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StartseiteKommentare und Themen der WocheWeiter im Kontinuum der Krisen03.01.2021

Ausblick auf 2021Weiter im Kontinuum der Krisen

Der krisenhafte Epochenwandel wird nach 2020 und nach Corona noch nicht vorbei sein, meint Stephan Detjen. Klimakrise und leere Kassen werden wieder Thema, der Systemwettkampf zwischen Autoritarismus und liberaler Demokratie weltweit in aller Härte weitergehen.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Vier Personen stehen auf einem Feld und schreiben mit Wunderkerzen die Jahreszahl "2021" in den Abendhimmel (Langzeitbelichtung, gestellte Aufnahme). (dpa/Patrick Pleul)
Das Jahr startet mit Hoffnung im Kampfen gegen Corona. Aber es sind noch weitere Krisen zu bewältigen, kommentiert Stephan Detjen. (dpa/Patrick Pleul)
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Es wird ein Jahr der politischen Einschnitte und Zäsuren sein. Gleich zu Beginn hat sich das Vereinigte Königreich endgültig von der Europäischen Union abgekoppelt. In zwei Wochen wird Donald Trump das Weiße Haus verlassen, voraussichtlich gegen Ende des Jahres Angela Merkel das Kanzleramt in Berlin. Und wenn alles sehr gut läuft, ist im Spätsommer das Virus besiegt. Wird Corona 2021 tatsächlich Vergangenheit geworden sein, wäre das für viele gewiss die am unmittelbarsten spürbare und heute am innigsten ersehnte Zäsur im neuen Jahr.

Krisenhafter Epochenwandel

Doch alle Endpunkte und Neuanfänge, die schon an seinem Anfang absehbar sind, werden sich einfügen in ein größeres und andauerndes Kontinuum des krisenhaften Epochenwandels. Wenn Joe Biden am 20. Januar den Amtseid als 46. Präsident der USA leistet, wird die Welt nicht repariert sein. Trump war kein politischer Blechschaden der Demokratie, der sich einfach mal ausbeulen lässt. Das Ringen um die Zukunft und Gestalt liberaler Demokratien wird weltweit in aller Härte weitergehen. Putin, Erdogan und Orban sind noch da, Trump kommt vielleicht wieder. Und am wirksamsten verkörpern Xi Jinping und die Kommunistische Partei Chinas den machtvollen Gegenentwurf eines autoritären Kapitalismus im 21. Jahrhundert.

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Das wurde auch in der Corona-Bekämpfung deutlich. Liest man die Tabellen nationaler Infektions- und Todeszahlen in der Pandemie als Messgrößen in einem globalen Systemwettbewerb, ist ein gutes Jahr nach dem Ausbruch der Seuche nicht wirklich klar, wer die Sieger und wer die Verlierer sind. Es wird im Rückblick der kommenden Monate auch hierzulande noch darüber diskutiert werden, ob es die Innovationskräfte und individuelle Veränderungsbereitschaft in offenen Gesellschaften waren oder die Macht- und Kontrollinstrumente autoritärer und kollektivistischer Systeme, die effektiver im Kampf gegen das Virus wirkten.

Container stapeln sich vor Verladekränen im Hafen von Piräus, Griechenland. Der Hafen ist mehrheitlich im Besitz von China Ocean Shipping Company (COSCO), der drittgrößten Containerschiff-Reedereien der Welt. Das Unternehmen ist ein volkseigener Betrieb der Volksrepublik China mit Sitz in Peking. Im Oktober 2009 mietete Griechenland die Docks 2 und 3 von PPA für einen Zeitraum von 35 Jahren an COSCO . Für seine Präsenz im Hafen zahlt COSCO jedes Jahr 100 Millionen Euro. (Eurokinissi) (Eurokinissi)Wie Corona den Welthandel verändert
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Klimakrise und leere Kassen

Ist die Pandemie einmal vergangen, wird wieder ins Bewusstsein rücken, dass unsere Zukunft nach wie vor die Klimakrise ist. Im Sommer wird das in Deutschland beim Blick auf Bäume und Wälder wieder schmerzlich ins Auge stechen. Zugleich wird erst im Verlauf des Jahres die ökonomische Schadensbilanz der Corona-Krise in ihrem ganzen Ausmaß berechenbar sein. Die neue Bundesregierung, die voraussichtlich im Winter ins Amt kommt, wird dann mit leeren Kassen wirtschaften müssen. Nach einem Jahr, in dem vor allem die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats mit seinem Gesundheitssystem und astronomischen Hilfszahlungen neue Wertschätzung erfuhr, wird es deshalb auch wieder darum gehen müssen, die Kräfte von Selbständigen, mittelständischen Unternehmen und der Industrie zu revitalisieren.

