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StartseiteKultur heuteFrauen schreiben Stadtgeschichte25.03.2016

Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen"Frauen schreiben Stadtgeschichte

Das Recht auf Arbeit sei ein wesentlicher Weg hin zu mehr Selbstständigkeit der Frauen gewesen, sagte Martina Weinland, Kuratorin der Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen", im Deutschlandfunk. In der Ausstellung werden 20 Lebensgeschichten erzählt.

Martina Weinland im Gespräch mit Antje Allroggen

Käthe-Kollwitz-Platz, Berlin (Deutschlandradio / Thomas Doktor)
Die Lebensgeschichte von Käthe Kollwitz wird in der Ausstellung ebenfalls erzählt. (Deutschlandradio / Thomas Doktor)

Antje Allroggen: Auch das Berliner Stadtmuseum rückt die Biografien von Frauen in den Mittelpunkt ihrer aktuellen Ausstellung. Zwar sei die Geschichte auch in Berlin wie fast überall von Männern geschrieben worden; dennoch sei die Metropole schon früh ein Ort gewesen, an dem auch für Frauen vieles möglich war. Anhand von 20 Lebensgeschichten erzählt die Schau nun nach, wie diese Frauen lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts - eine Zeit, in der es zwar Frauen in Preußen ermöglicht worden war, zu studieren oder Arbeiten zu gehen. Letzteres allerdings nur mit der Einwilligung des Mannes.

- Martina Weinland ist die Kuratorin der Ausstellung. Und ich habe sie gefragt, warum dem Besucher als Entree zur Ausstellung ausgerechnet ein doch ziemlich klischeehaftes Korsett empfängt.

Martina Weinland: Das Korsett ist eine Metapher dafür, welchen Zwängen Frauen in den letzten Jahrhunderten ausgesetzt waren. Und man darf ja nicht vergessen, dass es auch heute weltweit noch viele Gesellschaften gibt, in denen Frauen nach wie vor in Korsetts eingezwängt werden. Die heißen dann vielleicht anders, aber sie meinen alle das gleiche, dass die Gleichberechtigung doch noch vielerorts sehr nachbesserungswürdig ist.

Allroggen: Aber diese Frauen und deren Geschichten, die Sie zeigen, haben ihre Korsetts ja abgelegt. Was wurde für die Frauen anders, als sie das Mieder ablegen konnten? Wie nutzten sie diesen hinzugewonnenen Spielraum für sich? Vielleicht nennen Sie ein Beispiel.

Weinland: Das Recht auf Arbeit beispielsweise, ein ganz enormer Korsettstab, dass Frauen ja bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts die Genehmigung des Ehemannes brauchten, wenn sie ein Arbeitsverhältnis eingehen wollten. Und das war etwas, was schon im 19. Jahrhundert begonnen hat. Denn mit einer Genehmigung zur Arbeit ist ja auch eine Bildung, eine Weiterbildungsmöglichkeit verbunden und eine Selbstständigkeit.

Allroggen: Einige der Frauen, deren Leben Sie in der Schau beleuchten, waren aber weniger eigenständige Frauen als Frauen an der Seite ihres Mannes. Die Fliegerin Elly Beinhorn etwa stand immer im Schatten ihres Ehemanns Bernd Rosemeyer, der ein Rennfahrer war. Kaum bekannt ist auch bis heute Charlotte Berend-Corinth, ebenfalls in Ihrer Ausstellung zu sehen. Sie war die Frau von Lovis Corinth und arbeitete vor allem als seine Nachlassverwalterin und als sein Modell. War diese Rolle der Frau an der Seite eines berühmten Mannes eine wichtige Station auf dem Weg der Gleichberechtigung?

Weinland: Ich möchte Sie nur ganz ungern korrigieren, aber bei Elly Beinhorn ist es so: Sie ist als Fräulein Beinhorn schon sehr berühmt, als sie dann 1936 Bernd Rosemeyer, einen jungen, aufstrebenden Rennfahrer, heiratet. Und diese beiden, Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn, werden sehr rasch auch von den Nationalsozialisten vereinnahmt, denn sie gelten als das schnellste Ehepaar der Welt. Sie wird ja über 100 Jahre alt und mit 75 allerdings gibt sie dann den Pilotenschein ab. Das muss man ja auch noch mal fairerweise sagen. Charlotte Berend-Corinth ist eine ausgesprochen talentierte Malerin. Und da ist sie schon vier Jahre verheiratet mit Lovis Corinth, der das nicht so gerne sieht. Er hätte gerne eine Frau, eine Ehefrau, ein Modell und eine Mutter für seine Kinder, aber nicht eine Künstlerin auf Augenhöhe. Da akzeptiert sie die von ihm gesetzten Grenzen.

Allroggen: Ein weiterer Stab, der zum Brechen kommt, um Ihr Bild noch mal aufzunehmen, sind sicherlich die Erfahrungen der Frauen, die sie im Krieg gesammelt haben. Sie thematisieren auch das Leben der Käthe Kollwitz und ihre künstlerisch verarbeitete Trauer um ihren Sohn, der im Ersten Weltkrieg als Soldat gefallen ist. Hier wird in der Kunst ein individuelles Leben betrauert, aus der privaten Trauer wird eine politische Anklage gegen den Krieg. Wirkt Käthe Kollwitz damit bis heute nach, so wie sie es sich selber ja immer gewünscht hat?

Weinland: Da bin ich mir ganz sicher. Dieses Plakat von 1924, "Nie wieder Krieg", dieses Motto, was Bertha von Suttner auch mit der Friedensbewegung in die Welt gesetzt hat und was Käthe Kollwitz dann künstlerisch umgestaltet hat, das hat eine Wirkung auch auf die heutigen Generationen, ganz eindeutig. Ihre Präsenz ist heute sicherlich noch stärker, als sie nach dem Berufsverbot und der Isolierung, die sie während der NS-Zeit erlebt hat - und bei ihrem Tod 1945 schien sie ja auch nahezu vergessen -, das ist heute eine gänzlich andere Wahrnehmung von Käthe Kollwitz.

Allroggen: Wenn wir jetzt bei der Wirkungsgeschichte angekommen sind - ich habe in Ihrer Pressemitteilung gelesen: Heute sind die Hälfte der Einwohner in der deutschen Hauptstadt Frauen. Ist nicht nur Paris, sondern auch Berlin eine Frau?

Weinland: Ja, das könnte man fast so sagen, denn ich meine, unsere Wahrnehmung heißt ja auch eigentlich Berolina. Wie die Franzosen die Marianne haben wir ja die Berolina als Schutzpatronin beziehungsweise als Sinnbild. Und warum sollte nicht Berlin eine Frau sein. Das würde mir gut gefallen.

Allroggen: Martina Weinland über die von ihr kuratierte Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen", noch bis August zu sehen.

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