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StartseiteKultur heuteManet und der Blick der Moderne25.05.2016

Ausstellung in HamburgManet und der Blick der Moderne

Der französische Maler Edouard Manet gilt als Wegbereiter des Impressionismus, obwohl er nicht dazugehören wollte. Obwohl seine Vorbilder die alten Meister Velázquez und Goya waren, lässt sein Werk erste Schritte zur Moderne erkennen. Die Hamburger Kunsthalle widmet ihm die Ausstellung "Sehen – Der Blick der Moderne".

Von Carsten Probst

Ein überdimensionales Plakat mit der Aufschrift "Die Kunst ist zurück - 30.04.2016" an der Außenfassader der Hamburger Kunsthalle. Mit einem großen Fest wird die Hamburger Kunsthalle nach umfangreicher Modernisierung wieder eröffnet. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
Nach dem Umbau und der Wiedereröffnung der Hamburger Kunsthalle ist die Manet-Ausstellung dort das zweite positive Ereignis innerhalb weniger Wochen. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
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Von links blinzelt kühn der antike Dichter Menippos über die Schulter, den Diego Velázquez um 1638 wie einen Madrider Stadtstreicher gemalt hat. Von der Stirnseite des Raumes aus fixiert einen Edouard Manets "Philosoph", mit dem er 1867 sein großes Vorbild Velázquez aufgreift. Manets Porträts "Angelina" und die Tänzerin "Lola de Valence" blicken scheu und starr von gegenüber. Im anschließenden Raum hängen das "Frühstück im Atelier" und "Der Balkon". Vom Standpunkt des Betrachters aus wirkt es tatsächlich, als träfen einen für einen Moment die Blicke der Bilder aus allen Richtungen. Klassisches Kuratorenhandwerk, das Arrangieren von Blickbeziehungen zwischen Bild und Besucher.

Die museumspädagogische Abteilung scheint sich allerdings nicht ganz so sicher zu sein, ob jeder Museumsbesucher noch so viel Geduld und Feinsinn mitbringt, und leistet vorsichtshalber Nachhilfe in Form von speziell markierten Standorten, von wo aus man die Blicke der gemalten Figuren besonders gut wie ein die Säle kreuzendes Vexierspiel erleben kann. Das rührende Bemühen um das nicht-bildungsbürgerliche Publikum der Hansestadt gehört zu den unfreiwillig erheiternden Details dieser letzten großen Ausstellung von Hubertus Gassner als Direktor der Hamburger Kunsthalle. 

"Also ich habe den Luxus mir gönnen können, mit einer großen Caspar-David-Friedrich-Retrospektive zu beginnen und mit Manet aufzuhören. Das sind natürlich auch zwei Schwerpunkte unserer Sammlung, es gibt kein Museum in Deutschland, das drei Manets hat. Deswegen ist es schön, mit der einen zu beginnen und mit der anderen aufzuhören. Das war so ein Ziel von mir." 

Etwas aufdringlicher Museumspädagogik

Und: Zum Abschied noch einmal eine richtig große Show. Hubertus Gassner blickt am Ende versöhnlich auf seine zwei Amtszeiten von insgesamt zehn Jahren an der Kunsthalle zurück, aus Sicht mancher Kritiker möglicherweise sogar erstaunlich positiv.

"Das überlass ich anderen, ob die Kunsthalle im Niedergang oder im Aufschwung ist. Das steht mir nicht an, dieses Urteil zu fällen. Ich habe hier sehr, sehr gern gearbeitet, mit einem wunderbaren Team, ich bin auch unbescheiden genug, zu sagen, dass es nicht mehr viele Direktoren gibt, die jedes Jahr eine Ausstellung machen. Also insofern, da ich die Möglichkeit hatte, beides zu tun, war das schon großartig." 

Zum guten Ende kein Wort mehr von Mittelkürzungen, zeitweiliger Schließung der Kunsthalle, weil der Hamburger Kulturetat nicht genügend Mittel für den laufenden Betrieb bereitstellte und stattdessen erwog, Teile der Sammlung zu versilbern. Tiefpunkte der Ära Gassner, die er mit fürwahr erstaunlicher Contenance über sich ergehen ließ.

Nach dem Umbau und der Wiedereröffnung des Hauses ist die Manet-Ausstellung das zweite Ereignis innerhalb weniger Wochen, durch das die Kunsthalle überregional positive Schlagzeilen produzieren wird. Das liegt, trotz etwas aufdringlicher Museumspädagogik, nicht nur an der vielen erstrangigen Werken, die für diese Schau international ausgeliehen werden konnten, darunter Porträts von Berte Morizot oder von Jean-Baptiste Faure in der Rolle des Hamlet und natürlich das Hauptwerk aus der Kunsthalle, die "Nana" von 1877. Nein, es ist die Auswahl selbst, die Akzentuierung auch von Manets Druckgrafik, die zwar weniger spektakulär, aber in ihrer Wirkung noch die Intimität der Blicke gegenüber seiner Malerei steigert. Manet, der sich bewusst von den Impressionisten abgrenzte, erscheint deutlich als Flaneur, als früher Interpret des öffentliches Raumes, in dem alle Teile der Gesellschaft versammelt sind. Ein Individualist und Pluralist gleichermaßen und als solcher von ungeahnter Aktualität. 

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