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StartseiteKultur heute"Wir sind sehr aus der Übung gekommen"07.12.2016

Ausstellung zum Thema Warten"Wir sind sehr aus der Übung gekommen"

Das ICI Kulturlabor Berlin zeigt eine Foto-Ausstellung zum Thema Warten. Diese Erfahrung habe in unserer Gesellschaft eine politische Dimension, sagte eine der Kuratorinnen, Claudia Peppel, im DLF. Anhand der Flüchtlingsfrage etwa könne man sehen, dass "sehr viele Leute erleben, dass Warten sich auch nicht lohnen kann".

Kuratorin Claudia Peppel im Gespräch mit Michael Köhler

Ein Mann steht vor einer Gruppe von Campingzelten im Regen, vor ihm eine große Pfütze. (picture alliance / dpa / Yannis Kolesidis)
Eine Fragestellung der Ausstellung: das Warten von Flüchtlingen (picture alliance / dpa / Yannis Kolesidis)
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Soziales Alltagsphänomen Über das Warten

Michael Köhler: Wer an den Feiertagen sehnlichst auf Verwandte wartet, freut sich. Wer hingegen an Grenzen wartet oder in Kriegs- und Krisenzeiten der Mangelwirtschaft für Lebensmittel in der Schlange stand und wartete, fühlte sich gedemütigt, vernachlässigt oder erniedrigt. Wer in diesen Tagen am Postschalter steht, um ein Weihnachtspaket aufzugeben, braucht Geduld. Das wird als verlorene Zeit, oder fremdverfügte Zeit empfunden. Es gibt unangenehme Warteschleifen und es gibt freudvolles Warten. Den Advent zum Beispiel. 

Das ICI Kulturlabor Berlin (*) denkt übers Warten nach, eröffnet heute eine Foto-Ausstellung über das Thema und zeigt Wartezimmer.

Claudia Peppel, wissenschaftliche Koordinatorin am ICI Kulturlabor Berlin (**), habe ich gefragt: Wer wartet, wird diszipliniert, mit oder ohne Einverständnis. Es hat was von Handlungs- und Optionenentzug, es lähmt? Überwiegen die negativen Seiten?

Claudia Peppel: Ja. Ich glaube, dass insbesondere in der heutigen Zeit wir nicht mehr gewohnt sind zu warten, ohne dass wir uns ablenken. Und ich glaube, dass das auch eine wichtige Erfahrung ist, wie man sehen kann, dass inzwischen fast alle Ämter und auch am Flughafen, wo man auf sein Gepäck wartet, überall gibt es inzwischen Bildschirme, die versuchen, uns abzulenken, wenn wir uns nicht selber mit unseren Mobiltelefonen beschäftigen.

Ich glaube, dass tatsächlich dieses gegen eine Wand starren oder in den Himmel schauen oder aus dem Fenster und überhaupt auch etwas mit der Zeit anzufangen oder sich die Zeit insofern zu vertreiben, dass man sich mit sich selbst oder seinen Gedanken beschäftigt und sich, wie es auch so schön heißt, in Geduld übt, sehr aus der Übung gekommen ist.

Köhler: Wir sind in so einer "just in time delivery"-Gesellschaft.

Peppel: Genau.

Beim Arzt heißt es, "bitte bringen Sie Zeit mit"

Köhler: Man steht nicht mehr an der Theke so wie früher. Es gibt nicht nur in Washington sogenannte Linestander, also Leute, die anstehen für andere und damit ihr Geld verdienen. Wer ein bisschen an Marx geschult ist weiß: Geld gilt Zeit ab. Auch das Warten ist bei uns inzwischen ökonomisiert?

Peppel: Ja, auf jeden Fall! Ich glaube, es gibt wirklich eine hohe Ökonomie des Wartens. Und tatsächlich ist es ja auch so - und ich glaube, das ist etwas, was wir uns viel zu wenig vergegenwärtigen -, dass das natürlich auch eine hohe politische Dimension hat. Die Frage ist ja immer, wer entscheidet darüber, dass wir warten? Warum gibt es Kontexte, in denen wir überhaupt nicht warten müssen? Angenommen Sie haben einen Termin beim Rechtsanwalt oder der Rechtsanwältin, würde ich es für sehr ungewöhnlich halten, wenn Sie da warten müssen, während wann immer Sie zur Ärztin oder zum Arzt gehen, glaube ich, gibt es kaum jemand, der nicht mindestens eine halbe Stunde Zeit, wenn nicht mehr mit einplant. Und es heißt ja dort auch sehr, sehr oft, bitte bringen Sie Zeit mit, als ob das etwas wäre, was man in die Tasche packen kann und einfach mitnimmt. Und andererseits ist es ja auch so, dass es ja jemanden gibt, der darüber entscheidet, wer warten muss und wer nicht wartet, genauso auch, in welcher Form wir warten.

