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StartseiteKultur heuteEs lebe die Anarchie!31.01.2019

Ausstellung "Reality Check"Es lebe die Anarchie!

Autowracks, Spielzeug, Essensreste: Alles kann zu Kunst werden! Das bewiesen nach dem Zweiten Weltkrieg Künstler wie Jean Tinguely und Daniel Spoerri. Eine Ausstellung in Winterthur vergleicht ihre Werke mit Alltagskunst von heute - das Ergebnis ist eindeutig.

Von Christian Gampert

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Das Werk "Sevilla-Serie Nr. 18 Mit Händen und Plastikblumen" des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri aus dem Jahr 1991, ausgestellt auf der Kunstmesse "art Karlsruhe" in Karlsruhe (Baden-Württemberg) am 12.03.2014 (Uli Deck/dpa)
Das Werk "Sevilla-Serie Nr. 18 Mit Händen und Plastikblumen" des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri aus dem Jahr 1991, ausgestellt auf der Kunstmesse "art Karlsruhe" (Uli Deck/dpa)
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Ein Schweizer "Reality Check" muss mit Jean Tinguely beginnen. Als sich der gelernte Schaufenster-Dekorateur in den 1950er Jahren erstmals auf Schrottplätzen umschaute, entstanden so liebenswürdige Figuren wie der "Wilde Mann" - eine sich spastisch schüttelnde Eisen-Mechanik in vage menschlicher Gestalt, die der Künstler dann auf einen Baumstumpf montierte. Das Werk nimmt augenscheinlich auf die Basler Fasnacht Bezug und ist also gleich zweifach dem Alltag verbunden: als totem-artig verfremdetes Brauchtum und als Wiederverwertung von Industrie-Müll, der in Bewegung gesetzt wird.

Die Verwendung von Alltagsmaterial wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem internationalen Phänomen - zunächst mit Frankreich als Zentrum, sagt Kurator Konrad Bitterli. Später, in den 60er Jahren, kam dann ja noch Italien mit der Arte Povera hinzu:

"Interessanterweise sind diese Entwicklungen ja hauptsächlich in Paris passiert. Jean Tinguely und Spoerri waren in den 1950er, 1960er Jahren in Paris, und waren Teil der Bewegung der "Nouveaux Réalistes", eine künstlerische Bewegung, die sich manifestartig gegen die informelle Malerei gewendet hat."

Frühstück an der Wand

Auch die Informellen waren wilde Männer, allerdings verblieb ihre gestische Malerei dann doch im Bild-Rahmen. Der Neu-Realist Daniel Spoerri dagegen konservierte und fixierte sein gesamtes Frühstück auf der Tischplatte und kippte das Ganze hochkant an die Wand - das war ein ganz anderer Zugang. Dieter Roth, noch ein Schweizer, ist in der Ausstellung mit seinem "1978 angefangenen Trauerbild" vertreten, das verblichene Polaroids und Plexiglas ins Farbgemantsche integriert. In einem anderen Bild benutzt er Bierdeckel und Verpackungen - und ausnahmsweise mal keine Schokolade.

Konrad Bitterli: "Und ich glaube, dieses Überprüfen der Realität ist heute umso wichtiger, weil wir ja umgeben werden mit Fake News, mit Dingen, die uns da in der digitalen Welt zugeschmissen werden, die uns umgeben - was wir alles nicht mehr überprüfen können."

Die Wiederbegegnung mit diesen Werken tut gut - und doch fragt man sich, ob nicht auch diese anarchische Hochphase mittlerweile fein integriert ist in einen Museumsbetrieb, der alles Widerständige zähmt und seinem großen Magen einverleibt. Allerdings: Wenn man diese Nachkriegs-Klassiker neben den Vertretern der Gegenwartskunst sieht, wie in dieser Ausstellung, dann geht der Vergleich zugunsten von Tinguely und Co aus.

Denn egal, ob Arman einen auseinandergenommenen Reisewecker zum Stilleben arrangiert oder Meret Oppenheim Stahlblech und Schrauben zu einer Libelle formt, ob der hier ausgiebig vertretene "Affichist" Raymond Hains schrundige, abgerissene Plakatwände zu abstrakten Gemälden erklärt oder John Chamberlain wüst verbogene, "verunfallte" Auto-Karosserien als Zeugnisse einer gewalttätigen Wegwerf-Gesellschaft vorzeigt: All das ist doch etwas stärker als die Werke etwa von Manfred Pernice oder Reto Boller.

Alltagskunst von heute: zwar originell, aber kühl

Pernice, dem fast ein ganzer Raum gehört, ist mit seinen immer wieder auftauchenden Dosen-Formen und seinen Baumarkt-Materialien zwar originell, aber auch ein bisschen kühl. Der sarkastische Dachlatten-Arrangeur Georg Herold, der in der Schau leider fehlt, wäre da ein anderes Kaliber. Der Schweizer Reto Boller schließlich arbeitet mit Motorradhelmen, die mahnend vor blutroten Menschen-Silhouetten an der Wand hängen, und mit Verbands- und Bandage-Material auf Bodenplatten.

Als Weiterführung der Alltagskunst präsentiert das Museum dann in vier Sälen den Belgier Koenraad Dedobbeleer, der zwar auch Taue, Besen, Zerrspiegel, Basketbälle oder Spielzeug nutzt, die vorgefundenen Gegenstände aber meist in traumverlorene Arrangements einbettet oder die Ursprungs-Idee, etwa ein Klettergerüst, in eine abstrakte Form zwingt. Wenn man zurückgeht in die Siebziger-Jahre-Abteilung, etwa zu Richard Hamilton, fühlt man sich viel direkter angesprochen. Denn Hamilton hat nicht nur Werke von Marcel Duchamp rekonstruiert - der Ahnvater des Ready-Mades darf hier natürlich nicht fehlen -, sondern auch ironische Repliken von Werbe-Aschenbechern und Wasserflaschen der Pastis-Marke "Ricard" gefertigt - als poppige Augentäuschung. Da steht dann nicht "Ricard" drauf, sondern "Richard". Richard Hamilton machte, sehr alltagsnah, Werbung für sich selbst.

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