Samstag, 13. August 2022

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Aus- und Einwanderer-Theater

Bremerhafen ist eine Auswandererstadt - von hier aus sind über sieben Millionen Menschen ausgewandert. Die Suche nach dem verlorenen Heimatgefühl und die Neufindung der eigenen Identität in der neuen Heimat: diese Themen beschäftigen das Theaterfestival "Odyssee : Heimat" im Stadttheater.

Von Michael Laages | 07.06.2011

    Würden sie von den wirklichen Katastrophen der Welt berichten, die Abendnachrichten im Fernsehen, dann gäbe es jeden Abend von neuem neue Zahlen von der Hunger-Front in den globalen Todeszonen – und derweil kann eine einfache Supermarktkundin hierzulande schier verrückt werden mit Blick auf 100 Joghurt-Sorten oder mehr. Doch was kann sie schon dafür? In diesem Niemands- und Jedermanns-Land zwischen Wissen und Verdrängen, Verantwortung und Schuldgefühl siedelt der Schweizer Dramatiker Gerhard Meister das Stück an, das zur Eröffnung der "Odyssee : Heimat" in Bremerhaven uraufgeführt worden ist. Selbstbefragungen derer hat er gesammelt, die eigentlich Bescheid wissen (oder Bescheid wissen müssten) über das schreiend-alltägliche Unrecht in der angeblich globalisierten Welt – aber die Wirklichkeit des Elends erreicht sie nicht.

    "In meinem Hals steckt eine Weltkugel: So heißt das Stück. Vier mäßig individualisierte Theaterspielfiguren lässt Autor Meister darin (und in Erik Altorfers kompakter Inszenierung) reflektieren über die alltäglichen (und prinzipiell eher folgenlosen) Begegnungen mit dem unübersehbaren Ungleichgewicht der Welt – muss ich mein Handy wegschmeißen, weil ich weiß, wie und unter welch menschenunwürdigen Umständen der Werkstoff Coltan hineinkommt in das Gerät? Darf ich mich nicht mehr über den kleinen Dreck vor der eigenen Haustür aufregen, bloß weil weite Teile der Megamonstermetropolen weltweit versinken im ganz großen Dreck? Erst als der Schmerz unter die Haut (konkret: an die schadhafte Niere) geht, tritt eine der Figuren in Kontakt mit der Fremde.

    Herr X kauft sich in Indien eine Niere, mit dem Geld kann sich die Spenderin die Hochzeit leisten, bei der Herr X der Ehrengast ist. Kurz darauf stirbt die Braut – und auch für die Beerdigung hat das Nierengeld gerade so eben noch gereicht. In Eva Humburgs Bühnenkasten, frontal vollgemüllt mit Babypuppen, ist das ein herbes Finale für eine kleine, selbstquälerische Aufführung.

    Nur von fern allerdings erinnert sie an die Bremerhavener Auswanderer von vor 150 Jahren; aber, sagt Natalie Driemeyer, Mitglied der neuen Schauspieldirektion im Stadttheater:

    "Denjenigen, die damals ausgewandert sind, den sieben Millionen Menschen wurde ein Denkmal mit dem Auswandererhaus gesetzt und die Leute, die heute hierherkommen, die auch auswandern, aber eben nach Deutschland und nach Bremerhafen im Speziellen, die werden kriminalisiert, die illegalisiert werden, die immer kurz vor der Abschiebung stehen, das heißt, wie funktioniert das, dass wir uns in der Festung Europa abschotten, obwohl wir eigentlich genau die gleiche Biografie haben, nur damals gab es die Möglichkeit nach Amerika auszuwandern, heute macht die Festung Europa ihre Schotten dicht."

    Eine Dramatisierung von Franz Kafkas Amerika-Roman ist Teil der Bremerhavener Odyssee, Arabqueen und Arabboy, die beiden Migrationsfantasien von Nicole Oder aus dem Berliner Heimathafen Neukölln, werden noch bis Sonntag gezeigt und sogar die Produktion von Rimini Protokoll, die im vorigen Jahr für Europas Kulturhauptstädte Ruhr und Istanbul entstand. Das und noch viel mehr markiert die Spurensuche der Migration damals und heute. Starker Stoff – vielleicht zu stark für Bremerhaven, weitab der Trampelpfade des Kulturbetriebs? Ulrich Mokrusch, der neue Chef am Stadttheater, ist optimistisch:

    "Die Stadt ist ja sehr jung und das Theater trägt ja enorm zur Identitätsbildung bei. Das merkt man seit 100 Jahren. Wir werden ja 100 Jahre alt in diesem Jahr und das ist wunderbar, weil es eine große Neugier und eine große Offenheit gibt. Das Reservoir an neu zu Gewinnenden ist nicht so groß und die Bildungsbürgerschicht hier in dieser Stadt, die ja eine klassische Arbeiterstadt ist, ist ja auch nicht so groß. Ich bin schon sehr glücklich, wenn mich - wie neulich geschehen - ein 88-jähriger Abonnent umarmt und sagt: Ich gehe seit 57 Jahren in dieses Theater, aber das finde ich ganz toll, ich kenne hier gar nichts und aber ich freue mich jeden Tag."

    Informationen:
    Odyssee : Heimat im Stadttheater Bremerhaven