Köhler: Es gibt auch keine Wartesäle mehr, sondern das heißt heute Lounge.

Peppel: Genau. Es heißt Lounge. Aber es gibt natürlich immer noch, denke ich - und das ist auch das, was wir in unserer Ausstellung zeigen wollen, die sich ja um Wartezimmer dreht -, es gibt halt doch nach wie vor sehr, sehr öde Wartezimmer und Warteräume. Und auch das ist natürlich ein Phänomen, dass es ja diese Räume gibt in unserer Gesellschaft, wo wir nichts anderes tun, als zu warten.

Köhler: Nicht nur wer Kinder hat, Frau Peppel, weiß, man muss Geduld haben und warten können. Wer einen Hefeteig macht, der muss gehen; auch Käse muss reifen. Ich will es nicht veralbern. Menschen reifen auch. Aber man kann auch vergeblich warten, berühmtes Theaterstück: "Warten auf Godot".

Peppel: Ja, man kann auch vergeblich warten, und ich glaube, auch das ist etwas, was natürlich jetzt auch in der aktuellen Situation mit Flüchtlingen oder anderen Leuten, die sich um ein Visum bemühen, was, denke ich, in der heutigen Zeit sehr, sehr viele Leute erleben, dass Warten sich auch nicht lohnen kann, dass es auch Jahre dauern kann, dass man auf etwas wartet, was sich dann aber nie einstellt. Von daher, denke ich, ist es natürlich eine sehr, sehr spezielle Situation, dass dieser, wie Sie ja auch sehr schön jetzt auf die Adventszeit angesprochen haben, erlösende Moment gar nicht eintritt und das Warten überhaupt gar nicht endet, sondern man unter Umständen wirklich viele Jahre seines Lebens damit verbringt, auf etwas zu warten, was dann nie kommt.

"Die Erfahrung, dass man Zeit verschwendet hat"

Köhler: Kann man es lernen oder aushalten?

Peppel: Ja, kann man es aushalten? Ich denke schon, dass Warten sehr, sehr viel Selbstdisziplin erfordert, egal in welcher Länge man warten muss. Ich denke, dass man sich auf jeden Fall selbst disziplinieren kann, aber dass das natürlich wesentlich leichter ist, wenn man das Gefühl hat, dass sich das Warten lohnt, und auch das ist natürlich speziell und in unserer Sprache gibt es ja sogar diesen Satz oder diese Redewendung: Das Warten hat sich gelohnt.

Köhler: Wenn eine Prämie darauf ausgesetzt ist.

Peppel: Wenn eine Prämie, oder wenn wir zumindest das bekommen, was wir uns erhofft haben. Und somit kann natürlich auch mit dem Warten eine Überhöhung stattfinden, nämlich dass wir das, was wir dann erhalten, besonders wertschätzen, wenn wir besonders lange darauf gewartet haben. Auch das gibt es ja, wie Sie wissen, zur Genüge, dass sich Trauben bilden, wenn es irgendwelche bestimmten Produkte gibt und wir dann darauf warten und uns glücklich schätzen, wenn wir nach der Warterei dann das Produkt in den Händen halten. Das heißt, es kann natürlich auch eine Überhöhung erreicht werden, indem man Leute warten lässt auf das, was dann kommt. Aber es ist natürlich besonders deprimierend, wenn sich das nie einstellt und man nicht das bekommt, was man will, und dann tatsächlich nur deprimierende Erfahrungen macht, dass man Zeit verschwendet hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Anm. d. Red.: 

(*) Hier wurde der Name des Instituts in der Abschrift richtiggestellt.

(**) An dieser Stelle wurde die Interviewpartnerin irrtümlich als Leiterin des Berliner Labors eingeführt, tatsächlich ist sie aber wissenschaftliche Koordinatorin am ICI Kulturlabor Berlin. Der Fehler wurde in der Abschrift korrigiert. 

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