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Aus Fukushima lernen

Mediziner entwickeln Programm zur Langzeitbeobachtung der Betroffenen

Epidemiologie. - UNSCEAR ist das wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen, das sich mit den Folgen ionisierender Strahlung befasst. Daher wurde das Gremium auch in Fukushima aktiv und gab den Behörden vor Ort Handlungsempfehlungen. Auf einem Treffen in Wien hat UNSCEAR jetzt den Grundstein gelegt, die Betroffenen des Reaktorunfalls langfristig zu beobachten, um Informationen über die Folgen der Strahlenbelastung zu erhalten.

Von Dagmar Röhrlich

Sperrzone um die Atomkraftanlage Fukushima (picture alliance / dpa)
Sperrzone um die Atomkraftanlage Fukushima (picture alliance / dpa)

Vom Strahlenschutz her seien bei Fukushima zwei Dinge positiv gelaufen, urteilt Wolfgang Weiss vom Bundesamt für Strahlenschutz und Vorsitzender der UNSCEAR:

"Was die Bevölkerung angeht, da ist es ja so, dass in Übereinstimmung mit den Verfahren, die man im Notfallschutz macht, die japanische Regierung sehr schnell evakuiert hat, in den 20 Kilometern, das ist positiv. Was bisher auch gemacht worden ist, das war eine Empfehlung, die wir unmittelbar nach dem Ereignis abgegeben haben: Es wurden etwa 1000 Kinder untersucht, was die Schilddrüsenaufnahme von Jod angeht."

Denn Tschernobyl lehrt, dass radioaktives Jod während der ersten Wochen die größte Gefahr darstellt - und dass Kinder am empfindlichsten darauf reagieren. Für diese Aktionen mitten im Chaos nach dem Tsunami gibt es Lob von den Strahlenschützern. Sie äußern jedoch auch Kritik, denn es lief nicht alles "nach Handbuch": So müsse, wer evakuiere, auch verhindern, dass belastete Lebensmittel verzehrt würden…

"Das zweite waren die Jodtabletten. Die wurden ja verteilt. Es ist aber bis heute, für mich jedenfalls, nicht 100 Prozent klar, ob die Leute sie auch genommen haben, ob man gesagt hat, nehmt sie nicht, wer sie genommen hat, was da passiert ist."

Außerdem offenbarte die Nuklearkatastrophe eine große Schwäche des japanischen Strahlenschutzes: das Fehlen eines engmaschigen Messnetzes für Radioaktivität:

"Wir haben nach Tschernobyl sehr viel Geld in die Hand genommen, in ganz Europa, und haben sowohl Messeinrichtungen als auch Methoden, um dann Ausbreitungsrechnungen zu entwickeln. Das ist in Japan in diesem Falle nicht gemacht worden, war weit weg. Das ist so. Und hat dann halt auch dazu geführt, dass am Anfang eben nicht die Methoden da waren und auch die Daten da waren, die man gerne gehabt hätte, um zum Beispiel ein Gebiet im Nordwesten wirklich sehr schnell auszumessen."

Mit einem gut ausgebauten Messnetz hätte etwa die Evakuierung in der Gegend um den Ort IItake schneller erfolgen können. Bei dem UNSCEAR-Treffen in Wien soll auch ein wissenschaftliches Messprogramm entworfen werden. Das soll erfassen, wie stark Menschen, Tiere und Umwelt belastet wurden. Weiss:

"Dies ist beim jetzigen Stand der Erkenntnis schwierig, weil die bisher mehrheitlich durchgeführten Messungen nicht dazu dienten, wissenschaftlich ausgewertet zu werden, sondern Grundlage waren, um Schutzmaßnahmen einzuleiten. Das ist ein Unterschied: für Schutzmaßnahmen braucht man qualitativ weniger anspruchsvolle Daten als für wissenschaftliche Untersuchungen."

So beruhigt zwar, dass bei keinem der untersuchten Kinder die Radiojod-Dosis über dem Grenzwert gelegen hat. Fraglich jedoch ist, ob die Qualität der Daten ausreicht, um die möglichen Folgen auch kleiner Dosen zu erkennen. Auch bei anderen Gruppen ist die Datenlage derzeit dürftig:

"Das Problem, was wir hier in Japan speziell haben, ist, dass es da bis zu fast 100.000 Menschen gab, die evakuiert worden sind, die zum Teil im Land verteilt worden sind. Und es wird schwierig sein, retrospektiv die ganzen individuellen, ja, Geschichten dieser Menschen nach zu verfolgen…"

… um daraus epidemiologische Schlüsse zu ziehen. Deshalb läuft in der Präfektur Fukushima eine Pilotstudie an den Personen, die wahrscheinlich die höchsten Expositionen erhalten haben. Diese Studie ist die Vorbereitung für die große epidemiologische Studie, die die Evakuierten erfassen soll. Auf jeden Fall müssten auch die Arbeiter näher untersucht werden. Einige von ihnen haben Dosen erhalten, die das Krebsrisiko erhöhen. Weiss:

"Die Unsicherheiten bestehen darin, dass da zum Teil nur externe Exposition gemessen wurde, dass man jetzt damit angefangen hat, auch Inkorporationen in Ganzkörperzählern zu messen, dass man die Gesamtdosis über biologische Dosimetrie ermitteln will, das wird noch einige Zeit dauern."

Im kommenden Jahr soll ein erster Bericht vorliegen, in zwei Jahren hofft UNSCEAR eine Abschätzung der Folgen von Fukushima fertig zu haben.

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