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StartseiteKultur heuteKuratorin: "Die Mechanismen des Rassismus halten sich"18.05.2018

Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Kuratorin: "Die Mechanismen des Rassismus halten sich"

Unter dem Titel "Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen" befasst sich das Dresdner Museum mit Geschichte und Strukturen der Ausgrenzung und Abwertung. Diese seien auch heute noch zu finden, wenn auch die biologische Argumentation einer kulturellen gewichen sei, sagte die Kuratorin Susanne Wernsing im Dlf.

Susanne Wernsing im Gespräch mit Michael Köhler

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Das markierte Wort Rasse in einem Wörterbuch (imago stock&people)
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Michael Köhler: Das deutsche Hygiene-Museum in Dresden eröffnet heute Abend eine Sonderausstellung, die ab morgen zu sehen ist, und die heißt "Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen" - denn bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war Sklavenhandel unbefragt möglich. Die Kuratorin Susanne Wernsing habe ich gefragt: Wo, wann, arum hat denn diese Lehre von den Menschenrassen ihren größten Zuspruch? Wo beginnt das, was Sie Rassismus nennen und wann wird das zum Flächenphänomen?

Susanne Wernsing: Wo man denken könnte, dass Rassismus das irrationale Gegenteil der Aufklärung ist, wollen wir in der Ausstellung zeigen dass Rassenkonstruktionen   genau mit der Aufklärung, mit den Kategorien  der modernen Wissenschaften, in das europäische Denken kommen.Der Hintergrund ist, dass wir das so beschreiben, dass es zuerst den Rassismus gibt und Rassenkonstruktionen, wie sie dann wissenschaftlich im 18. Jahrhundert erfolgen, dass das eine nachträgliche Legitimierung für Rassismus liefern könnte. Das ist im 18. Jahrhundert natürlich besonders relevant, weil einerseits in der Aufklärung Ordnungssysteme der Natur auf den Menschen übertragen wurden; dann wurde durch Expeditionen außerhalb von Europa die Vielfalt der menschlichen Erscheinungen bekannt, und die versuchte man durch Ordnungssysteme zu erfassen. Und genau in diesem Moment kommt die Kategorie in die Denktradition.

Ein dritter Aspekt ist die Französische Revolution. Also genau in dem Jahrhundert, wo – zumindest als Ideal – die Gleichheit aller Menschen postuliert wurde, zieht man eine Hierarchie ein. Eine wichtige These unserer Ausstellung ist, dass Rassen eben nicht die Unterschiedlichkeit von Menschen beschreiben sondern dass sie Ungleichheit schaffen; dass sie Hierarchien zwischen angenommenen Menschengruppen einziehen.

Hygiene-Museum war aktiv an der Konstruktion rassistischer Denkmuster beteiligt

Köhler: Frau Wernsing, jetzt überraschen Sie mich ein bisschen weil das ja die Zeit ist, in der Aufklärer wie Thomas Paine kommen oder später auch Heinrich von Kleist seine berühmte Erzählung über die Abschaffung des Sklavenhandels, "Die Verlobung in St. Domingo", schreibt. Das heißt, das ist ein paralleler Prozess?

Wernsing: Genau, das ist ein paralleler Prozess. Weil gerade mit dem Ideal der Gleichheit kommt man natürlich in Erklärungsnot, wie man Versklavung legitimieren konnte. Das erfolgte dann darüber, dass man Unterschiede – vor allem biologische, physische Unterschiede – versuchte zu beschreiben, damit man ein Argument hatte, um Unterdrückung, Ausbeutung rechtfertigen zu können. Es ist einfach der Effekt von einem Widerspruch.

Köhler: Nun findet diese Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum statt. Ihr Haus ist ein ganz besonderes, buchstäblich, es ist ein großes Haus, heißt Hygiene-Museum, entstand 1911/12 im Jugendstil.In seiner heutigen neoklassizistischen Form von 1930 ist es im "rassehygienischen" Gedanken  dem NS-Staat ganz besonders verspflichtet gewesen – ist ihre Ausstellung insofern auch ein Stück Selbstaufklärung?

Wernsing: Ja, es gab in den letzten 20 Jahren verschiedene Ausstellungen, die sich so am Rande mit dem Thema beschäftigt haben. Was wir jetzt versuchen ist noch einmal genauer die Geschichte des Hauses im Kontext der Rassenkonstruktionen in den Blick zu nehmen. Ich glaube, dass bisher sehr bekannt ist, dass Inhalte von Rassen -, Hygiene, – und Vererbungslehre im Deutschen Hygiene-Museum popularisiert wurden. Vor allem durch die Lehrmittelindustrie, durch die Lehrmittelproduktion. Wo wir jetzt mehr den Fokus drauflegen wollen ist, dass eigentlich schon nach der ersten Hygieneausstellung 1911 sehr enge Kontakte zu den führenden Rassehygienikern bestanden haben. Dass es ab 1930, 33 ganz enge Kontakte zu NS-Funktionären, zu NS – Verwaltungsstrukturen gegeben hat, und dass das Hygiene-Museum darum nicht ein Popularisierer bestehender Inhalte war, sondern sehr aktiv an der Konstruktion dieser Inhalte beteiligt war.

Aus biologischer wird kulturelle Argumentation

Köhler: Dass das Ganze nichts von vorgestern ist kann man daran erkennen, dass Rassismus ja auch in demokratischen Gesellschaften vorkommt. Wir erinnern uns, Anfang des Jahres hat der sächsische AfD-Politiker Maier den Sohn von Tennislegende Boris Becker via Twitter ja als "kleinen Halbneger" bezeichnet, der hatte gesagt – also Noah Becker – im Vergleich mit London oder Paris sei Berlin eine weiße Stadt. Will sagen: das ist ein Thema, mit dem wir heute noch zu tun haben.

Wernsing: Oh ja, in verschiedenen Formen. Dass der Rassismus, der sich am Körper des sogenannten "Anderen" abarbeitet, dass der präsent ist, sieht man an solchen Zitaten immer wieder. Was wir mit der Ausstellung aber auch wollen, ist zu gucken, wo Rassismus oder rassistische Strukturen vorliegen, wo von Rassen als Begriff gar nicht die Rede ist. Und da können wir feststellen, dass heute in der Abwehr von sogenannten "fremden Kulturen" im Kontext der europäischen Fluchtbewegungen, dass da eigentlich genau die Mechanismen greifen, genau die Denkmuster und auch Gefühlslagen greifen, die unter dem Begriff der Rassenkonstruktion die europäischen Gesellschaften prägten.

Köhler: Dieses Konzept hält sich, sagen Sie damit.

Wernsing: Genau. Man kann eigentlich genau beobachten wie diese Mechanismen, die früher auf einer biologischen Argumentation beruhten, die heute auf eine Argumentation von Kulturen übertragen werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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