie maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg bei.

Mitarbeiter eines Schlachtbetriebs zerkleinern Fleisch (getty images / Stone RF) (getty images / Stone RF)Schlachthöfe in Europa - Billiges Fleisch, unhaltbare Zustände
Die erschreckend großen Zahlen der COVID-19-Fälle in Schlachthöfen haben ein Schlaglicht auf die prekären Zustände dort geworfen. Begonnen hat die systematische Ausbeutung von Arbeitsmigranten in deutschen Fleischfabriken – und sie hat sich in weiten Teilen Europas ausgebreitet.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Argumentation des CDU-Wirtschaftsrates, der die heutige Entscheidung als weiteren regulatorischen Mühlstein sieht, der die unternehmerische Freiheit beschränkt. Zeitarbeit und Werkverträge seien für Unternehmer in Deutschland ein zentrales Element, um die nötige Flexibilität zu erhalten und Spitzen abzufedern.

Werkverträge werden weidlich ausgenutzt

Klingt gut und so war es wohl auch mal gedacht. Nur dass es schon lange nicht mehr um die Spitzen geht, sondern dass die Werkverträge - wie in der Fleischbranche gesehen - fester Bestandteil für die Gewinnmaximierung sind und weidlich ausgenutzt werden.

Insofern kann die heute vom Bundeskabinett angestoßene Reform eigentlich nur der erste Schritt hin zu einer weitergehenden Debatte sein, die auch die anderen Branchen in den Blick nimmt, wo Werkverträge und Scheinselbständigkeit eine ähnliche Rolle spielen.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

 

 

 

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