Mittwoch, 22.09.2021
 
Seit 20:30 Uhr Lesezeit
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Land, zwei Realitäten27.07.2021

Ausschuss zu Sturm auf US-KapitolEin Land, zwei Realitäten

Knapp sieben Monate nach dem Sturm auf das US-Kapitol beginnt dazu ein Untersuchungsausschuss. Die Antworten daraus werden im tief gespaltenen Land nicht viele Menschen erreichen, kommentiert Doris Simon. Längst nicht mehr nur eingeschworene Trumpisten würden inzwischen Irrsinn über den 6. Januar 2021 verbreiten.

Ein Kommentar von Doris Simon

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
July 27, 2021, Washington, District of Columbia, USA: WASHINGTON, DC - JULY 27: .United States Representative Bennie Thompson Democrat of Mississippi, Chair, US House Select Committee to Investigate the January 6th Attack on the US Capitol, left, listens as member United States Representative Liz Cheney Republican of Wyoming, right, questions Officer Michael Fanone of the MPD during the Congressional Jan 6th commission hearing, in Washington, DC Washington USA - ZUMAs152 20210727_zaa_s152_340 Copyright: xBillxO Learyx-xPoolxViaxCnpx  (imago / ZUMA Wire / Cnp / Bill O'Leary)
Der Untersuchungsausschuss ist parteipolitisch extrem aufgeladen (imago / ZUMA Wire / Cnp / Bill O'Leary)
Mehr zum Thema

Sturm auf Kapitol FBI spricht von inländischem Terror

Anhörungen zum Sturm aufs Kapitol "Diese Kriminellen waren wie für einen Krieg ausgestattet"

Trump-Account bleibt gesperrt Bann wird Prinzipienfrage

Die majestätische Kuppel des US-Kapitols im Hintergrund, davor ein Mob aus tausenden von Menschen, entfesselte Gewalt, Polizisten, die brutal angegriffen, zusammengeschlagen und getreten werden: Jeder auf der Welt und in den Vereinigten Staaten hat diese Bilder gesehen, die Szenen des Tages, als Amerikas Demokratie an einem seidenen Faden hing. Nur der Einsatz von hunderten mutiger Polizisten verhinderte an diesem Tag ein Blutbad im Kapitol.

Aber nicht mal sieben Monate später ist diese Darstellung der Ereignisse für einen wachsenden Teil der US-Bevölkerung eine parteiische, eine falsche Darstellung. Die Menschen am Kapitol seien Patrioten gewesen, hätten friedlich dagegen protestiert, dass Donald Trump unrechtmäßig der Wahlsieg genommen werde, hätten die Freiheit in den USA verteidigt. Es sind längst nicht mehr nur eingeschworene Trumpisten, die solchen Irrsinn verbreiten. Immer mehr konservative US-Bürger sind inzwischen überzeugt, die Berichterstattung über den Umsturzversuch sei übertrieben und parteiisch und Aufklärungsbemühungen dienten allein Wahlkampfzwecken der Demokraten.

Es gibt zwei Amerikas

Das ist der Hintergrund, vor dem der Untersuchungsausschuss am heute seine Arbeit aufgenommen hat. Er ist ein Musterbeispiel dafür, wie weit sich das gespaltene Land unter Donald Trump und seinen Erben in zwei Amerikas entwickelt hat. Aus Angst vor Trump - und weil die Abgeordneten nicht monatelang an ihre Verantwortung erinnert werden wollen -, hat die republikanische Fraktionsführung zuerst eine unabhängige Kommission abgelehnt, und dann ihre Mitglieder aus dem Untersuchungsausschuss abberufen.

Menschen mit USA- und andren Flaggen erstürme am 6. Januar 2021 das US-Kapitol in Washington, DC. (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Christy Bowe) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Christy Bowe)"Das wird nicht ohne Krach abgehen"
Es bleibe ungewiss, ob der Untersuchungsausschuss den Graben zwischen Demokraten und Republikanern schließen könne, sagte die Publizistin Constanze Stelzenmüller. Unter den Republikanern seien viele für Vernunft und Argumente kaum noch zugänglich.

Angefangen beim Fraktionsvorsitzenden McCarthy haben sich fast alle republikanischen Kongressabgeordneten Donald Trumps Lüge vom gestohlenen Wahlsieg zu eigen gemacht oder widersprechen ihr nicht mehr. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Umdeklarierung des Mobs am Kapitol zu einer besorgten Gruppe freiheitsliebender Patrioten. Der Untersuchungsausschuss wird in dieser Lesart zu einem parteipolitischen Instrument der Demokraten, und die zwei aufrechten Republikaner im Ausschuss sind für Viele ohnehin Verräter, weil sie der Berufung durch die Fraktionsvorsitzende der Demokraten gefolgt sind. Rauf- und runtergebetet auf Fox News klingt all das für die eine Hälfte des Landes sehr plausibel.

Es braucht mehr Offenheit, mehr Fragen

Was kann da ein Untersuchungsausschuss ausrichten? Wer hört die Antworten auf die vielen offenen Fragen zu Hintergründen und Verantwortung? Viele im anderen Amerika werden die Antworten nicht erreichen. Aber wer seine Informationen noch nicht ausschließlich aus der Filterblase und rechten Medien bezieht, stellt sich vielleicht doch Fragen. Zum Beispiel nach den bewegenden Aussagen von vier Polizisten heute. Männer, die am 6. Januar Senatorinnen und Abgeordnete geschützt haben, vom Mob als Verräter beschimpft und halbtot geschlagen wurden, Männer, die nicht verstehen, dass knapp die Hälfte der Volksvertreter heute die Gewalt des Mobs und den Angriff auf die Demokratie leugnet. Unter Law and Order verstehen nicht nur die Polizisten etwas anderes, sondern auch große Teile des anderen Amerikas.

Mehr Antworten auf offene Fragen – das wäre ein Erfolg dieses Untersuchungsausschusses. Mehr Offenheit und mehr Fragen in beiden Amerikas, das wäre ein noch größerer Erfolg.

Doris, Referentin Programmdirektion Deutschlandradio (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der "Informationen am Morgen".   

  

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk