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StartseiteCampus & Karriere"Wir können uns Diskriminierung nicht leisten"26.11.2015

Ausbildung und Migration"Wir können uns Diskriminierung nicht leisten"

Der Migrationsforscher Andreas Pott hat im Deutschlandfunk die große Bedeutung von Bildung und Ausbildung für die Integration betont. Dass es Jugendlichen mit Migrationshintergrund oft schwerer falle, einen Ausbildungsplatz zu finden, liege nicht an fehlender Motivation. "Wir stoßen immer wieder auf Diskriminierungszusammenhänge - und das ist etwas, was wir uns überhaupt nicht leisten können."

Andreas Pott im Gespräch mit Jörg Biesler

Schülerin mit Migrationshintergrund meldet sich im Unterricht (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Schüler mit Migrationshintergrund werden von ihren Lehrern oft unterschätzt (dpa / Waltraud Grubitzsch)
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Jörg Biesler: Das deutsche Ausbildungssystem ist ein Exportschlager, die duale Ausbildung ist in den letzten Jahren von vielen Ländern übernommen worden. Dennoch gelingt es auch diesem System nicht, jeden zu integrieren. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund scheint es besonders schwierig zu sein, die Grundlage zu legen für den Beruf, und damit ja auch für eine gewisse Solidität im Leben.

Heute tagt in Berlin eine Konferenz zu Ausbildung und Migration, organisiert von den entsprechenden Servicestellen des Bundesbildungsministeriums. Professor Andreas Pott ist einer der Vortragenden und zugleich Direktor des Instituts für Migrationsforschung und interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Guten Tag, Herr Pott!

Andreas Pott: Guten Tag!

Biesler: Wieso fällt es eigentlich Jugendlichen mit Migrationshintergrund – das ist ja das Attest, das dieser Konferenz zugrunde liegt – oft schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden?

Pott: Ich glaube, wir sollten zunächst festhalten, dass es vielen sehr gut gelingt und sehr erfolgreich gelingt, in die Berufsausbildung einzusteigen und dann eben auch ganz hervorragend abzuschließen und in den Arbeitsmarkt überzugehen. Aber wir erkennen im Vergleich zu Personen ohne familiäre Migrationsgeschichte Schwierigkeiten im Übergang zwischen Schule und Ausbildungssystem.

Und das liegt interessanterweise nicht an Schulabschlüssen, teilweise liegt es an Unkenntnis über die Ausbildungsbereiche, aber es liegt vor allen Dingen auch nicht an fehlender Motivation.

Wir kennen starke Ausbildungs- und Bildungsaspiration in der Bevölkerung mit Migrationserfahrung, sodass wir annehmen müssen, dass auch Diskriminierung eine Rolle spielt. Das gilt nicht für alle Unternehmen, das ist sehr unterschiedlich, aber wir stoßen immer wieder eben auch auf Diskriminierungszusammenhänge. Und das ist natürlich etwas, was wir uns überhaupt nicht leisten können.

"Wir müssen verschiedene Hürden und Ängste überwinden"

Biesler: Ja, es ist aus mehreren Gründen ja wünschenswert, dass möglichst viele und gerade eben auch Jugendliche mit Migrationshintergrund nach der Schule eine Ausbildung machen, in einen Beruf kommen, einerseits kann das natürlich unglaublich bereichernd sein, wenn da auch fremde Einflüsse mit einfließen in die Arbeit, am Arbeitsplatz, da entdeckt man vielleicht noch mal ganz neue Perspektiven, aber es gibt auch Bedenken, dass gerade Jugendliche, die nicht integriert werden auf berufliche Weise, dass die möglicherweise empfänglicher sind für Extremismus.

Pott: Die Brücke bis zum Extremismus ist natürlich eine sehr weite und teilweise auch etwas gewagte, aber natürlich, das Ausbildungssystem wie das Bildungssystem insgesamt ist ein extrem wichtiges Medium der Integration, der gesellschaftlichen Integration. Also, um erfolgreich an der Gesellschaft teilzunehmen und die Voraussetzung für autonome Lebensführung zu schaffen, braucht man die entsprechende Bildung und Ausbildung in unserer Gegenwartsgesellschaft, und das erfolgt zu einem großen Teil eben auch im Ausbildungssystem, auch in der dualen Ausbildung.