Eine Frau geht mit Einkaufstaschen durch die Kölner Fußgängerzone in der Schildergasse (picture alliance/dpa/Oliver Berg) (picture alliance/dpa/Oliver Berg)Ökonom erwartet Wachstum in 2021
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Kraft der Migrationsgesellschaft

In ihrer Neujahrsansprache hat Angela Merkel darauf hingewiesen, dass der Durchbruch zur Überwindung der Coronakrise mit einem in Deutschland entwickelten Impfstoff gelang. Merkel nannte die Namen der Mainzer Unternehmensgründer Uğur Şahin und Özlem Türeci als Beleg für die Kraft, die aus der Vielfalt der Migrationsgesellschaft erwächst. Thilo Sarazin und seinen Anhängern mag das in den Ohren klingen, wenn sie demnächst bei der Impfung mit dem Biontech-Impfstoff an der Reihe sind. Was aber auch in Erinnerung bleiben und Bewusstsein für die Potentiale dieser Gesellschaft prägen sollte, ist die Tatsache, dass ein privates Unternehmen der oft verachteten Pharmaindustrie mit einem Verfahren der gerade in Deutschland misstrauisch regulierten Gentechnologie einen Ausweg aus der globalen Pandemie bahnte.

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Der Mensch sei in der Lage, bestimmte Gefährdungen als Risiken wahrzunehmen und auf diese zu reagieren, sagte der Soziologe Armin Nassehi im Dlf. Die Pandemie zeige aber auch, wo die Grenzen des Kalkulierbaren seien.

Krisen stellen die Frage, wer wir sind

Die Beispiele illustrieren, vor welchen Abwägungen die Politik in diesem Jahr stehen wird, wenn sie Lehren aus einer Krise ziehen will, die zugleich auch Schlüssel zur Bewältigung andauernder und neuer Herausforderungen sein sollen. Krisen lassen sich dabei als identifikatorische Herausforderungen verstehen. Sie konfrontieren Gesellschaften und jeden Einzelnen mit der Frage: Wer bist Du? Wer willst Du sein? Was kannst Du für andere leisten?

Das Bild zeigt ein kaputtes Wahlplakat von Angela Merkel. (picture alliance / dpa / Jens Büttner) (picture alliance / dpa / Jens Büttner)CDU vor Bundesparteitag und Bundestagswahl
Die Pandemie verhinderte bisher die Wahl eines Nachfolgers von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Das Umfragehoch übertüncht, dass die Partei für junge Wähler wenig attraktiv ist, sich schwer tut mit moderner Frauen- und Klimapolitik.

Zu den ersten, die diese Frage als politische Selbstbestimmung in Deutschland beantworten müssen, gehören die 1.001 Delegierten der CDU, die in zwei Wochen einen neuen Vorsitzenden ihrer Partei wählen. Nur vordergründig geht es dabei um die Nachfolge Annegret Kramp-Karrenbauers. Tatsächlich verhandelt die Partei über das Erbe Angela Merkels, dessen ganze Dimension im letzten Jahr noch einmal greifbar wurde. Merkel hat als Krisenpolitikerin verlorenes Vertrauen in die Regierung und ihre Partei zurückgewonnen. Die Sehnsucht nach einer tiefen Zäsur und Neuorientierung, die Teile der CDU noch vor einem Jahr bewegte und andere dazu veranlasste, nach radikalen Alternativen für Deutschland zu rufen, ist nicht verflogen, aber deutlich gedämpft.

2021 sind alle gefragt

Ob diese Stimmungslage bis zum Herbst anhält, ist offen. Zu den Lehren des vergangenen Jahres gehört einmal mehr die Erkenntnis, wie wechselvoll die Geschichte in ihrem atemberaubend beschleunigten Takt verläuft. Im September aber, das ist absehbar, werden alle Wahlberechtigten in Deutschland gefragt sein, ihre Erfahrungen und Lehren aus den vergangenen Krisenjahren in Wahlentscheidungen umzuwandeln. Fällt die Wahl mit dem Ende der Pandemie in Deutschland zusammen, ist es möglich, diese Krise auch als Chance für eine Selbstbesinnung und –bestimmung der Demokratie zu nutzen.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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