Samstag, 14.12.2019
 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKultur heuteDer erste Völkermord des 20. Jahrhunderts24.11.2016

Ausstellung in ParisDer erste Völkermord des 20. Jahrhunderts

Der erste Völkermord des des 20. Jahrhunderts wurde von Deutschen verübt: an den Herero und Nama, zwei Völker im heutigen Namibia. Seit vergangenem Jahr wird das Massaker an den Herero im Sommer 1904 auch von der Bundesrepublik "Völkermord" genannt. Eine Pariser Ausstellung widmet sich diesem dunklen Kapitel deutscher Kolonialgeschichte.

Von Jürgen König

Bei der Übergabe von 20 Schädeln an die Opferorganisation "Ovaherero/ Ovambanderu - Rat für Dialog über den Genozid von 1904" steht ein Schädel am Freitag (30.09.2011) in der Berliner Charité hinter Plexiglas. Vor mehr als hundert Jahren ermordeten deutsche Soldaten tausende Einwohner der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.  (picture alliance / Rainer Jensen)
Die Pariser Ausstellung "Mémorial de la Shoah" dokumentiert den ersten Völkermord an den Herero und den Nama in Deutsch-Südwest-Afrika. (picture alliance / Rainer Jensen)
Mehr zum Thema

Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer Zähe Verhandlungen um Völkermord an den Herero

Völkermord an Herero in Namibia CDU-Politiker Polenz fordert zügige Entschuldigung

"Hoch geehrter Herr Oberleutnant! Sie haben die große Güte gehabt, uns einen wissenschaftlich sehr interessanten Herero-Schädel als Geschenk zu übergeben. Indem ich Ihnen für diese sehr erwünschte Zusendung bestens danke, erlaube ich mir die Anfrage, ob Ihnen irgendein Weg bekannt ist, auf dem wir zu einer größeren Anzahl von Herero-Schädeln gelangen könnten.

Denn der uns von Ihnen geschenkte Schädel entspricht so wenig dem Bilde, das man sich bisher ( ... ) von dem Schädel-Typus des Herero gemacht hat. Es ist mir sehr erwünscht, möglichst bald ein größeres Schädelmaterial von den Hereros für die wissenschaftliche Untersuchung zu sichern."

Ein Brief aus dem Jahr 1905. Gleich daneben zeigt die Ausstellung Fotos: Soldaten, stehend neben Herero-Frauen, die Dutzende Schädel sorgfältig verpacken und in Holzkisten stapeln. Die Bitte des "Wissenschaftlers" wurde erfüllt: deutsche Rassentheoretiker können nun in Berlin die Schädelformen analysieren und typologisch unterscheiden und am Ende die Minderwertigkeit des Volkes der Herero für "bewiesen" halten.

Die Ausstellung im Pariser Mahnmal zur Erinnerung an die Shoah dokumentiert die gesamte deutsche Kolonialisierung Südwest-Afrikas. Die ersten Siedler waren Missionare, sie kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kaiser Wilhelm II sah Kolonien als unerlässlich an, um Deutschland Weltgeltung zu verschaffen: 1884 wurde "Deutsch-Südwestafrika" als "Schutzgebiet" proklamiert.

Der Beginn eines schrecklichen Jahrhunderts

Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die aufständischen Hereros in Deutsch-Südwestafrika wird im Jahr 1904 die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. (picture-alliance / dpa - Friedrich Rohrmann)Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die aufständischen Hereros in Deutsch-Südwestafrika wird im Jahr 1904 die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. (picture-alliance / dpa - Friedrich Rohrmann)
Den einheimischen Völkern, etwa den Herero oder den Nama, kaufte man ihr Land ab, mal ehrlich, mal weniger ehrlich. Ihre Lebensbedingungen wurden immer schwieriger, Unruhen und Aufstände waren die Folge. Die "Modellkolonie" schlug hart zurück: vier Fünftel Herero-Volkes, etwa 65.000 Menschen und die Hälfte der Nama, an die 10.000 Menschen, wurden zwischen 1904 und 1908 getötet: nach einem "Vernichtungsbefehl" des Generals Lothar von Trotha. Ausstellungskuratorin Sophie Nagiscarde:

"Dieser Völkermord markiert den Beginn eines schrecklichen Jahrhunderts. Was sehr auffällt ist, wie früh schon von "Untermenschen" gesprochen wurde, wie brutal auch die ganze Rassenpolitik schon zu Beginn des Jahrhunderts umgesetzt wurde! Für mich das größte Symbol dafür ist Lothar von Trotha, der vom Kaiser richtig den Auftrag bekam, die Herero zu vernichten.

Auch Konzentrationslager gab es schon sehr früh, im südlichen Afrika waren es die Briten, die als erste welche bauten – noch vor den Deutschen also. Aber auch in deren Arbeitslager sind viele gestorben wegen der katastrophalen Haftbedingungen."

Fotos zeigen Gefangene, mit Halseisen und Ketten gefesselt, auf dem Weg ins Konzentrationslager "Shark Island"; sprachlos steht man vor akkurat geführten Listen der Kolonialverwaltung: mit Gefangenen- und Totenzahlen, tabellarisch unterteilt in die Rubriken "Männer", "Weiber" und "Kinder", von einem "Finanzdirektor" unterschrieben: "Major im Generalstabe".

Völkermord eindrücklich und sorgfältig dokumentiert

Mit vielen Dokumenten, gibt die Ausstellung die Atmosphäre jener Jahre wider: Zeitungsausschnitte, Kolonialplakate, Bücher. Etwa eines, versehen mit der Widmung: "Den in der Kolonie ermordeten Kulturpionieren und den fürs Land gefallenen Helden zu ehrendem Angedenken. Den Jüngeren als Ansporn zur Mitwirkung an weiterer Kulturarbeit im neuen deutschen Lande." Derlei ins Französische zu übersetzen, ist wahrlich eine Kunst, und die Ausstellung meistert sie bravourös. Wissenschaftler aus Frankreich, Deutschland, Namibia und den Niederlanden haben sie erarbeitet - Sophie Nagiscarde:

"Wir haben schon Ausstellungen über den Völkermord an den Armeniern und über den an den Tutsi in Ruanda gezeigt. In einer größeren Ausstellung ... ganz allgemein über den Völkermord im 20. Jahrhundert - da kam auch der an den Herero schon vor – und da diese Ereignisse in Frankreich kaum bekannt sind, wollten wir sie zum Thema einer eigenen Ausstellung machen. Zwischen dem Völkermord an den Herero und dem an den Juden gibt es keine direkten Verbindungen, aber der Nährboden ist der gleiche, er brachte Rassismus hervor, Gewalt, Menschenvernichtung – und darüber zu sprechen, ist uns wichtig."

Gänzlich neue Erkenntnisse vermittelt die Ausstellung nicht. Aber sie vergegenwärtigt auf beklemmende Weise, was deutscher Größenwahn schon zu Beginn des Jahrhunderts angerichtet hat. Deutschland hat die Verbrechen als Völkermord anerkannt. Entschädigungsleistungen soll es nicht geben. Dabei haben die Herero ihr Land nie wiederbekommen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk