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StartseiteKultur heuteKulturelle Kolonisierung29.04.2015

Ausstellung über afrikanische FotografieKulturelle Kolonisierung

In Berlin sind derzeit über 100 Jahre alte Fotografien aus Afrika zu sehen. Aus ihnen erschließt sich, wie kulturelle Klischees des Fremden und Exotischen entstanden. Dabei zeigt die Ausstellung in der C/O Berlin faszinierende, schöne, echte Menschen.

Von Carsten Probst

Kameras des Typs Leica X1 (picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Alte Fotokameras: Als die Technik erschwinglich wurde, inszenierten sich auch die kolonisierten Afrikaner vor der Linse. (picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Der Zwiespalt, den diese Präsentation aus der Arthur Walther Collection hervorruft, ist schon im Titel verankert: Distance and Desire – Distanz und Begehren. Es ist kaum möglich, nicht fasziniert zu sein von diesen zumeist über hundert Jahre alten Fotografien und den darauf abgebildeten berührenden Gesichtern, ihrer Schönheit und zugleich ihrer Eingezwängtheit in die Konventionen des späten Kolonialismus. Und ebenso erblickt man in diesen Fotografien, unterstützt von ihrer Aufarbeitung durch die Artur Walther Collection, natürlich das Instrument der Klassifizierung, der kulturellen Kolonisierung. Vielfach sind die historischen, oftmals kleinformatigen Aufnahmen zu Serien zusammengefasst, Serien von Motiven, bei denen mitunter ein und dasselbe Bild in verschiedenen Farbvariationen immer wiederholt wird. Oder man sieht den immerselben Bildtypus, das arrangierte Familien- oder Einzelportrait, das vor allem auf die Zweckbestimmung dieser Aufnahmen verweist: Für Familienalben, Visitenkarten, für wissenschaftliche Studien oder populäre Magazine. Die Arthur Walther Collection mit Sitz in Neu-Ulm und New York ist nicht nur eine Fotografiesammlung im kulinarischen Sinn des Wortes. Sie ist ein Archiv und zählt zu den wissenschaftlich am sorgfältigsten betreuten Sammlungen überhaupt. Aus ihr erschließt sich eine Konstruktion kultureller Klischees und Images, des Fremden und Exotischen mit den Mitteln der frühen Fotografie für den Geschmack des europäischen Publikums. Die Londoner Kuratorin Tamar Garb beschreibt kurz und bündig, dass diese Kolonisierung des Bildes durchaus keine einseitige Angelegenheit war, sondern freiwillig von den bürgerlichen Schichten Afrikas angenommen wurde, die nun plötzlich über die Möglichkeit der bildlichen Selbstdarstellung verfügten, die zuvor nur der Oberschicht offenstand.

Die Fotografie kam im 19. Jahrhundert zur selben Zeit nach Afrika wie nach Europa, sagt Tamar Garb. Und man kann in Afrika dasselbe Verhalten der Leute beobachten, wie in Europa, nämlich dass sich die Leute in Schale werfen, um sich im Studio fotografieren zu lassen.

Schönheit und Perfidie in Einem

Sie werfen sich sogar in fast dieselbe Schale, muss man noch hinzufügen. Es galt als elegant, wenn die gutbürgerliche Frau aus Südafrika oder Namibia in viktorianischen Kostümen und Accessoires auftrat, kombiniert allenfalls mit wenigen Ketten oder Federn, die ihre Stammeszugehörigkeit demonstrierten. Es gibt Fotos von Polizisten und Soldaten in akkuraten Uniformen der Kolonialmacht, Bilder, die Gruppen von Aufständischen zeigen nach erfolgreichen Verhandlungen für einen Friedensschluss mit den Kolonialherren. Allüberall aber ist es dieselbe Zwiespältigkeit, Schönheit und Perfidie in einem. Sich in den Fotografien auf dieselbe modische Weise wie die europäischen Kolonisatoren zu inszenieren, mag den afrikanischen Bürgern als ein Zeichen von Teilhabe erschienen sein. De facto war diese natürlich nur ein Wunschtraum, weidlich ausgenutzt von den Weißen. Es sind Dokumente der kulturellen Hegemonie, der Macht, oder mit einem Wort Okwui Enwezors: "Snap Judgments" – geknipste Urteile.

Dass die fotografische Moderne diese kolonialen Rollen- und Rassenbilder aufnahm, sie perpetuierte, nicht zuletzt über die sogenannte wissenschaftliche Typenforschung, mit der man nach afrikanischen "Musterexemplaren" suchte, macht sie auch zum Gegenstand zahlreicher Arbeiten bekannten Gegenwartsfotografen wie Santu Mofokeng, Jo Radcliffe oder David Goldblatt, deren Arbeiten im zweiten Teil dieser Ausstellung zu sehen sind und ihre Aktualität doppelt und dreifach unterstreichen.

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