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StartseiteCorsoEin Plädoyer für die Schönheit13.12.2019

Ausstellung "Beauty" Ein Plädoyer für die Schönheit

Schönheit ist ein Schimpfwort in der zeitgenössischen Kunst, meint Stefan Sagmeister. Deshalb will der Kurator mit der Schau "Beauty" im Museum für Kunst in Gewerbe in Hamburg die Lust am Schönen wecken. "Wir glauben, dass sich Schönheit wieder einen Platz erlauben darf", sagte Sagmeister im Dlf.

Stefan Sagmeister im Corsogespräch mit Ina Plodroch

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(Aslan Kudrnofsky/MAK Wien)
"Color Room" aus der Ausstellung "Beauty" vom Design-Duo Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. (Aslan Kudrnofsky/MAK Wien)
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Das Design-Duo Jessica Walsh und Stefan Sagmeister hat sich der Schönheit verschrieben - und sieht sich in der Minderheit, wie Sagmeister im Dlf sagte: "Gerade unter meinen Designkollegen - aber das stimmt auch für Architekten oder Stadtplaner - ist die Schönheit doch relativ verpönt; gerade in den letzten drei oder vier Jahrzehnten. Sie wird häufig als altmodisch oder kommerziell angesehen."

Sorgfalt führt zu Schönheit

Das Duo habe deswegen versucht, eine Ausstellung zusammen zu stellen, wo beide beweisen wollen, dass das nicht so sei, dass die Schönheit nicht nur eine Funktion an sich sei, sondern die Dinge besser funktionieren lasse. "Und vor allem, dass wir uns alle besser fühlen und besser benehmen, wenn wir uns in schönen Gegenden aufhalten." Gerade, wenn man sich die Häuserblocks, die Siedlungen der 70er-Jahre, ansehe - "die in den 90ern schon wieder abgerissen werden mussten, weil die Leute nicht darin wohnen wollten, weil sie sich nicht wohlgefühlt haben." Die Kriminalitätsraten seien auch stark gestiegen. "Die haben dann, obwohl sie unter dem Mantel der Funktionalität gebaut worden sind, nicht funktioniert." Wenn damals in den 70er-Jahren auch Schönheit Teil des Ziels gewesen wäre, würden diese noch stehen, vermutet Stefan Sagmeister.

"Wir würden sagen, Schönheit ist eine mit Sorgfalt bedachte Form." Das meiste, was vielen Menschen als nicht so schön vorkomme, sei immer das, was ohne Sorgfalt gestaltet wurde. Die Tankstelle, der Möbeldiscounter.

Es sei eine relativ große Ausstellung, in der es viel zum Mitmachen gebe. Die Besucherinnen und Besucher  können beispielsweise abstimmen, welche Farbe die schönste sei. Und da sehe man gut, dass es eine große Übereinstimmung gebe, was wir als schön empfinden. "Der Spruch, dass sie Schönheit im Auge des Betrachters liegt, der stimmt nur sehr eingeschränkt."

Auf der Suche nach dem Schönen: Stefan Sagmeister und Jessica WalshJohn Madere / MKG Hamburg

"Die meisten Wissenschaftler glauben, dass in etwa die Hälfte von dem, was wir als schön empfinden, durch die Kulturen auf der ganzen Welt wird. Die andere Hälfte ist individuell." Es hänge davon ab, wie viel man schon gesehen habe, in welchem Kontext man es sehe und wie man sich fühle, wenn man es sehe. "Wenn ich mich sicher fühle, dann möchte ich eine größere Portion Neues. Wenn ich mich nicht sicher fühle, dann gefällt mir das am besten, was ich schon kenne."

Wir haben noch länger mit Stefan Sagmeister gesprochen – hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Schönheit sei durch die Folgen des Ersten Weltkrieges zum Schimpfwort in der zeitgenössischen Kunst geworden, so Sagmeister, weil im 19. Jahrhundert die Schönheit als moralischer Wert gegolten habe, "und weil der Erste Weltkrieg so brutal war, dass die Künstler, die dort mitgekämpft haben – Duchamp, Max Ernst – die sind aus dem Krieg zurück gekommen und waren enttäuscht mit den Werten der westlichen Zivilisation." Deshalb haben sie die Schönheit aus der Kunst entfernt.

Twitter ist die Wohnblockreihe der 70er-Jahre

Heute, in den sozialen Netzwerken spiele Schönheit, eine große Rolle. "Ich glaube, das Übertriebene auf Instagram ist ein Seiteneffekt der sozialen Netzwerke, das aber eigentlich gut funktioniert." Wenn er Instagram mit Twitter vergleiche, funktioniere Instagram besser – es wachse schneller, sei größer. "Aber ich finde es trotz der Fehler angenehmer, weil die Leute sich weniger aggressiv benehmen. Ich würde Twitter eher vergleichen mit einer Wohnblockreihe aus den 70er-Jahren, wo sich die Leute weniger wohlfühlen und aggressiver benehmen."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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