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StartseiteKommentare und Themen der WocheNolde gehört ins Museum, nicht ins Kanzleramt12.04.2019

Ausstellung in BerlinNolde gehört ins Museum, nicht ins Kanzleramt

Im Kanzleramt wurden die Bilder Emil Noldes bereits abgehängt. Eine Ausstellung in Berlin zeigt den berühmten Expressionisten jetzt als glühenden Anhänger der NS-Ideologie. Diese Auseinandersetzung habe im Museum auch ihren richtigen Ort, kommentiert Stefan Koldehoff.

Von Stefan Koldehoff

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Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist eine neue Ausstellung mit Bildern von Emil Nolde zu sehen. (picture-alliance / dpa / Markus Schreiber)
Ausstellung im Hamburger Bahnhof: "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" (picture-alliance / dpa / Markus Schreiber)
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Die Kanzlerin hat zwei Bilder aus ihren Amtszimmern abhängen lassen, weil sich deren Maler – Emil Nolde – als schlimmer Rassist und Antisemit erwiesen hat. Das hätte Angela Merkel früher tun und offensiver begründen können, denn Noldes Gesinnung ist seit Langem bekannt. Der Zeitpunkt ist aber auch schon alles, was man an der Entscheidung kritisieren muss. Inhaltlich war sie vollkommen richtig: Das Amtszimmer der deutschen Regierungschefin ist nicht der richtige Ort für die Werke eines Hitler-Verehrers, der nicht davor zurückschreckte seinen Konkurrenten Max Pechstein als angeblichen Juden zu denunzieren und der für Hitler sogar einen "Entjudungsplan" entwarf. Dass unter diesen Bildern jahrelang auch Delegationen aus Israel, Polen oder Russland in der Regierungszentrale empfangen wurden, ist und bleibt unverständlich.

Museen sind der richtige Ort, um Noldes Bilder zu zeigen

Die deutschen Museen hingegen sind – anders als das Kanzleramt – der richtige Ort, um Noldes Bilder zu zeigen. Er war ein guter Maler, auch wenn das Personal seiner Bilder nach 1933 plötzlich auffallend oft blonde Haare und blaue Augen bekamen und die Landschaften heroischer wurde. Auch wenn er seine rassistischen Schriften nach 1945 selbst zensierte. Auch wenn Siegfried Lenz in seinem Roman "Deutschstunde" und Helmut Schmidt schon im Bonner Regierungssitz auf Noldes Selbststilisierung hereinfielen. Ja: Noldes Buhlen um Anerkennung als NS-Staatskünstler schlug fehl, und seine Werke wurden ab 1937 als "entartet" verfemt, weil sie nicht den formalen, ästhetischen Vorgaben der Nazis entsprachen. Aber trotzdem blieb er der NS-Ideologie treu.

Der gute Maler war ein furchtbarer Mensch. Mit diesem Widerspruch müssen die internationale Kunstwelt und die deutsche Gesellschaft ab sofort leben – die Berliner Ausstellung lässt daran endgültig keinen Zweifel mehr. Niemand fordert nun aber, wie in den vergangenen Tagen verschiedentlich behauptet wurde, Noldes Bilder aus den Museen zu entfernen. Im Gegenteil: Sie sind – anders als der Regierungssitz – genau der richtige Ort, die Brüche und Widersprüche in der deutschen Geschichte zu zeigen und über sie debattieren zu lassen.

Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal, studierte Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik und arbeitete als freier Journalist unter anderem für "taz", "FAZ" und "Die Zei"t. Seit 2001 ist er Redakteur in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunks.

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