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StartseiteKommentare und Themen der WocheFortschritt im Schneckentempo31.07.2021

Ausbau der Windkraft Fortschritt im Schneckentempo

Bei der Windkraft müsse sich das Ausbautempo in den nächsten Jahren mindestens verdoppeln, kommentiert Georg Ehring. Die Politik habe die Hindernisse für den Ausbau aber längst nicht ausgeräumt.

Ein Kommentar von Georg Ehring

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Windräder stehen hinter den Solarzellen einer Solarkraftanlage (picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand)
Der Ersatz von Kohle und Gas vor allem durch Wind- und Solarenergie muss viel schneller kommen als bisher geplant, meint Georg Ehring (picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand)
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Welche Folgen unterlassener Klimaschutz hat, das mussten die Menschen in den Hochwassergebieten vor allem im Westen Deutschlands gerade hautnah erfahren. Die Wissenschaft ist sich einig darüber, dass die Erderwärmung auch bei extremen Regenfällen ihre Hände im Spiel hat – genau wie bei den Hitzewellen mit verheerenden Waldbränden jüngst in Nordamerika, Sibirien und jetzt in Griechenland. Viele Menschenleben sind zu beklagen – und Verluste in Milliardenhöhe.

Ausbau der Windenergie hat sich beschleunigt

Doch es tut sich etwas, zumindest in Deutschland: Der Ausbau der Windenergie hat sich im ersten Halbjahr 2021 beschleunigt. 240 neue Windräder wurden an Land aufgestellt, das sind rund 60 Prozent mehr als vor einem Jahr. Auf den ersten Blick ist das ein deutlicher Zuwachs. Doch bei näherem Hinsehen kann einem die Freude darüber vergehen – es ist ein Fortschritt im Schneckentempo. Denn trotz der Beschleunigung reicht der Windkraftausbau bei weitem nicht aus, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Zum Ende des Jahrzehnts will Deutschland zwei Drittel seines Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen. Die CO2-Emissionen sollen bis dahin um 60 Prozent unter den Stand von 1990 gedrückt werden, bis 2045 soll unser Land klimaneutral sein. Diese höheren Zielmarken haben sich Bundesregierung und Bundestag nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Frühjahr gesetzt und sie stehen für neuen Ehrgeiz beim Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

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Solche Ziele sind allerdings wertlos, wenn die Umsetzung fehlt. Der entscheidende Hebel ist hier der Ersatz von Kohle und Gas vor allem durch Wind- und Solarenergie. Er muss viel schneller kommen als bisher geplant. Erstens deshalb, weil die Stromerzeugung bei uns heute noch die größte Quelle von klimaschädlichen Treibhausgasen ist. Zwar kommt mittlerweile rund die Hälfte unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen. Doch die haben zunächst vor allem die ebenfalls CO2-günstige Atomkraft ersetzt, das schmälert ihren Klimabeitrag.

Klimaschutz führt zu mehr Strombedarf

Der zweite Grund für einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren ist der Umstand, dass Klimaschutz in anderen Bereichen zu mehr Strombedarf führt. Zu Buche schlagen vor allem die Einführung des Elektroautos, der Ersatz von Gas- und Ölheizungen durch Wärmepumpen und die Elektrifizierung von Industrieprozessen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier musste kürzlich einräumen, dass er den zu erwartenden zusätzlichen Stromverbrauch bisher grob unterschätzt hat. Gelingt es nicht, genügend Windräder aufzustellen, dann besteht die Gefahr, dass das Ende der Braunkohle-Verfeuerung sich tatsächlich bis zum Jahr 2038 zieht. Dieses im internationalen Vergleich sehr späte Datum steht zwar im Kohle-Kompromiss, es verträgt sich aber nicht mit den deutschen Klimazielen.

Bei der Windkraft muss sich das Ausbautempo in den nächsten Jahren mindestens verdoppeln. Doch die Politik hat die Hindernisse für den Ausbau längst nicht ausgeräumt. Da sind Abstandsregeln zur Wohnbebauung, die die zur Verfügung stehenden Flächen für neue Windräder drastisch einschränken. Besonders groß sind die geforderten Abstände in Bayern, wo fast gar keine Windräder mehr gebaut werden – allen Klima-Bekenntnissen von CSU-Ministerpräsident Markus Söder zum Trotz. Dazu kommen bürokratische Hemmnisse, die die Planungszeit verlängern. Naturschutz-Auflagen werden zur Verhinderung des Ausbaus missbraucht, dabei ließen sich zum Beispiel die berechtigten Belange des Vogelschutzes vielfach auch mit Abschaltzeiten berücksichtigen. Erforderlich ist schließlich ein klarer Plan für den Ausbau: Windpark-Projekte werden durch Ausschreibungen vergeben und deren Menge zu erhöhen, ist Sache der Regierung.

Klimaziele des Pariser Abkommens werden wohl nicht eingehalten

Die bisherige Bundesregierung hat sich leider weitgehend darauf beschränkt, höhere Ziele im Klimaschutz zu setzen. Die Nachfolgerin wird sagen müssen, wie sie sie umsetzen will. Ein schnellerer Ausbau von Windkraft und auch der Photovoltaik muss dabei im Mittelpunkt stehen.

Im November will die Staatengemeinschaft bei einem Klimagipfel im schottischen Glasgow Bilanz ziehen. Schon jetzt ist absehbar, dass kaum ein Land genug tut, um das Klimaziel des Pariser Abkommens einzuhalten – auch die erhöhten Ziele Deutschlands reichen noch nicht. Das ist ein weiterer Grund, beim Ausbau der Windenergie schneller zu werden.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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