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StartseiteTag für TagMythos: Juden und Geld21.03.2019

Ausstellung in LondonMythos: Juden und Geld

Das Jüdische Museum in London hat sich eines Themas angenommen, das weh tut: die Juden und das Geld. Ein Thema durchwirkt von Vorurteilen, die sich in weiten Teilen der Gesellschaft bis heute halten. Eine Ausstellung ordnet Stereotype ein und geht den Ursprüngen des Judenhasses nach.

Von Ada von der Decken

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Rembrandts Gemälde in der Ausstellung "jews money myth" im Jüdischen Museum London (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)
Herzstück der Ausstellung ist dieses frühe Werk Rembrandts: Judas bringt die 30 Silberlinge zurück (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)
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Ein Bettelbrief, fast 1.000 Jahre alt, auf Hebräisch zu Papier gebracht: Ein armer blinder Mann aus dem ägyptischen Alexandria bittet seine jüdische Gemeinde um Geld: Er wolle Frau und Kinder zu sich holen, ihm fehlten aber die Mittel, um die Reise zu bezahlen. Die Ausstellung "Jews, Money, Myth" - "Juden, Geld, Mythos" beginnt anders als erwartet. Joanne Rosenthal, die Kuratorin:

"Dieser Brief wurde vermutlich in der Synagoge vorgelesen, um die wohlhabenden Mitglieder aufzufordern, diesem Mann zu helfen. Es verdeutlicht: Armut war die prägende Erfahrung für Juden im Laufe der Geschichte, sicher nicht Wohlstand und übermäßiger Reichtum. Zudem geht es hier um die Verpflichtung zu Wohltätigkeit."

In diesem Brief bittet ein armer jüdischer Mann um Spenden. Der Brief ist fast 1.000 Jahre alt. (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)In diesem Brief bittet ein armer jüdischer Mann um Spenden. Der Brief ist fast 1.000 Jahre alt. (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)

Das Dokument aus dem Jahr 1090 gibt Einblick in das jüdische Leben von damals: Das Gebot der Zedaka, also der Wohltätigkeit gegenüber Bedürftigen, gilt bis heute.

"Wir müssen auch schwierige Themen diskutieren"

Das Jüdische Museum in London hat sich ein kontroverses Thema vorgenommen: die Verbindung von Juden und Geld über die Jahrhunderte. Museumsleiterin Abigail Morris hatte die Idee zu der Ausstellung:

"Einige haben gesagt: Besser nicht über dieses Thema reden! Diese Worte ‚Geld‘ und ‚Jude‘ sollten nicht zusammen genannt werden. Aber da entgegne ich entschieden: Nichts kann je besser werden, wenn wir nicht darüber sprechen. Ich denke, wenn wir als Gesellschaft weiterkommen wollen, dann müssen wir auch schwierige Themen diskutieren."

Museumsleiterin Abigail Morris (links) mit Kuratorin Joanne Rosenthal in der Ausstellung "Jews, Money, Myth" im Jüdischen Museum London (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)Museumsleiterin Abigail Morris (links) mit Kuratorin Joanne Rosenthal (Deutschlandradio/ Ada von der Decken)

Die Ausstellung geht alten Stereotypen über Juden nach und fragt nach deren Wurzeln. Wo kommt es her, das Bild vom geldgierigen jüdischen Banker? Es hat sich auch in der englischen Sprache niedergeschlagen: In einer Ausgabe des Oxford-Wörterbuchs von 1933 wird "jew" nicht nur mit dem Wort "Jude", sondern auch mit "betrügen" gleichgesetzt. Die Wurzeln der judenfeindlichen Vorurteile liegen in den Anfängen des Christentums:

"Judas zum Archetyp des Juden stilisiert"

"Judas wurde zum Symbol für den schrecklichen jüdischen Verrat schlechthin", sagt Abigail Morris. "Ursprünglich wurde er gar nicht so negativ dargestellt. Zu dem extrem negativen Judas-Bild kam es erst, als die Kirche Juden des Wuchers bezichtigte. Da wurde Judas zum Archetyp des Juden stilisiert. Obwohl ja alle Jünger Juden waren - und Jesus natürlich auch."

Ein Rembrandt-Gemälde  - ein Kernstück der Ausstellung  - thematisiert diesen Judas. Auf den Knien, in verzweifelter, um Vergebung flehender Pose wirft er den Priestern die Silberlinge hin, die er für den Verrat erhalten hat. Doch die Priester weisen ihn ab. So wird es in der Bibel im Matthäus-Evangelium berichtet. Geht es ihm also gar nicht ums Geld?

Ressentiments seit dem Mittelalter

Das Mittelalter ist Schlüssel zum Verständnis bis heute währender antijüdischer Ressentiments: Rund 1.000 Jahre nach der Kreuzigung ist erstmals das Bild des habgierigen Juden belegt. Dabei war es nicht nur Juden vorbehalten, als Geldverleiher zu arbeiten. Und: Nur die wenigsten Juden hatten überhaupt die finanziellen Mittel, sich in Geldgeschäften zu engagieren. Aber in Zeiten von Kreuzzügen und finanziellen Nöten wurden Menschen anderen Glaubens im eigenen Land zum Sündenbock gemacht: England erließ 1290 ein Ausweisungsedikt, Juden mussten auswandern.

David Feldman in der Ausstellung "jews money myth" (Detuschlandradio / Ada von der Decken)David Feldman leitet das Pears Institute für Antisemitismusstudien (Detuschlandradio / Ada von der Decken)

David Feldman leitet das Pears-Institut für Antisemitismusforschung und hat die Ausstellung wissenschaftlich betreut. Wie die Stereotype über Geld und Juden gewirkt haben, skizziert er so:

Vorurteile halten sich hartnäckig

"Diese Ideen sind ein Sammelbecken von Vorurteilen, die in der westlichen Kultur existieren. Dabei sind sie politisch nicht einmal klar zuzuordnen: Sie sind historisch betrachtet rechts, ganz rechts und links aufgetaucht."

Die Ausstellung schlägt den Bogen zur heutigen Zeit, in der überwunden geglaubte Vorurteile und Judenhass wieder salonfähig zu werden scheinen. Aktuell haben neun Labour-Abgeordnete ihre Partei verlassen, sie verweisen dabei auf einen strukturellen Judenhass in der Oppositionspartei des Jeremy Corbyn. Vorurteile halten sich hartnäckig: Das Jüdische Museum in London hat einen mutigen Schritt unternommen, sie in Bezug auf Juden und Geld zu demontieren.

Die Ausstellung "Jews, Money, Myth" ist bis zum 7. Juli 2019 im Jüdischen Museum in London zu sehen.

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