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StartseiteKalenderblattDer gesellschaftliche Aufstieg der Beatles 26.10.2020

Ausgezeichnet vor 55 Jahren Der gesellschaftliche Aufstieg der Beatles

Das britische Establishment zeigte sich damals schockiert. Das Königshaus hatte vier blutjungen Musikern aus Liverpool, den Beatles, den Orden des Britischen Empire verliehen. Warum? Weil das Königshaus damals sein Image aufpolieren wollte und die Beatles ein Devisenbringer waren.

Von Ruth Rach

Die Beatles (von links nach rechts): Ringo Starr, John Lennon, Paul McCartney und George Harrison, präsentieren 1965 in London ihre von der englischen Königin an sie verliehenen Orden "Member of the British Empire". (dpa /  London Express)
1965 bekamen die Beatles von der Queen den Orden "Member of the British Empire" verliehen. (dpa / London Express)
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Anfang der 60er-Jahre so gut wie unbekannt, innerhalb weniger Jahre weltberühmt. Die Beatles, vier Popmusiker aus dem nordenglischen Liverpool. Sie machen gerade ihren neuen Film "Help" in Twickenham südlich von London, als ihnen ein brauner Umschlag ins Studio flattert. Mit der Aufforderung, sich am 26. Oktober 1965 im Buckingham Palast einzufinden, um einen "MBE" entgegenzunehmen.

Erst hätten sie das Schlimmste befürchtet, erzählt Beatle George Harrison in einem Interview mit dem Fernsehsender ITV: "Wir konnten mit dem Wort MBE nichts anfangen und dachten schon, wir würden in die Armee eingezogen."

   (Günter Zint) (Günter Zint)Die Hamburger Jahre - Wo die Beatles erwachsen wurden
Vor 60 Jahren hatte eine unbekannte Band aus Liverpool ihren ersten Auftritt in Hamburg. In den Clubs um die Reeperbahn begann die steile Karriere der Beatles – dort bekamen sie den letzten Schliff, der sie zu den späteren Weltstars machte.

Warum ausgerechnet an die Beatles?

Aber Beatles-Manager Brian Epstein beruhigt: MBE, das bedeutet "Most Excellent Order of the British Empire", der unterste der in fünf Stufen unterteilten britischen Verdienstorden. Diese Auszeichnung bringt zwar keinen Adelstitel mit sich, der ist den zwei obersten Kategorien vorbehalten, aber immerhin bekommt der Träger ein Silberkreuz angeheftet mit der Aufschrift "For God and the Empire".

Der MBE wurde 1917 von König Georg dem Fünften gestiftet, um Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg zu ehren sowie Zivilisten, die sich um die Community verdient gemacht hatten. Aber warum soll der MBE denn nun ausgerechnet an die Beatles gehen? Die konservative Presse ist empört. In der Öffentlichkeit gehen die Meinungen auseinander.

"Da sieht man, wie wenig ein MBE heutzutage zählt."

"Ich finde die Beatles ganz toll. Sie hätten den Orden längst bekommen sollen."

"Ich dachte, der MBE geht nur an Leute, die etwas für unser Land geleistet haben."

Zahlreiche Würdenträger fühlen sich abgewertet und schicken ihre Ehrungen zurück. Mit solchen, so wörtlich "Schwachköpfen", habe man nichts gemeinsam. "Selber Hohlköpfe", kontert John Lennon:

"Viele Leute bekamen den Orden, weil sie Menschen im Krieg getötet haben. Wir bekamen ihn, weil wir die Leute mit unserer Musik glücklich machen."

Die Band - ein wichtiger Devisenbringer

Labour Premier Harold Wilson hat gute Gründe, warum er Königin Elisabeth der Zweiten vorschlägt, den Beatles einen Orden anzustecken. Die Band ist ein wichtiger Devisenbringer geworden, das kann die schwachbrüstige britische Wirtschaft gut gebrauchen. Das britische Königshaus wiederum möchte sein altmodisches Image aufpolieren. Schon 1963 befindet die Königinmutter nach einer Galashow, die Beatles seien herzerfrischende Bürschchen.

Zu Beginn ihrer Karriere hatten die Beatles allerdings ein anderes Image, erinnert sich Paul Newland, Anfang der 60er-Jahre ein junger Kunststudent.

"Sie trugen Lederklamotten und Elvis-Haartollen und spielten Rock’n’ Roll. Laut, rau und ziemlich anrüchig. Erst ihr Manager Brian Epstein machte sie salonfähig: Moderne Anzüge, spitzige Boots, Rundhaarschnitt und anständige Manieren, zumindest auf der Bühne. Epstein hat das neue Beatles-Image geschaffen: durchaus eigenwillig, aber stets gut gelaunt, Typen, die jede Mutter gern im Wohnzimmer gesehen hätte."

Den Orden zurückgegeben

1970 gibt die Band ihre Auflösung bekannt. Jeder Beatle geht seinen eigenen Weg. Aber ihre Songs, ihre Alben bleiben bis heute Bestseller, sagt Del, Besitzer des südenglischen Plattenladens Union Shop.

"Die Beatles sind allgegenwärtig. Sie stehen jenseits aller Kritik. Damals gab es etliche Bands, die aufregender waren und innovativer. Aber ihr großes Verdienst bestand darin, diese Elemente aus der Subkultur in ‘popular culture’, also Pop Kultur, zu verwandeln."

Übrigens hat John Lennon seinen MBE an seine Tante Mimi weitergegeben: Sie habe das Ding viel mehr verdient. Vier Jahre später schickte er den Orden zurück. Aus politischen Gründen.

Inzwischen sind Tausende von Bürgern mit britischen Verdienstorden bedacht worden. Unter ihnen zahlreiche Celebrities. Andere haben die Dekoration abgelehnt. Popkünstler David Bowie weigerte sich gleich zweimal, die Ehrung anzunehmen. Mit archaischen Dekorationen des britischen Empire könne er sich – so Bowie – beim besten Willen nicht identifizieren.

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