Und das gelingt eben auch sehr vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, vor allen Dingen denjenigen, denen eine Möglichkeit gegeben wird. Wir sehen, dass diejenigen, die Ausbildungsplätze bekommen, sehr erfolgreich diese Zeit durchlaufen, dann sehr häufig und teilweise häufiger als Jugendliche ohne Migrationshintergrund übernommen werden von den Betrieben, weil sie eben motiviert sind und ihre Sache sehr, sehr gut machen.

Vielfalt, auch kulturelle Vielfalt spielt teilweise eine Rolle und wird sehr häufig dann eben auch als Potenzial erkannt von denjenigen Betrieben und Unternehmen, die sich darauf einlassen.

Und ich glaube, das ist eine der größten Herausforderungen und Baustellen, dass wir da verschiedene Hürden und Ängste auch überwinden müssen. Denn dass die Gesellschaft eine Migrationsgesellschaft ist, die in vielen Teilen, in vielen Regionen auch von der Bevölkerungsstruktur sich massiv ändert und eben zu Situationen führt, wo ein Migrationshintergrund vollkommen normal ist, das, glaube ich, steht außer Frage.

Biesler: Jetzt gibt es eine ganze Menge Ansätze, das aufzunehmen und den Übergang zu erleichtern, das ist das Thema der Konferenz auch heute, sich auszutauschen. Was sind denn mögliche Ansätze, wie kann man es denn erleichtern?

Pott: Ja, ein Ansatz, der mit den sogenannten KAUSA-Servicestellen ja auch schon praktiziert wird, ist, das Übergangsgeschehen regional zu bündeln und regional die verschiedenen Beteiligten, die Akteure zusammenzubringen. Was bisher nur punktuell gelingt, ist, tatsächlich Unternehmen und Betriebe zu gewinnen, sich an dieser, ich möchte fast sagen: gesellschaftspolitischen Aufgabe zu beteiligen. Das gelingt sehr unterschiedlich. Große Unternehmen laden auch Personen mit Migrationshintergrund viel selbstverständlicher zu Vorstellungsgesprächen ein als mittlere und kleine. In Städten gelingt es besser als im ländlichen Raum.

Da muss man ran. Und was da sehr hilft, sind Geschichten Einzelner, die ganz erfolgreich das schon praktizieren und sehr gute Erfahrung damit gemacht haben.

Biesler: Jetzt kommen die Flüchtlinge in großer Zahl ins Land und damit ja noch eine besondere Herausforderung für Menschen, die sie integrieren wollen, die Flüchtlinge nämlich, in das Ausbildungssystem. Denn bei den Flüchtlingen kann man ja naturgemäß keine deutsche Schulbildung voraussetzen, die kommen mit sehr unterschiedlichen, individuellen Voraussetzungen. Wie kann man da überhaupt tätig werden?

Pott: Ja, das ist in der Tat eine ganz große Aufgabe, das ist uns ja allen bewusst. Also, Sprachkurse, der Bund gibt ja auch schon viel Geld für das Anbieten von Sprachkursen, die müssen natürlich begleitet werden auch oder integriert werden in Ausbildungsverhältnisse. Das ist eine Aufgabe, die natürlich auch immer Schwierigkeiten hervorbringen wird, aber es wird kein anderer Weg daran vorbeigehen, als möglichst schnell auch in die berufliche Ausbildung zu integrieren.

Denn das ist sozusagen der beste Garant für erfolgreiche Integrationsprozesse. Möglichst nicht damit warten! Und das wird Geld kosten, vollkommen klar, aber jeder Euro, der jetzt investiert wird, den werden wir sparen können später an Reparaturmaßnahmen und Korrekturmaßnahmen.

Biesler: Professor Andreas Pott vom Institut für Migrationsforschung der Universität Osnabrück zum Bundeskongress Ausbildung und Migration. Danke schön!

Pott: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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