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StartseiteTag für Tag"Holt die Leute ab, wo sie sind"09.01.2020

Ausbildung liberaler Rabbiner in den USA"Holt die Leute ab, wo sie sind"

Das Reformjudentum ist die größte jüdische Strömung in den USA, und in Cincinnati liegen ihre Ursprünge. Doch obwohl junge liberale Jüdinnen und Juden oft nur schwer für die Gemeinden zu gewinnen sind: Der Rabbiner-Nachwuchs am Hebrew Union College bleibt zuversichtlich. Ein Besuch.

Von Gesine Dornblüth

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Ein Schild auf dem Campus des Hebrew Union Colleges in Cincinnati (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
Im Hebrew Union College werden Reformrabbiner ausgebildet (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
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Ein Seminar für Textanalyse am Hebrew Union College in Cincinnati, dem Ausbildungszentrum für Reformjuden in den USA. Sieben Frauen und fünf Männer beugen sich über ihre Notizbücher.

Sie alle wollen Rabbiner werden. Libby Fisher stützt den Kopf auf die Hand. Sie ist 27 und stammt aus einer religiösen Familie in Chicago. Als Kind ging sie jeden Freitagabend in die Synagoge.

"In den Vorbereitungsstunden für die Bat Mizwa haben mir Rabbiner und Kantoren gesagt, dass ich eine gute Geistliche abgeben würde. Ich war gut in Hebräisch, und ich hatte eine schöne Stimme. Ich fühlte mich geschmeichelt und dachte, die sind verrückt. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen."

Das änderte sich, als sie in einem jüdischen Ferienlager organisatorische Aufgaben übernahm.

"Dort musste ich mit Rabbis, Kantoren und Erziehern zusammenarbeiten. Im Ferienlager tragen Rabbis und Kantoren kurze Hosen. Sie spielen Fußball. Da habe ich entdeckt, dass Rabbiner nicht nur eine Berufsbezeichnung ist, sondern dass das echte Menschen sind, die ein echtes Leben führen. Und da habe ich kapiert, dass ich so etwas auch könnte."

Rabbiner - "ein cooler Job"

Wer sich am Hebrew Union College zum liberalen Rabbiner ausbilden lässt, muss zuvor ein anderes Studium abgeschlossen haben. Libby Fisher hat Religion und Musik studiert, ihr Kommilitone Ross Levi Religion und Philosophie. Der 25-Jährige hat schon früh davon geträumt, Rabbiner zu werden.

"Als Kind siehst du in der Synagoge, wie der Rabbi irgendwelche Dinge tut. Je älter ich wurde und je stärker ich mich für mein jüdisches Erbe zu interessieren begann, umso klarer wurde mir, dass das eigentlich ein cooler Job ist: Du hilfst, Gemeinden aufzubauen, du unterrichtest, du lernst selbst, und du bist mit Menschen zusammen - in ihren schönsten, aber auch in ihren schwierigsten Lebenslagen. Und damit kannst du sogar deinen Lebensunterhalt verdienen."

"Wir werden von Vernunft geführt"

Seit Isaac Mayer Wise, der Vater des Reformjudentums in den USA, das Hebrew Union College in Cincinnati vor bald 150 Jahren gründete, haben es stets Rabbiner geleitet. Im vergangenen Herbst wurde der erste Nicht-Geistliche Präsident: Andrew Rehfeld, Professor für Politologie. Rehfeld hat klare Vorstellungen davon, was das Reformjudentum ausmacht:

"Erstens: In unserer Auseinandersetzung mit der Welt, in unserer Konfrontation mit dem Göttlichen, werden wir von Vernunft geführt, von Wissenschaft und Argumenten. Wir glauben nicht daran, dass Gott Moses auf dem Berg Sinai die Tora gegeben hat. Das ist keine reale Tatsache, es ist eine Geschichte. Zweitens: Wir sind moralisch autonom und tragen Verantwortung für die Entscheidungen, die wir treffen."

Andrew Rehfeld an seinem Schreibtisch im Hebrew Union College in Cincinnati (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)Andrew Rehfeld ist im Gegensatz zu allen bisherigen Leitern des Colleges kein Rabbiner (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)

Deshalb sei es die religiöse Pflicht eines Reformjuden, zum Beispiel die globale Erderwärmung anzuerkennen, sagt Rehfeld. Wichtig ist für ihn auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, auf den er aber zugleich jüdische Identität nicht reduziert sehen will.

"Ich denke, als Nachfahren der Opfer haben wir eine besondere Verantwortung, die Erinnerung wachzuhalten. Aber wir sollten uns nicht allein auf den Holocaust konzentrieren. Er ist Teil von uns, aber unsere Identität sollte vor allem auf Freude an unserer Tradition, an unserem Volk, unserer Geschichte, unseren Schriften beruhen."

Yoga in der Synagoge

Eine zentrale Frage, die Lehrende und Studierende am Hebrew Union College beschäftigt, lautet: Wie können reformorientierte Juden Religiosität leben, wenn sie immer säkularer werden? Diese Frage hätten sich reformorientierte Rabbiner schon immer gestellt, erläutert Gary Zola, Professor für Geschichte des amerikanischen Reformjudentums.

"Im orthodoxen Judentum ist das anders, da ist es Gesetz, da musst du in die Synagoge. Aber wenn du mit einer Gemeinde zu tun hast, die nicht glaubt, dass all diese Gesetze wörtlich von Gott gegeben wurden, wie bringst du sie dann jede Woche in die Synagoge?"

Von Reformrabbinern sei Kreativität gefordert, sagt Zola, immer schon.

"Wissen Sie, was die Definition von Irrsinn ist? Immer wieder das Gleiche zu tun und zu erwarten, dass etwas anderes dabei herauskommt. Wenn du die Menschen nicht erreichst, dann musst du neue Wege finden."

Eine Informationstafel im Hebrew Union College in Cincinnati zeigt Isaac Mayer Wise (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)Isaac Mayer Wise gilt als Begründer des amerikanischen Reformjudentums (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)

Zola nennt Beispiele. Einige Reformrabbiner hätten schon vor Jahren begonnen, die Tora während der Feier am Freitagabend zu lesen.

"Das widerspricht der jüdischen Tradition total. Die Tora wurde immer am Morgen des Schabbat gelesen. Aber die Rabbiner haben gemerkt: Am Samstag kommt niemand, also machen wir das am Freitagabend. Jetzt haben einige Synagogen Yoga-Gottesdienste eingeführt. Wenn dir der normale Gottesdienst nicht zusagt, kannst du dorthin gehen. Oder zu einer Debattiergruppe."

Der Rabbi bringt Bagels vorbei

Zola erzählt von der Zeit, als er selbst in der Rabbinerausbildung war. Damals betreute er eine kleine Gemeinde in West Virginia.

"Es waren etwa 35 Mitglieder. Nach meinem ersten Freitagabend-Gottesdienst ging ich zum Vorsitzenden der Gemeinde und fragte: Was soll ich morgen machen? Er holte einen Stadtplan raus und meinte: Sie kommen zu uns in unsere Läden. Ich fand, das klang nicht richtig. Ich tat es aber. An der ersten Ladentür wurde ich allen Angestellten vorgestellt. Dann sagten sie: Rabbi, kommen Sie her. Sie brachten mich hinter den Tresen, in einen kleinen Raum, und dort lagen das Schabbatbrot und zwei Kerzen bereit. Sie sagten: Rabbi, würden Sie die Kerzen anzünden und mit uns beten. Das ging in jedem Laden so.

Nachdem ich das ein Mal gemacht hatte, sagte ich: Wie wäre es, wenn ich nächstes Mal frische Bagels mitbringe, und ihr kommt um acht Uhr morgens zu mir in die Synagoge zum Reden. Bis viertel nach neun sind wir fertig, ihr schafft es dann immer noch, rechtzeitig um zehn eure Läden aufmachen. Am Ende kamen sechs, sieben Leute morgens in die Synagoge. Und das sage ich auch meinen Studenten: Holt die Leute dort ab, wo sie sind. Und findet raus, wie ihr ihnen verständlich machen könnt, was die Tradition ihnen zu bieten hat."

Die Menschen mit dem erreichen, was ihnen wichtig ist

Auch die angehende Rabbinerin Libby Fisher ist zuversichtlich, dass sie besonders zu jungen Juden einen Draht finden wird.

"Man kann sagen: Ihr sorgt euch um soziale Gerechtigkeit? Unsere Gemeinde tut viel auf dem Gebiet, zusammen mit lokalen Partnerorganisationen. Warum macht ihr nicht einfach mit bei unserer Kampagne für eine Reform des Strafrechts? Wenn Menschen dadurch in Kontakt mit der Synagoge kommen, dann machen sie vielleicht auch bei anderen Sachen mit."

Doch auch wenn die jungen Leute wegbleiben: Um ihre berufliche Zukunft müssten sich die angehenden Rabbiner keine Sorgen machen, meint Ross Levi. Denn das Reformjudentum ist die größte jüdische Bewegung in den USA.

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