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StartseiteKultur heuteGroße Künstlerin statt nettes Mädchen20.01.2020

Ausstellung im Düsseldorfer K21Große Künstlerin statt nettes Mädchen

Von Michelangelo bis Gerhard Richter: Die Kunstgeschichte kennt viele große Künstler - und deutlich weniger große Künstlerinnen. Woran das liegt, zeigt die Ausstellung "I'm not a nice girl". Im Fokus stehen vier Konzeptkünstlerinnen und ihre gesellschaftskritischen Werke.

Von Anja Reinhardt

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Mierle Laderman Ukeles Touch Sanitation Performance, 1979-80 July 24, 1979-June 26, 1980: Die Künstlerin und ein Müllmann geben sich die Hand auf einer Mülldeponie, im Hintergrund sind ein Müllwagen und Müllberg zu sehen. (Foto: Vincent Russo, © Mierle Laderman Ukeles, Courtesy the artist and Ronald Feld-man Gallery, New York )
Die Künstlerin Mierle Ladermann Ukeles bedankt sich im Rahmen ihrer "Touch Sanitation Performance" bei einem Müllmann (Foto: Vincent Russo, © Mierle Laderman Ukeles, Courtesy the artist and Ronald Feld-man Gallery, New York )
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Eine große, langhaarige Frau in einem grünen Arbeiteroverall inmitten von Müllmännern. Hände werden geschüttelt, Fragen gestellt. Zu sehen sind diese Szenen auf einer Fotowand und in einem Video. Mierle Ladermann Ukeles greift schon in den 70er Jahren ein Thema auf, das zu den brennenden Fragen unserer Zeit gehört: Eine Gesellschaft produziert Müll, aber wertschätzt die Arbeit derjenigen nicht, die diesen Müll abholen, transportieren und entsorgen. Im Gegenteil: Der Abfall und seine Entsorgung sollten möglichst unsichtbar bleiben.

Mierle Ladermann Ukeles hat zwischen 1977 und 1980 alle 8.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der New Yorker Stadtreinigung aufgesucht und sich bei allen für ihre Arbeit bedankt. "Touch Sanitation" nannte sie diese Performance, die eine alltägliche Arbeit zur Kunst erklärt - analog zu Marcel Duchamps radikalem Bruch mit den Vorstellungen von Kunst 60 Jahre vorher. Nicht nur alltägliche Gegenstände können Kunst sein, auch alltägliche Handlungen.

"Kunst bietet uns Reflexions-Möglichkeiten und regt an und ist wichtig, weil es uns herausfordert und uns spiegelt, unser Leben spiegelt", so Kuratorin Isabelle Malz über den radikalen Ansatz von Laderman Ukeles vor 40 Jahren.

Aktionen mit Müllmännern und Reinigungskräften

"Das leistet ihre Kunst, indem sie sich Institutionen meistens entzieht, weil ihre Aktionen und Performances im öffentlichen Raum stattfinden, mit Arbeiterinnen und Arbeitern in "nicht sichtbaren" Berufen, die nicht gern gesehen werden: Müllmänner, Reinigungskräfte, Aufsichten in Museen."

Mierle Ladermann Ukeles Kunst entsteht aus ihrer Biographie: Als sie Mutter wird, rät man ihr, sich vielleicht doch lieber auf Kind und Küche zu konzentrieren. Ihre Reaktion: Sie erklärt ihr Leben zur Kunst. Die Rolle, die ihr die Gesellschaft vorschreibt, erklärt sie zur Performance.

Kuratorin Isabelle Malz: "Sie sucht eigentlich immer die direkte Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Leben, das heißt, mit diesem Sozialpolitischen oder Politischen, mit der Verankerung des Menschen in einer Gesellschaft."

Das gilt für alle ausgestellten Künstlerinnen der Schau "I’m not a nice girl". Die etwas trotzige Feststellung, die zum Titel der Ausstellung wurde, geht auf eine Episode zurück, in der Lee Lozano, eine weitere Künstlerin, die hier gezeigt wird, auf eine Feststellung des Kurators Kaspar König reagiert, irgendwann in den sechziger Jahren in New York. "Sie sind eine gute Malerin und ein nettes Mädchen", so König. Lozano darauf: "In beiden Fällen liegen Sie falsch. Ich bin eine sehr gute Malerin und kein nettes Mädchen."

Frauen im männlich dominierten Kunstbetrieb

Lee Lozano ist vor allem für ihre erotisch aufgeladenen Gemälde von Werkzeugen bekannt. Nichts davon ist hier zu sehen. Stattdessen bekommt der Betrachter einen Einblick in ihre Notizbücher. Immer wieder befragt sie sich selbst, befragt sie den Kunstbetrieb, dem sie sich 1972 entzieht. Auch bei den anderen Künstlerinnen - neben Laderman Ukeles stehen noch Eleanor Antin und Adrian Piper im Fokus - geht es um die Auseinandersetzung als Frau, als Künstlerin mit dem Kunstbetrieb, der eben männlich dominiert war.

Und hier ist der Bezug zur Sammlung des Hauses wichtig. 2016 kaufte die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen den Nachlass der Galeristen Konrad und Dorothee Fischer, die amerikanische Konzeptkunst im Nachkriegsdeutschland bekannt gemacht hatten. Nur: Keine der vier Künstlerinnen der Ausstellung ist in dieser Sammlung vertreten, nur ihre Korrespondenz mit Konrad Fischer, dem die Künstlerinnen Vorschläge für Ausstellungen und Ankäufe machen.

Großer Erkenntnisgewinn

"Das ist eigentlich eine kritische Befragung des Archivmaterials, von nicht genutzten oder nicht gegangenen Wegen, Möglichkeiten, die hätten sein können, und auch Fehlstellen in unserer Sammlung. Man nimmt das Archivmaterial als Ausgangspunkt, aber gleichzeitig verknüpft man es damit, dass man sagt, man stellt wichtige Künstlerinnen und wichtige Positionen vor, die die Aufmerksamkeit immer noch nicht bekommen in Sammlungen in Europa, wie sie es verdient hätten."

"I’m not a nice girl" ist zwar eine kleine Ausstellung, die aber einiges an Beschäftigung mit dem gezeigten Material wie Briefen und Notizen abverlangt. Der Erkenntnisgewinn ist allerdings groß, denn hier erklärt sich exemplarisch der Mechanismus, der Frauen immer wieder durch das Kanon-Raster fielen ließ. Denn es waren Männer, die Kunst gesammelt, ausgestellt und damit den Kanon benannt haben.

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