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StartseiteKalenderblattAussichtsloser Kampf02.02.2008

Aussichtsloser Kampf

Vor 65 Jahren endete die Schlacht um Stalingrad

Adolf Hitler wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem grundsätzlichen Gegner jeder militärischen Rückzugsbewegung. Spektakulärstes Opfer dieser Strategie war die 6. Armee im Kampf um Stalingrad.

Von Rolf Wiggershaus

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Immer noch siegessicher erklärte Hitler am 8. November 1942 im Münchner Löwenbräukeller, warum er Stalingrad unbedingt erobern wollte.

"Ich wollte zur Wolga kommen, an einer bestimmten Stelle, an einer bestimmten Stadt. Zufälligerweise trägt sie den Namen von Stalin selber. Aber denken Sie nur nicht, dass ich deswegen dort losmarschiert bin - sie könnte auch ganz anders heißen -, sondern nur, weil dort ein ganz wichtiger Punkt ist. Dort schneidet man nämlich 30 Millionen Tonnen Verkehr ab, darunter fast 9 Millionen Tonnen Öl-Verkehr. Dort war ein gigantischer Umschlagplatz. Den wollte ich nehmen."

Ein Jahr zuvor war der Angriff auf Moskau gescheitert. Im Sommer 1942 sollte dann die große Entscheidung im Osten durch eine neue Offensive im Südabschnitt der Ostfront herbeigeführt werden. Zügige Vorstöße an die Wolga und zum Kaukasus sollten den sowjetischen Nachschub empfindlich treffen, die Industriereviere im Don-Becken und kaukasisches Erdöl in deutsche Hand bringen.

Dadurch ergab sich eine maßlose Überdehnung der Fronten. Es erfolgten riskante Vorstöße wie der der 6. Armee unter General Paulus nach Stalingrad. Am 19. und 20. November durchbrachen sowjetische Truppen die Linien der Achsenmächte nordwestlich und südlich der Stadt und kesselten die 6. Armee ein.

Auf das leichtfertige Versprechen von Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, hin, die eingeschlossenen Truppen aus der Luft ausreichend zu versorgen, befahl Hitler Paulus sich "einzuigeln". Bei der Lagebesprechung am 12. Dezember 1942 im ostpreußischen Führerhauptquartier in der Wolfsschanze meinte er:

""Sich einzubilden, es ein zweites Mal zu machen, wenn man da zurückgeht und das Material liegen bleibt, ist lächerlich. Alles können sie nicht mitnehmen. Die Pferde sind ermattet, sie haben keine Zugkraft mehr. Ich kann ein Pferd nicht durch das andere nähren. Wenn das Russen wären, würde ich sagen: Ein Russe frisst den andern auf. Aber ich kann nicht einen Gaul den andern fressen lassen. [...] Es bleibt liegen, was man nicht durch Motor herausbringt [...] Wenn wir das preisgeben, geben wir eigentlich den ganzen Sinn dieses Feldzuges preis."

Im Winter 1941/42 war es Hitler gelungen, durch drakonische Befehle die von Moskau zurückweichende deutsche Front zum Stehen zu bringen. Seitdem war er ein grundsätzlicher Gegner jeder Rückzugsbewegung. Spektakulärstes Opfer dieses von ihm fortan unterschiedslos angewandten Grundsatzes wurde die 6. Armee.

Entsatzversuche scheiterten. Die Versorgung aus der Luft reichte auch nicht entfernt für einen ausreichenden Nachschub an Verpflegung, Betriebsstoff und Munition. Der am Westufer der Wolga gelegene 50 mal 40 Kilometer große Kessel - eine kahle Steppe und zerstörtes Stadtgebiet - wurde zum Schlachtfeld einer sterbenden Armee, der Hitler immer wieder die Kapitulation verbot. Am 3. Februar 1943 gab das Oberkommando der Wehrmacht im Rundfunk bekannt:

"Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende. Ihrem Fahneneid getreu, ist die 6. Armee unter der vorbildlichen Führung des Generalfeldmarschalls Paulus der Übermacht des Feindes und der Ungunst der Verhältnisse erlegen. [...] Generale, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften fochten Schulter an Schulter bis zur letzten Patrone."

So gut wie nichts an dieser Nachricht entsprach der Wahrheit. Den verhungernden, erfrierenden, verwundeten Soldaten fehlten für einen Kampf bis zur letzten Patrone sowohl die Kräfte wie die Munition. Am 31. Januar kapitulierten der mittlere und der südliche Teilkessel, am 2. Februar folgte der nördliche.

Von den etwa 260.000 Eingeschlossenen waren zirka 35.000 ausgeflogen worden. 120.000 starben, 90.000 gerieten in Gefangenschaft. Der Rundfunk-Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht gehörte zu dem Versuch, die befohlene Katastrophe zu einem "Heldenepos" von Nibelungenformat umzudeuten. Um den Mythos eines Untergangs ohne Kapitulation zu wahren, wurde die Post der in russische Kriegsgefangenschaft Geratenen nicht weitergeleitet, sondern ausgewertet und vernichtet. Die Helden hatten tot zu sein.

Auf sowjetischer Seite bedeutete Stalingrad den Übergang zur Offensive. Hitler dagegen musste sich fortan mit der strategischen Defensive begnügen. Goebbels versuchte, den Stimmungsumschwung in der deutschen Bevölkerung für eine Einstimmung auf den totalen Krieg zu nutzen.

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