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StartseiteForschung aktuellAusgedehnte Wärmeperiode10.02.2006

Ausgedehnte Wärmeperiode

20. Jahrhundert ist doch Zeit des stärksten Temperaturanstiegs seit 1200 Jahren

Klimaforschung. – Die Gretchenfrage der Klimaforscher lautet: Ist der Temperaturanstieg der vergangenen 150 Jahre außergewöhnlich, oder hat es vergleichbares schon vorher gegeben. Englische Biologen sagen jetzt nach Auswertung von zahlreichen Klimaarchiven der nördlichen Halbkugel, dass es vergleichbares wie in jüngster Zeit seit 1200 Jahren nicht gegeben hat.

Von Volker Mrasek

Die "canicule" in Frankreich war doch Zeichen für eine außergewöhnliche Klimaerwärmung. (AP)
Die "canicule" in Frankreich war doch Zeichen für eine außergewöhnliche Klimaerwärmung. (AP)

Der Biologe Keith Briffa gehört zu den Leuten, die aus den Wachstumsringen von Bäumen lesen können. Sind die Pflanzen uralt und gut erhalten, dann taugen sie als historisches Klimaarchiv: Die Ringe sind wie ein Jahreskalender; ihre Dicke verrät etwas über frühere Außentemperaturen. Für seine neue Studie zog Briffa eine Reihe solcher Baumring-Archive heran. Die meisten davon aus Nordamerika, andere aus Europa und Asien. Auch die Daten von Eisbohrkernen aus Grönland flossen mit ein und historische Aufzeichnungen aus den Niederlanden. Am Ende waren es 14 Klimaarchive aus der ganzen nördlichen Hemisphäre, von denen Briffa sagt, sie seien besonders vertrauenswürdig. Alle reichen über tausend Jahre in die Vergangenheit. Briffa:

"”Ich würde nicht sagen, dass wir etwas Weltbewegendes zustande gebracht haben. Es ist ja nicht das erste Mal, dass jemand diese Klimaarchive auswertet. Aber unser Ansatz ist ein neuer. Bisher hat man versucht herauszufinden, wie warm es in früheren Jahrhunderten war und das dann mit heute verglichen. Uns interessierte dagegen die räumliche Ausdehnung von Erwärmungen und Abkühlungen. Wir wollten wissen, ob sie sich in allen Archiven wiederfinden, oder ob es sie nur in Teilen der nördlichen Hemisphäre gegeben hat.”"

Auch unter diesem Gesichtspunkt zeigte sich: Keine Klimaerwärmung in den letzten zwölfhundert Jahren war wohl so stark ausgeprägt wie die heutige. Timothy Osborn, Koautor der neuen Studie und wie Keith Briffa Forscher an der Universität von East Anglia in Norwich:

"”Nur im 20. Jahrhundert gibt es Zeitabschnitte, in denen alle 14 Klimaarchive übereinstimmend eine Erwärmung zeigen. In früheren Jahrhunderten sehen wir kein so einheitliches Signal. Das heißt: Zu keiner Zeit seit dem Jahr 800 gibt es so überzeugende Hinweise auf eine ungewöhnliche Temperaturzunahme wie heute.”"

Ihr Augenmerk richteten die englischen Klimaforscher vor allem auf die Jahre 900 bis 1200. In diese Zeit fällt die mittelalterliche Wärmeperiode. Das war eine Phase erhöhter Außentemperaturen, wie man weiß. Und die Frage ist: War es damals vielleicht schon so heiß wie heute? Wenn ja, dann wäre die gegenwärtige Klimaerwärmung gar nicht so ungewöhnlich - und vor allem: noch im Rahmen natürlicher Schwankungen. Doch in den gesammelten Klimaarchiven tritt die mittelalterliche Wärmephase gar nicht so deutlich hervor. Längst nicht alle Messreihen zeigten die Temperaturspitze, sagt Keith Briffa. Für ihn ist die Sache damit ziemlich klar:

"”Es wird uns nicht gelingen zu sagen: Die Temperatur heute ist um so und so viel Grad höher als während der mittelalterlichen Wärmeperiode. Das läßt sich gar nicht mehr so genau bestimmen. Aber was wir klar zeigen können, ist: Im 20. Jahrhundert wurden viel größere Regionen auf der Nordhalbkugel von der Erwärmung erfasst als im Mittelalter. Auch das stützt die These, dass wir es heute mit einem Klimawandel zu tun haben, wie es ihn vielleicht noch nie gegeben hat.”"

Unbestritten ist auf jeden Fall eines: Die mittelalterliche Wärmephase war eine natürliche Klimaschwankung, die gegenwärtige jedoch hat vor allem mit dem Menschen zu tun. Weil er nach wie vor kräftig fossile Energieträger nutzt, häufen sich immer mehr Treibhausgase in der Atmosphäre an und heizen sie auf. Anders als vor 800 Jahren kann also der Mensch diesmal beeinflussen, wie lange eine Wärmeperiode auf der Erde anhält.

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