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StartseiteCorsoModegeschichte erleben22.01.2014

AusstellungModegeschichte erleben

Ein Brautkleid aus Fallschirmseide, eine Unterhose mit Schlitz und Kinderkleider aus Nazi-Fahnen: Was Mode und Kleidung für die Menschen zwischen 1870 und 1970 bedeutete, zeigt eine aktuelle Ausstellung im Kulturbahnhof in Lennestadt- Grevenbrück im Sauerland.

Von Natascha Kempf-Dornseifer

In der Anprobe (dradio.de/Andreas Lemke)
Die Ausstellung zeigt Mode aus 100 Jahren (dradio.de/Andreas Lemke)

"Ganz interessant, wenn man denkt, jetzt bin ich 73, und da war ich 16, ist ja auch dann der Rückblick und die Erinnerung an die Zeit, wo ich das Kleid mal getragen hab. Ich konnte nie was wegwerfen, hab ich das, weil's noch gut instand war, mal aufbewahrt, das lag immer noch in irgendeiner Schublade, und hab ich jetzt wieder hervor geholt."

Hildegard Stenz steht vor einem buntem Kleid mit rot- grünem Blumenmuster, das einer menschengroßen Puppe angezogen wurde. Es ist ihr Kleid, das sie in den 50er-Jahren zu festlichen Anlässen trug. Jetzt hängt es in der Ausstellung. Hildegard Stenz konnte einige alte Schätzchen beitragen. Das Kleid war schon Luxus, aber sie hatte Glück, dass ihre Tante Schneidermeisterin war. Sie erinnert sich noch genau an die Nachkriegsjahre, in denen es besonders wichtig war, selbst nähen, flicken und stricken zu können. Ein Schneider war oft teuer und Stoffe waren rar. Not machte da erfinderisch, erinnert sich die 73-Jährige:

"Es wurd ja alles benutzt, was noch irgendwo da war, was die Leute noch hatten, alte Sachen wurden aufgetrennt und wieder neu genäht oder gewendet, aus einer alten Nazifahne wurden dann teilweise Kinderkleidchen oder Schürzchen für Kinder, gemacht. Man musste ja alles verwenden, was noch brauchbar war. Das Hakenkreuz war ja nur so in der Mitte, und das wurd dann weg getan, das konnte man ja nicht aufbewahren, da konnte man dann doch Probleme bekommen und das kam dann doch in einen Ofen."

"Früher bekam ein Mann mit einem guten Anzug eine Statur"

Hildegard Stenz ist nicht die Einzige, die beim Anblick der ausgestellten Kleider, Schürzen, Fracks, Zylinder, alten Nähmaschinen und Schuhe in Erinnerungen schwelgt. Neben ihr steht Heinz Griese. Bis vor Kurzem führte er eine Schneiderei im Sauerland - in dritter Generation. Der 83-Jährige findet die Mode von früher viel eleganter als heute:

"Früher war schöner beispielsweise ein Anzug, der Mann kriegte mit einem gut sitzenden Anzug noch eine Statur. Er stellte was vor. Heute, wenn Sie so ein Fummeltingel sehen, was da irgendwo in Fernost gemacht ist, eine alte Jeans und ein Hemd drüber, was laufen Männer da rum, ist alles Blödsinn, woll, aber das ist keine Mode mehr, das ist Anti- Mode. die Menschen haben keinen Geschmack mehr.

Mit viel Geschmack und Liebe hingegen ist die Ausstellung aufgebaut. Sie zeigt nicht nur alte Kleidung, sondern liefert die Geschichten dazu gleich mit. Ein paar Meter neben dem Kleid von Hildegard Stenz hängt ein weißes Brautkleid von 1946. Es wurde aus einem alten Fallschirm genäht, weil es damals keine Stoffe zu kaufen gab. Die Braut hat das Kleid nie getragen, sagt Ausstellungs- Leiterin Susanne Falk:

"Das ist eine ganz berührende Geschichte. Die Frau, die sich das Brautkleid hat nähen lassen, hatte ihre Hochzeit schon geplant, und da andere Stoffe nicht zur Verfügung standen, wurde es in Fallschirmseide, also in einem umgewidmeten Fallschirm genäht, und es ist aber nie gebraucht worden, weil ihr Bräutigam aus dem Krieg nicht zurück gekommen ist, er ist dort umgekommen. Und das ist die tragische Geschichte da dran, sie hats aber für immer bewahrt, obwohl sie nie wieder geheiratet hat."

"Das haben wir alles schon gehabt"

Viele Stücke in der Ausstellung sind Leihgaben von Privatpersonen aus Lennestadt, oder aber aus dem Museum der Stadt. Angetan hat es Susanne Falk auch das Thema Unterwäsche:

"Bis in die 20er-Jahre hinein trugen zumindest die Frauen ein offenes Beinkleid, also das im Schritt geöffnet war. Um nicht jedes Mal das Korsett ausziehen zu müssen, wenn man zur Toilette ging. Im Schritt war's offen, also sie hatten praktisch zwischen den Beinen eine offene Stelle, wenn man dann beim Schlittenfahren irgendwie sich die Mädchen kugelten und das Kleid nach oben schlug, sah man natürlich ganz nackt aus, und das konnte ja jederzeit passieren."

Auch die Besucher haben beim Anblick von alten Hüten, Nähmaschinen, Kleidern, Fracks, Wollsocken, Schürzen und Unterwäsche einiges zu erzählen:

"Ja sicher, die Taille, die wir früher mal hatten, hier bei den Kleidern, ich sag so oft, das haben wir auch schon alle gehabt, wir haben schon eben so Spaß gehabt, eine Bekannte, ich sag, guck mal die, ja sagt sie, das würd ich ja auch anziehen, wenn ich die Taille noch hätte, ja ich sag, hatten wir früher doch auch, wir sahen doch nicht schon so aus."

"Die BHs, die weißen, von meiner Oma musst ich immer bügeln, das hab ich ja gehasst."

"Sehr schön vor allen Dingen die Entwicklung der Kleidung, wie sich das dann von den 20er-Jahren bis dann 70er-Jahre oder so gegeben hat."

"Ich find's einfach klasse gemacht, einfach total ergreifend, dass man die Geschichte quasi noch mal neu erleben kann."

"Oh schreckliche Zeiten, die langen Strümpfe, das war doch entsetzlich. Das waren ja nun dieses kratzigen Dinger, hab ich mich geweigert, die anzuziehen."

"Überhaupt so diese auch mit der Unterwäsche die Sache. Wenn sie jetzt heute Abend sich auspacken müsste erst, was die alles angehabt früher  

"Hat man schon keine Lust mehr!"

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